Zwischen Eigensinn und Realitätsflucht: „Skopje 2014“ als Bau an der Nation

aus OWEP 1/2015  •  von Ulf Brunnbauer

Zusammenfassung

Seit fast vier Jahren wird im Stadtzentrum von Skopje, der Hauptstadt Makedoniens, eifrig gebaut, um das Projekt „Skopje 2014“, eine nationalistische Großbaustelle, zu realisieren: Rund 20 neue Gebäude für Ministerien und andere staatliche Behörden und über 40 Denkmäler geben der Stadt ein neues Antlitz. Ihnen gemein sind eine kitschige, neo-klassizistische Architektur sowie das Beschwören eines bis auf die Antike zurückreichenden Erbes. Der vorliegende Beitrag erklärt die außen- und innenpolitischen Hintergründe des Bauvorhabens.

Prof. Dr. Ulf Brunnbauer ist Professor für Geschichte Südost- und Osteuropas an der Universität Regensburg und geschäftsführender Direktor des Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg. Die Bilder in diesem Beitrag hat er bei einer Exkursion 2013 gemacht.

An einem nasskalten Tag im Januar 2012 eröffneten der makedonische Ministerpräsident Nikola Gruevski sowie die Kulturministerin Elizabeta Kanceska-Mileska die pompöse „Porta Makedonija“. Dieser neuerrichtete Triumphbogen im Stadtzentrum von Skopje ist einer der baulichen Höhepunkte von „Skopje 2014“. Hinter dieser Chiffre verbirgt sich das ambitionierteste städtebauliche Projekt im gegenwärtigen Europa; es geht um nichts weniger, als der Hauptstadt der Republik Makedonien ein völlig neues Antlitz zu verpassen. Zugleich manifestiert das Projekt die aktuellen Trends der Geschichtspolitik in Makedonien. Skopje 2014 ist Nationsbildung im wörtlichen Sinne, hier baut eine Regierung nationale Identität. Die durch zahlreiche neue Bauten ausgedrückte Botschaft richtet sich nach außen wie nach innen, hinter der einfältigen Architektur verbirgt sich mithin ein vielfältiger Kommunikationsakt.

Anlässlich der Einweihung des Triumphbogens erklärte Ministerpräsident Gruevski, er sei der Ideengeber für Skopje 2014 gewesen, das er als „nützliches Projekt von hoher Qualität, das keine Schattenseiten aufweist“, pries.1 Der Triumphbogen sei Ausdruck des größten Sieges der makedonischen Nation, ihrer Unabhängigkeit. Auch die Kulturministerin erging sich in Pathos: „Ich wünsche, dass die Porta Makedonija ein monumentales Buch für die Errungenschaften Makedoniens werden wird; der Platz, wo – wie Goethe sagte – Kunst alles das ausdrückt, was nicht mit Worten gesagt werden kann.“ Und in der Tat, Skopje 2014 lässt sich schwer in Worte fassen …

Das Bauprojekt

Skopje 2014 wurde 2010 von der Regierung der Republik Makedonien lanciert, um der Hauptstadt ein neoklassizistisches Antlitz zu verleihen und sie mit historischen Monumenten zu saturieren.2 Das Projekt umfasst zum einen die Errichtung von ca. 20 neuen Gebäuden für Ministerien, Verwaltungs- und Kultureinrichtungen. Die Gebäude, die durchweg im unmittelbaren Stadtzentrum entstanden sind, die meisten davon entlang des Vardarufers, zeichnen sich durch kitschige neo-barocke bzw. neo-neo-klassizistische Architektur aus. Neben Neubauten werden aus der Zeit des Sozialismus stammende Gebäude mit pseudo-antiken Fassaden „aufgehübscht“. So wird sich der kubische, mit Glas- und Metallfassaden versehene Regierungssitz bald in eine missratene Kopie neoklassizistischer Architektur des 19. Jahrhunderts verwandeln.3 Offensichtlich gilt auch für die Architektur das Bonmot von Karl Marx: Geschichte widerholt sich als Farce. Der Architekt Nikos Čausidis spricht von einem „zeitgenössischen eklektischen pseudoklassizistischen Anachronismus“.4

