Bulgarien: Roma auf den Saturn oder hinter die Sahara!

aus OWEP 3/2012  •  von Dimitar Denkov

Zusammenfassung

Mit provokanten Parolen machen Nationalisten in Bulgarien gegen die Roma Front, deren soziale Lage sich in den letzten Jahrzehnten ständig verschlechtert hat. Auch wenn der Rechtsextremismus parteipolitisch eher unbedeutend ist, plädiert der folgende Beitrag für Wachsamkeit gegenüber entsprechenden Umtrieben und fordert zu einem ernsthaften Engagement für eine Verbesserung der Lage der Minderheiten im Lande auf.

Prof. Dr. Dimitar Denkov ist Professor für Philosophie an der Universität Sofia.

I.

Die makabre Legende, wonach in Konzentrationslagern die Juden zu Seife verarbeitet wurden, und die mundartlich-phonetische Verwandtschaft zwischen dem bulgarischen Wort „sapun“ (Seife) und dem Namen des fernen Planeten scheinen der Hintergrund zu sein, worauf sich der witzige Spruch „Roma auf den Saturn“ auf Wohnblock- und facebockwänden bezieht, nachdem er sich als eine durchaus ernst zu nehmende nationalistische Parole „Roma zu Seife“ etabliert hatte. Freilich klingt er bisweilen human und sogar mit der wissenschaftstechnischen Entwicklung verbunden. Der Spruch soll danach etwas durchaus Positives ausdrücken: Die „Menschlichkeit“ des „Madagaskar-Plans“1 in der technischen Gegenwart weiterzuführen, die Roma also nicht zu Seife zu verarbeiten – die meisten sind sowieso mager –, sondern sie fernzuhalten, weg von Bulgarien, dessen Boden die Verschmutzung seines Blutes durch Roma nicht duldet. Immerhin sind es rund 38 Prozent der bulgarischen Bevölkerung, die das Romaproblem durch Aussiedlung lösen wollen.

Was die türkische Minderheit betrifft, gilt ein blutgieriger Spruch, der bei den eher seltenen Exzessen zusammen mit dem für die Roma zitiert wird: „Türken sollen unters Messer.“ Bisher ist so etwas keinem passiert – die Bulgaren sind wegen ihrer ethnischen Toleranz berühmt, Fußballfans und Skinheads gibt es nicht so viele und nicht so aggressive, um die Energie einer kritischen Masse nach außen zu lenken; gerne beschimpfen und verprügeln sie sich gegenseitig.

Der Spruch und seine „humane“ Deutung wird oft dem Führer der bulgarischen Nationalisten, Volen Siderov, zugeschrieben und von seinen Anhängern verbreitet, obwohl es nicht erwiesen ist, dass er ihn direkt ausgeklügelt hat. Man braucht das auch nicht: Die Bücher von Siderov über die „jüdische Verschwörung“ stehen seit langem in den Bücherläden Bulgariens, nebst „Mein Kampf“ und den „Protokollen der Weisen von Zion“.2 Die Hasspropaganda gegen Roma, Türken und nationale Verräter von links und rechts ist das Lieblingsgenre seiner Reden im Parlament und sonstigen Kundgebungen in der Nähe von Moscheen, Ghettos und Zeitungsredaktionen, die als „Feindagenturen“ bezeichnet werden. Wenn man dazu die Schwarzlederjacke und den Parteigruß seiner Partei „Ataka“ (Angriff)3 – rechte Hand zur Faust geballt und nach oben gerichtet – hinzuzählt, weiß man genau, wo man ihn und seine Anhänger einzuordnen hat und wo er seine Gegner sieht, nämlich in den Feinden alles „rein Bulgarischen“, „echt“ Patriotischen und „weißen“ Europäischen.

II.

