Stari Most, die Alte Brücke – Bogen des Lebens und des Todes

Zusammenfassung

In illustrierten Büchern über Jugoslawien durfte sie niemals fehlen: die Alte Brücke in Mostar, für den Mitteleuropäer ein typisches Symbol für die Verbindung zwischen Okzident und Orient und damit nah und fremdartig zugleich. Ebenso ins kollektive Gedächtnis eingegraben sind Zerstörung und Wiederaufbau, die erst wenige Jahre zurückliegen.

Martina Mlinarević-Sopta hat in Mostar Anglistik und Kroatistik studiert. Sie ist Dichterin, Prosaistin, tagespolitische Kommentatorin, eine der meistgelesenen Internetkolumnistinnen, und ist an einem bosnisch-herzegowinischen und einem kroatischen Internetportal als gesellschaftliche Aktivistin beteiligt. Sie leitet das Zentrum für Fremdsprachen und lebt in Široki Brijeg.

Miljenko Jergović, einer der hervorragendsten bosnischen Literaten der heutigen Zeit, bezeichnete diese Brücke als einen „abgeschnittenen Fingernagel von Gottes Daumen“. Einige der schönsten Gedichte der Völker Bosniens und der Herzegowina sind der Alten Brücke und Mostar gewidmet. Vor ihrer außerordentlichen Schönheit standen schon zahlreiche unvergessliche Literaten und versuchten, das Gefühl auf Papier zu übertragen, das einen überkommt, wenn man die gewundenen steinernen Sträßchen des Stadtteils Kujundžiluk hinabsteigt und dieses faszinierende Bauwerk, das in seiner Geschichte immer mehr als nur eine Brücke war, wie auch Mostar immer mehr als nur eine Stadt war, wenn es also wie eine Taube, die zwischen zwei Türmen gefangen ist, vor den Augen aufleuchtet.

Die Reinheit der Farben ist das erste, was man von Mostar bemerkt. Insbesondere, wenn man aus Richtung Sarajevo kommt und die Hänge der verzaubernden bosnischen Berge im Nebel hinter sich lässt, die eine unsichtbare natürliche Grenze bilden, die zwei Gebiete trennt, welche nicht nur klimatisch, sondern auch von der Mentalität her verschieden sind. „Der Geist von Mostar“ ist ein Synonym für die außergewöhnliche Leichtigkeit und den einzigartigen Humor, welche den Menschen aus dieser Gegend in den schwersten Momenten geholfen hat, standhaft zu bleiben. Wenn man den letzten Tunnel verlässt, explodiert geradezu die Schönheit des Mostarer Tals vor den Augen, wie ein überreifer herzegowinischer Granatapfel, mit einer Sonne, wie man sie wohl selten anderswo sehen kann: eine goldene Kugel, aufgehängt an einem kristallblauen Himmel. Von beiden Seiten der Straße duften die Obstbäume, eine Rhapsodie aus der spröden herzegowinischen Erde, die mit den fleißigen Händen ihrer Bewohner dem uralten kargen Steinboden abgerungen wurde. Am längsten wird man die Süße der Mostarer Kirschen am Gaumen schmecken. Und der Fluss Neretva, geheimnisvoll, wild und schnell, braust entlang des Weges, mit einer Farbnuance, die noch niemand richtig beschrieben hat. In normalen Welten verbinden Flüsse Ufer miteinander, aber die Neretva ist alles andere als ein normaler Fluss. Ihre Geschichte ist schmerzhaft und wunderbar, sie ist der wahrhafte Sinn dieses Himmelsstrichs, sie hat den Menschen dieser Gegend Leben gegeben und sie hat Blut getrunken, wenn sie die Toten dieser Gegend wegtrug, den ganzen Weg bis zum Meer, wo sich ihr Lauf schließlich beruhigt. Entlang ihres Weges durch die Stadt von einigen Brücken überspannt, die seit jeher ihr Wahrzeichen sind und die der Stadt durch die Mostari (eigentlich: die Brückenwächter) auch den Namen gegeben haben, ist sie dort am schönsten, wo sie sich unter der Alten Brücke durch die Stromschnellen zwängt.

Hajrudin, der die Brücke nie gesehen hat

Um die Alte Brücke und ihren Bau ranken sich viele Legenden und historische Schriften. Vor dem Bau der Alten Brücke waren hier die Ufer der Neretva bereits mit einer Brücke verbunden. Diese Brücke wird, wie auch Mostar selbst, zum ersten Mal in einem Brief eines Dubrovniker Bürgers an seinen Stadtrat erwähnt, in dem er schreibt, dass sich Vladislav Hercegović, Sohn des Herceg Stjepan, von seinem Vater losgesagt und ihm Blagaj, zwei Burgen und die Brücke an der Neretva (et do castelli al ponte Neretua) geraubt hat. Die Türken haben dieses Gebiet im Jahr 1466 erobert, und das Städtchen bei der Brücke wurde immer wichtiger. Man weiß nicht genau, wann diese erste Brücke gebaut worden war, aber es ist bekannt, dass sie bis zur Herrschaft Mehmeds II., des Eroberers, genutzt wurde, unter dem im 15. Jahrhundert eine neue gebaut wurde. Doch war auch diese neue Brücke von schlechter Qualität.