Eine weitere Gemeinsamkeit der Bauten ist der saloppe Umgang des Bauherrn – d. h. der Regierung – mit dem Baurecht. Ähnliches gilt für die Baukosten, deren Umfang unbekannt ist: Während Regierungsquellen von Gesamtkosten in Höhe von 80 Millionen Euro sprechen, vermuten Kritiker eher eine Summe von 500 Millionen Euro.5 Die Kostensteigerungen bei den einzelnen Projekten lassen die Zahlen der Regierung wenig wahrscheinlich erscheinen, zumal die Auftragsvergabe äußerst intransparent erfolgt ist. Kritiker sehen daher Skopje 2014 nicht nur als Gipfelpunkt der Geschmacklosigkeit, sondern auch der Korruption und des Klientelismus. Eine breitere gesellschaftliche Diskussion des Projekts hat vor Baubeginn nicht stattgefunden: Der ohnehin zunehmend autoritär agierende Ministerpräsident vertraute alleine auf seine und seiner Einflüsterer Weisheit.

Neben den zahlreichen Gebäuden entstehen mehr als 40 Denkmäler, die diverse Helden der makedonischen Geschichte darstellen sollen. Genauer gesagt dienen sie der Erfindung und (im Wortsinne) Konstruktion einer mehr als zweitausend Jahre zurückreichenden nationalen Geschichte, denn viele dieser Persönlichkeiten sind aus anderen Geschichten, vor allem der griechischen und der bulgarischen, bekannt. Die Palette reicht von Alexander dem Großen und seinem Vater Philipp II. über Kyrill und Method, die makedonischen Nationalrevolutionäre des 19. Jahrhunderts bis zu den „Verteidigern Makedoniens“, d. h. den 2001 im Kampf von albanischen Aufständischen getöteten Soldaten und Polizisten. Abgerundet wird die Umgestaltung des Stadtbilds durch Brunnen, fix verankerte Pseudo-Segelschiffe im Vardar, neue bzw. neugestaltete Brücken, ein Riesenrad sowie den bereits erwähnten Triumphbogen.

Mit Skopje 2014 erfindet die Regierung eine Bauperiode, die es in Skopje nie gegeben hat. Vielmehr ist das bisherige Stadtbild durch osmanische Architektur6 einerseits, sozialistische andererseits geprägt. Darin spiegelt sich die Geschichte der Stadt wider, die sich mehr als ein halbes Jahrtausend unter osmanischer Herrschaft befunden hat und von 1944 bis 1991 Hauptstadt der sozialistischen Republik Makedonien innerhalb des föderativen jugoslawischen Staates gewesen ist. Die sozialistische Zeit hat nicht zuletzt aufgrund des verheerenden Erdbebens von 1963 tiefe Spuren im Stadtbild hinterlassen, stammt doch ein großer Teil der Gebäude aus der Zeit danach. Für die dominante Regierungspartei, die nationalistische VMRO-DPMNE7, sind beide Perioden ein Anathema: die osmanische Herrschaft – das so genannte „türkische Joch“ – gilt ihr als dunkles halbes Millennium und die Zugehörigkeit zu Jugoslawien als Zeit der Unterdrückung des makedonischen Bestrebens nach Eigenständigkeit. Umso unerträglicher muss die offenkundige Präsenz dieser Geschichte im Stadtbild der Hauptstadt für die makedonischen Regierungsverantwortlichen sein, zumal sie beide Epochen als „uneuropäisch“ wahrnehmen. Skopje 2014 ist der gezielte Versuch, eine abgelehnte Geschichte zu überbauen.

Der Kontext

Die Umsetzung eines politisch motivierten architektonischen Programms ist kein makedonisches Spezifikum, ebenso wenig, dass sich die Machthaber von antiken Vorbildern inspirieren lassen (man denke an München). Aber warum startete die Regierung Makedoniens ein so umfassendes und zugleich unbeholfenes Vorhaben im Jahr 2010? Welche Motive, aber auch Ängste trieben sie an, warum dieser Stil?