Somit unterscheiden sich die bulgarischen Nationalisten kaum von anderen in der Welt, die als Träger einer kurzen politischen Bekleidung in Krisenzeiten wieder guten Zulauf zu ihrer Mode finden. In ihrer nackten Rhetorik tauchten in letzter Zeit auch globalisierungsfeindliche und christlich-orthodoxe Zügen auf, denn Siderov, ehemals Fotograf und nach der Wende Chefredakteur der antikommunistischen Zeitung „Demokratia“, hatte sein Theologiestudium während des ersten Mandats im Parlament beendet. Das bremst etwas das extremistische Pathos, aber der wirkliche Grund scheint banaler zu sein: Am 2. Juni 2012 gründeten seine Ex-Frau Kapka Siderova und der Stiefsohn Dimitar Stojanov (übrigens Abgeordneter im Europäischen Parlament, Mitglied des Vorstandes der kurzlebigen Fraktion „Identität, Tradition, Souveränität“) eine neue „mildnationalistische“, in gewisser Hinsicht jedoch altmodische „Familienpartei“. Sie soll die echten Wurzeln des Patriotismus, des Glaubens und der bulgarischen Ehre, vor allem in der Familie, bewahren. Was die Partei und die Familie betrifft, ist es durchaus verständlich: Siderov hatte sich in eine Liebesgeschichte mit einem hübschen Fraktionsmitglied verwickelt, und diese Frau war zuvor mit seinem Stiefsohn verlobt gewesen – ein Szenario, das sogar die Regisseure der in Bulgarien populärsten türkischen Fernsehserien sich kaum vorstellen konnten: Seine Nächsten wurden komischerweise zu den Fernsten.

Diese Mischung aus Witz, historischen Anspielungen, komischen Nachahmungen, Slapstick und Operettengags mit der zugehörigen kulturpolitischen Wirklichkeit Bulgariens, die dazu geführt hat, dass die Partei „Ataka“ in der bulgarischen Volksversammlung bereits zweimal mit 8 bzw. 9 Prozent der Stimmen vertreten gewesen ist, weist ganz klar auf einen nicht immer auffälligen, jedoch stets präsenten, akuten Extremismus hin. Auch wenn er die Sprache der geschichtlich bekannten Rechten oder Linken benutzt, ist dieser Extremismus kein rechter oder ein linker. Außer einzelnen Fällen, die überflüssigen Medienlärm verursachen, hat er keine tragischen Dimensionen. Der klassische Weg von der Tragödie zur Farce geht weiter in die Opera buffa. Daher scheint der bulgarische Extremismus im Vergleich zu anderen extremistischen und nationalistischen Bewegungen und Parteien in Europa harmloser zu sein. Mit Sicherheit steht er für die Banalität des Bösen, die wir dank seiner Komik zu vergessen und seine witzigen Sprüche zu entschuldigen geneigt sind.

III.

Die Sprüche sind aber durchaus verständlich, denn sie decken die Realität auf, in der die Roma wirklich fern von den anderen bulgarischen Bürgern leben Daher brauchen sie nicht auf den Saturn geschickt zu werden. Da eingangs die Familie genannt wurde, gilt es anzumerken, dass rund 77 Prozent der Bulgaren keine Ehe mit Roma eingehen würden. Ähnlich groß ist die Abneigung bei den bulgarischen Türken gegenüber den Roma. Eine Freundschaft zwischen Bulgaren und Roma bejahen 86 Prozent der Roma, aber nur ca. 54 Prozent der Bulgaren. Das ist auch verständlich hinsichtlich einer anderen Isolation: Die Lebensumstände der Roma in Bulgarien (und Europa überhaupt) zeigen fast alle Merkmale eines Lebens südlich der Sahara. Die „subsaharische“ Realität ihres Lebens ist gefährlicher als die extremistische Sprache, die sie auf den Saturn wünscht!