Im Jahr 1565 benachrichtigten die Bewohner Mostars Sultan Sulejman I. in Istanbul davon, dass die Brücke in der Gemeinde Mostar über den Fluss Neretva baufällig war, und baten ihn, stattdessen eine neue Brücke zu erbauen. Der Sultan bestimmte, dass die alte Brücke abgerissen und der Bau einer neuen Brücke begonnen werden sollte. Also erließ er entsprechende Anordnungen an den Kadi (Richter) von Mostar und Muhamed-beg, den Vertreter des Sultans in der Herzegowina. In Dokumenten im staatlichen osmanischen Archiv in Istanbul finden sich wichtige Informationen über die Vorbereitungen zum Bau, über die sozialen Kategorien und die juristischen Personen, die nach dem Gesetz an der Finanzierung der Brücke zu beteiligen waren, über die Schätzung der Höhe der Baukosten und darüber, wer die fachlichen und die physischen Bauarbeiten durchführen sollte. Dort findet sich auch ein Dokument, in dem der Name des Architekten angeführt ist, der den Plan für die Brücke und die beiden steinernen Türme zu ihren Seiten entworfen hat. Es handelt sich um ein Projekt des Baumeisters Hajrudin, Schüler des Baumeisters Sinan, des größten osmanischen Architekten im 16. Jahrhundert. Die Angabe ist zudem in einem Dokument des „Mühimme defteri“ (türkisch: wichtiges Buch) aus den Jahren 1567-1569 erhalten. Im Erlass des Sultans, gerichtet an den Staatsarchitekten Sinan, heißt es, dass der herzegowinische Beg Husein für den Bau einer Festung im Hafen Makarska der Hohen Pforte den Architekten Hajrudin vorgeschlagen hat, der kurz vor dem angegebenen Datum mit sehr großem fachlichem Geschick und Können die Planung und den Bau der Brücke in Mostar beendet hat. Er war ein junger Mann aus der Gegend, der am Hof des Sultans in einer technischen Schule ausgebildet worden war. Nach dem Abschluss des Studiums arbeitete er in einem Team von staatlichen Architekten. Da er die Sprache des Volkes sprach und mit den Arbeitern und der Bevölkerung kommunizieren konnte, bei der die Brücke gebaut werden sollte, wurde er angewiesen, das Terrain zu begutachten. Die Arbeiten begannen am 24. Oktober 1557. Für den Bau waren 456 Steinblöcke und 300.000 Akçe (damalige Währung im Osmanischen Reich) nötig. Der Stein war der berühmte Tenelija, ein Kalkstein, der in einem Steinbruch etwa fünf Kilometer südlich der Stadt gewonnen wurde.

Die Bogenlaibung der Brücke ist aus 111 Reihen von Steinblöcken gebildet. Jede Reihe besteht aus zwei bis fünf Steinblöcken. Die Geometrie der Brücke und die schiere Faszination, die der Bau hervorgerufen hat, haben schon immer die Aufmerksamkeit wissenschaftlicher und architektonischer Untersuchungen angezogen. Der Bau wurde von vielen Unglücksfällen begleitet, aber die fleißigen Arbeiter haben alles ausgehalten. Der Bogen ist fast 29 Meter lang, 20 Meter hoch und wie ein abgesenkter Halbkreis gekrümmt. Der Radius der Krümmung der Brücke beträgt 19,5 Ellen bzw. 14,76 Meter. Charakteristisch ist die schlanke und elegante Gestalt des Bauwerks: Das Profil der Brücke ist so dünn und hoch über dem Wasser, dass es vielen schwerfiel sich vorzustellen, ein solches Bauwerk könne aus riesigen Steinblöcken gebaut werden. Die Brücke hat eine helle, leuchtende Farbe, die sich während des Tages, abhängig von der Sonne, ändert. Die Arbeiten wurden 1566 fertiggestellt, womit eine der schönsten Brücken der Welt erbaut worden war.

Eine Legende, die sich um den Bau der Brücke rankt, ist besonders interessant: Aufzeichnungen berichten, dass zu der Zeit, als das Gerüst von der fertigen Brücke abgenommen werden sollte, der berühmte Bauherr Hajrudin geflohen war, da er dabei nicht zuzusehen wagte, aus Angst, dass mit dem Gerüst auch die ganze Brücke einstürzen würde. Angeblich hatte Sultan Sulejman I. Hajrudin den Tod angedroht, sollte die Brücke einstürzen. Es ist überliefert, dass er den Boten, der ihm die gute Nachricht von der erfolgreichen Eröffnung der Brücke überbrachte, mit fünf Beuteln Dukaten belohnte; er selber hat sein Meisterwerk aber bis zum Lebensende nicht gesehen.

