Summum ius – summa iniuria

Textkasten
aus OWEP 4/2011  •  von Berislav Župarić

Dass das höchste Recht das größte Unrecht bedeuten kann, darin ist man sich bei den Franziskanern in Bosnien und Herzegowina ziemlich einig. Der Grund dafür ist ein seit über hundert Jahren andauernder Streit um die Neuverteilung der Pfarreien zwischen dem Diözesanklerus und dem Franziskanerorden. Seit der Wiedererrichtung einer ordentlichen Hierarchie im Jahre 1881 waren die Franziskaner nicht mehr die einzigen katholischen Geistlichen im Land und mussten daher einige der Pfarreien dem Diözesanklerus zur Verfügung stellen.

Während der Streit in Bosnien fast überall relativ friedlich verlief, steigerte sich der Konflikt in der Herzegowina in den letzten fünfzig Jahren derart, dass die Gläubigen in einigen Pfarreien lieber ganz auf einen Pfarrer verzichteten, als einem Diözesanpriester Einzug in das Pfarrhaus zu gewähren. Mehrere Ordensbrüder widersetzten sich sogar den Anweisungen des zuständigen Bischofs von Mostar, des Ordensgenerals und des Papstes und betreuten weiterhin die aufständischen Pfarreien trotz des ausdrücklichen Verbots. Auch als die Franziskanerprovinz gezwungen wurde, sich den vatikanischen Dekreten zu beugen und die Pfarreien dem Bischof zu überlassen, setzten einige der inzwischen wegen „hartnäckigen Ungehorsams“ suspendierten Franziskanerpatres ihre Dienste in den umstrittenen Pfarreien fort, die damit faktisch im Schisma sind. Dieser Zustand hat auch zur Folge, dass der Bischof in manchen dieser Pfarreien seit Jahrzehnten keine Firmung mehr gespendet hat und dass die Spendung dieses Sakraments die dortigen Franziskaner selbst übernommen haben.