Demographische Krise, Emigration von ca. 1,2 Millionen Bürgern nach Westeuropa und in die USA, Landflucht, Verfall der bestehenden Industrie und strukturelle Arbeitslosigkeit konzentrierten die bulgarische Bevölkerung seit der „Wende“ in einigen wenigen Regionen. Dies führte letztlich zu zentralistischen und korrupten Regierungspraktiken, die den Großstädten zugute kamen. In der Hauptstadt Sofia und ihrer Region leben und arbeiten ca. 25 Prozent der bulgarischen Bevölkerung, ungefähr ebenso viel in den restlichen sieben Großstädten. Bulgarien gehört eindeutig zu den ärmsten Ländern Europas. Etwa 24 Prozent der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze von 101 Euro pro Monat. Am ärmsten sind dabei die Roma – etwa 84 Prozent haben nur einen Euro oder weniger pro Tag zur Verfügung. Diese enorme Armut reduziert jede Integrationschance aus eigener Kraft auf ein Minimum. Sie öffnet aber das Tor zu weiterer sozialer Marginalisierung und Kriminalisierung: In diesen beiden sich überschneidenden Kreisen entwickelt sich das Leben der Roma.

Ein Grund für die bulgarische Armut ist die hohe Arbeitslosigkeit in den ländlich geprägten Regionen; bei den dort lebenden Roma sind 35-50 Prozent ohne Arbeit, bei der türkischen Minderheit 25-35 Prozent. In der Hauptstadt Sofia dagegen beträgt die Arbeitslosenquote nur 3-4 Prozent, im Landesdurchschnitt liegt sie bei etwa 12 Prozent. Das gilt aber nicht für die ca. 60.000 Sofioter Roma – in ihren neunzehn Ghettos liegt die Arbeitslosigkeit bei 30 Prozent. Als Folge bilden sich stabile Enklaven von Minderheiten, d. h. sprachlichen und konfessionellen Gruppen, die als solche in bestimmten Bezirken eines Nationalstaates oder einer Stadt die Mehrheit stellen. Diese Entwicklung trifft mit besonderer Härte die Roma und die türkische Minderheit, deren Kinder ohne ausreichende Sprachkenntnisse die ersten Schuljahre absolvieren müssen. Damit setzt ab dem ersten Schuljahr ein Modell ein, das – zynisch auf den Punkt gebracht – als die bulgarische Variante des modernen „lebenslangen Lernens“ gelten kann, wobei die ersten sieben Jahre niemals aufzuholen sind. Im Ergebnis führt dies zu einer strikten Trennung in den Schulen: Die meisten Schüler türkischer Herkunft konzentrieren sich in 120 Grundschulen und in 34 Oberschulen; die Roma konzentrieren sich in 550 Grundschulen, zumeist Dorfschulen, aber nur 17 Oberschulen. Nach einer unseligen Tradition, die noch aus den Zeiten des „real existierenden Sozialismus“ stammt , sind mehr als 85 Prozent der Schüler in den „Institutionen“ (d. h. Schulen für geistig Behinderte, Waisen, Kinder von Häftlingen usw.) Roma – es ist nicht verwunderlich, dass die Zöglinge dieser Schulen nach sieben Jahren Unterricht sogar ihre Abschlusszeugnisse nicht lesen können.

Ähnliches gilt generell für die Schulabschlüsse: 22,6 Prozent der Bulgaren, 55 Prozent der bulgarischen Türken und 46,2 Prozent der Roma haben nur einen Grundschulabschluss. Bei der Matura lauten die Zahlen jedoch 54 Prozent, 24 Prozent und 7,8 Prozent. Besonders markant sind die Angaben bezüglich der Hochschulausbildung: Hier sind es ca. 23,5 Prozent der Bulgaren gegenüber 2,7 Prozent der türkischen Minderheit und 0,2/0,4 Prozent der Roma. Perspektiven für eine Veränderung lassen sich nicht erkennen, egal wie oft man über „Bildungsentwicklung“ spricht. Korrekter wäre es, über „Bildungssegregation“ zu sprechen, die jegliche Integration aufgrund eines fehlenden gemeinsamen Arbeits- und Alltagslebens unmöglich macht.