Die Brücke im Krieg, die Brücke im Frieden

Von Hajrudin bis zum Beginn der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts diente die Brücke als Verbindung zwischen den Ufern des Flusses, als Ort der Begegnung, als einzigartiges Detail auf den Postkarten dieses bunten Himmelsstriches, das Touristen, Passanten, Reiseschriftsteller und Dichter begeistert hat. Von der Brücke wurde in die kalte und schnelle Neretva gesprungen, unter ihr wurde poussiert, und von ihr wurde der Sonnenuntergang betrachtet, wenn die Sonne träge hinter die Rücken der umliegenden Berge hinabglitt.

Im Wahnsinn des Krieges, der Mitte der neunziger Jahre Bosnien und Herzegowina erreichte, erlitt Mostar starke Zerstörungen, die den einzigartigen Geist der Stadt unwiederbringlich auslöschten. Am 9. November 1993 wurde die Alte Brücke durch erbitterten Granatenbeschuss zerstört. Diese Zerstörung ist eines der stärksten Symbole für die Kriegszeit; die Filmsequenz lässt einen schaudern und den Atem stocken. Der Fall der Brücke in den Fluss bedeutete die Zerstörung jeglicher Vernunft, die Teilung einer Stadt in zwei nationalistisch vergiftete Ufer, die seither bis heute einen verschwiegenen, leisen Krieg tief in sich selbst führen. Die Alte Brücke wurde bis 2004 wiedererrichtet, völlig erneuert und 2005 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.

Seither lockt die Brücke zahlreiche Touristen an, die die unübertroffene Schönheit und den Glanz der Steine auf dem elegant gestreckten geschwungenen Bogen zwischen den Türmen Tara und Halebija bewundern; dort sind Museen, reich an archäologischen Schätzen und an ausführlichen fotografischen Darstellungen der Brücke in der Periode zwischen der Zerstörung und dem Wiederaufbau. Die Alte Brücke ist heute die Personifizierung der Wahrheit, dass auf dieser Welt nichts ewig und unsterblich ist und die brutale Anwesenheit des menschlichen Bösen die größten menschlichen Errungenschaften einfach in Staub verwandeln kann. Sie ist auch eine Geschichte, die man mit Ehrfurcht hört: verletzt und wieder auferstanden, wie Phönix aus einem skrupellosem Chaos, ein Zeuge der Zeit, von guten und schlechten Menschen, von schönen und unglücklichen Tagen.

Die Nachkriegsmarginalisierung des wahren „Geists von Mostar“ versucht leider, all das Menschliche, Humane und Humorvolle, das diese Stadt ausgemacht hat, auszurotten. Die Alte Brücke wird als Eigentum des einen Volkes an dem einen Flussufer eingeordnet, während das andere auf dem anderen Ufer jede Verbindung mit ihr negiert. Allerdings wird für einen Menschen, der Mostar liebt und im Herzen hat, niemals etwas geteilt sein, das man mit Gewalt zu teilen versucht.

Wenn Sie im Sommer nach Mostar kommen, wird die Hitze in der von Bergen umgebenen Stadt Sie in ein betäubendes Karussell versetzen, werden die abgetretenen Steine faszinierende Reflektionen in Ihren überraschten Augen erscheinen lassen, wird die Neretva rettende Kühle für Ihre schmerzenden Füße bieten. Wenn Sie im Winter nach Mostar kommen, werden Sie den Mostarer Nordwind spüren, der die Seele zerreißt und den Körper reinigt, der alles vor sich herträgt und dem Himmel die Wolken wie ein Wirbelsturm zerpflückt, bis zu seiner einzigartigen Bläue. Auf Ihrer Lippe werden einige Flocken vom Berg Velež oder aus dem Gebirgsort Goranci landen, Sie werden das Trampeln wilder Pferde von den Bergwiesen hören, die Kirchenglocken werden von den Kirchen läuten, der Ruf zum Gebet aus den Moscheen erschallen, und vielleicht werden Sie im Augenwinkel sehen, wie der Schatten und der Hut des größten Mostarer Dichters, Aleksa Šantić, über die Brücke huschen.1 Im Frühling ist Mostar gerade wie aus den Gedichten. Der Herbst riecht nach Esskastanien und Regen für Umarmungen unter einem Regenschirm. Aber wann auch immer Sie kommen, eines ist in Mostar immer gleich: die Alte Brücke. Stolz, glänzend und gewaltig. Die schönste Brücke, voller Trauer und Freude.

Aus dem Kroatischen übersetzt von Thomas Bremer.


Die Brücke wurde 1557-1566 aus Tenelija-Kalkstein erbaut. Ihr markanter Bogen ist ca. 29 Meter lang, 20 Meter hoch und wie ein abgesenkter Halbkreis gekrümmt (Radius der Krümmung: 14,76 Meter). Nach Kriegszerstörung 1993 wurde sie zwischen 1995 und 2004 in den alten Formen wiedererrichtet.


Fußnote:


  1. Diese Anspielung ist eher metaphorisch zu verstehen, denn der Lyriker Aleksa Šantić ist bereits 1924 verstorben.