Am meisten beunruhigt der Anteil der Menschen ohne Grundschulausbildung. Er liegt bei den Bulgaren nahezu bei null Prozent, bei der türkischen Minderheit bei 5,6 Prozent – bei den Roma erreicht er 20,5 Prozent. In der Mehrheit sind diese Menschen Analphabeten. Im Hinblick auf das Schlagwort „Kinder gebären Kinder“, das vor allem für die Roma zutrifft, gilt außerdem die feste Norm, dass sie diesen Analphabetismus ihren Kindern weitergeben. So gibt es im Bulgarien des 21. Jahrhunderts, ähnlich wie am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts, eine dritte Generation von Analphabeten. Der Anstieg des Analphabetismus wird zusätzlich durch religiöse, geschlechts- und altersspezifische Aspekte verstärkt. So ist er etwa für muslimische Romamädchen im Alter zwischen 12 und 14 Jahren besonders prägend. Es ist nicht so selten, dass Mädchen in diesem Alter Mütter werden und unter den verschlossenen Augen der Sozialämter und mit Hilfe zahlreicher Nichtregierungsorganisationen ihre ethnischen Traditionen pflegen. 2011 wurde die elfjährige Cortesa aus Sliven, einer Stadt mit etwa 100.000 Einwohnern – darunter 20 Prozent Roma – die jüngste Mutter Bulgariens. Natürlich gab das wieder den Hetzparolen, Romafrauen sollten sterilisiert werden, Auftrieb, wobei geflissentlich verschwiegen wird, dass die Lebenserwartung der Roma bei 58 Jahren liegt, bei den Bulgaren jedoch bei 77 Jahren.

IV.

Dieser Zustand der Marginalisierung und Isolation der Roma kommt übrigens der politischen und wirtschaftlichen Führungsschicht zugute, die große Gruppen schlecht gebildeter Menschen zur Eigenlegitimation, bei Wahlen und beim Treffen von politischen Entscheidungen und bei Projektfinanzierungen ausnutzt – so bleibt der Status quo zur Verwirklichung der eigenen Ziele ungefährdet erhalten. Letztendlich garantiert dies die Stabilität einer Politik, die kein Interesse an einer Verringerung oder Überwindung dieser Ungleichstellung durch Bildung, Aufklärung und Qualifikation hat. Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, dass Bulgarien sich unter jenen im Bildungs- und Sozialbereich stagnierenden Ländern einreiht, in denen das Allgemeinbildungs- und Qualifikationsniveau degradiert wird und der Beobachter mit dem Paradox konfrontiert ist, dass die älteren Generationen über ein höheres Bildungsniveau als ihre Kinder und Enkel verfügen.

Daher scheint es wirklich kurios, sich vor einem eher witzigen Nationalismus zu ängstigen. Die Parole „Roma auf den Saturn“ wirkt blass im Vergleich zur Realität in Bulgarien „hinter der Sahara“. Dieser witzige Nationalismus schiebt mit seinen Parolen die alte rassistische Erklärung nach, derzufolge die Schwächsten für ihre eigenen Probleme wie auch für die der anderen schuldig sind. Die Romafrage in Bulgarien und Europa insgesamt hält uns aber den Spiegel vor und stellt uns die christlich wie humanistisch motivierte Aufgabe, den Schwächten – auch wenn und vor allem wenn sie nicht unserer Nation und unserem Glauben angehören – zu helfen. Denn der Fernste ist auch der Nächste.


Fußnoten:


  1. Gemeint ist der Plan der Nationalsozialisten, große Teile der jüdischen Bevölkerung Europas nach Madagaskar auszusiedeln (Anm. d. Redaktion). 

  2. Dieses berüchtigte Traktat, in dessen Mittelpunkt die These einer „jüdischen Weltverschwörung“ steht, erschien zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Russland und wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit in Kreisen des russischen Geheimdienstes verfasst. Obwohl schon lange als Fälschung entlarvt, kursiert es bis heute in antisemitischen Kreisen (Anm. d. Redaktion). 

  3. Vgl. dazu auch Tim Graewert: Schlaglichter auf das bulgarische Wahljahr 2009. In: OST-WEST. Europäische Perspektiven 10 (2009), H. 4, S. 255-261, bes. S. 259 f. (der gedruckten Ausgabe).