Eine Antwort auf diese Fragen muss die Entwicklung des Landes seit seiner Unabhängigkeit (1991) sowie die aktuelle innen- und außenpolitische Konstellation in den Blick nehmen. Skopje 2014 ist ebenso Antwort auf konkrete, von der Regierung wahrgenommene Herausforderungen wie Ausfluss tiefsitzender ideologischer Überzeugungen. Eine erste Antwort liegt in der Differenzierung der Regierungszusammensetzung begründet: Skopje 2014 wird nicht von den gesamten Regierung vorangetrieben, sondern von deren ethnisch makedonischem Teil, der größten Partei des Landes, VMRO-DPMNE. Der kleinere albanische Koalitionspartner, die Partei „Demokratische Union für Integration“ (DUI), steht dem Projekt hingegen ablehnend gegenüber. Schließlich stellt Skopje 2014 auch eine Botschaft im Dauerkonflikt zwischen makedonischer Mehrheit und albanischer Minderheit, deren Bevölkerungsanteil ca. 25 Prozent beträgt, dar. Skopje 2014 ist durchgängig ethnisch-makedonisch konnotiert, ohne die ethnische Vielfalt des Landes und der Stadt Skopje zu berücksichtigen. Die Bauwut dient letztlich auch dazu, den Besitzanspruch der Makedonier auf „ihre“ Hauptstadt, den sie durch die Albaner bedroht sehen, zu manifestieren.

Noch größeren Einfluss auf die zeitliche Dynamik sowie die stilistische Ausgestaltung von Skopje 2014 hat der außenpolitische Dauerkonflikt Makedoniens mit Griechenland, der so genannte Namensstreit. Dessen politische Brisanz wurde im Jahr 2008 deutlich, als Griechenland durch sein Veto die Aufnahme Makedoniens in die Nato verhinderte. Griechenland forderte, das Land müsse sich einen neuen Namen zulegen, da „Republik Makedonien“ einen territorialen Anspruch auf die Provinz gleichen Namens im Norden Griechenlands markieren würde. Angesichts des militärischen Ungleichgewichts – Griechenland gibt fast 40 Mal so viel Geld für seine Armee aus wie Makedonien – erscheint das Bedrohungsgefühl Griechenlands wenig plausibel; dennoch blockiert Griechenland mit Verweis auf die ungeklärte Namensfrage seit 2009 auch die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen der EU mit Makedonien, das 2005 einen Beitrittsantrag gestellt hat.

Als Reaktion auf die Opposition Griechenlands – und gleichzeitig als bewusste Provokation – setzt die 2006 an die Macht gekommene VMRO-DPMNE ganz auf eine Kulturpolitik der „Antikisierung“.8 Diese gründet in der Behauptung, die heutigen Makedonier wären direkte Nachkommen der antiken Makedonen, weshalb die Geschichte des antiken makedonischen Reiches und somit Alexander der Große „in Wahrheit“ nicht Teil der griechischen, sondern der makedonischen Tradition seien. Diese These wurde von Obskurantisten und randständigen Intellektuellen schon zuvor postuliert, seit 2006 bestimmt sie aber offizielles Regierungshandeln. So wurde der Flughafen in Skopje in „Alexander der Große“ umbenannt, ebenso die wichtigste Autobahn, das Nationalstadium trägt heute den Namen „Philipp II. von Makedonien“. Überall im Land entstehen Denkmäler, die die antiken Makedonen fest in der nationalen Vorstellungswelt der heutigen Makedonier verankern sollen. Historiker betonen die ethnische Kontinuität seit der Antike, Archäologen und Linguisten finden Beweise für die Ähnlichkeit des (nicht überlieferten) Idioms der antiken Makedonen mit dem heutigen Makedonischen (einer slawischen Sprache!); Genealogen liefern den naturwissenschaftlichen Nachweis einer verblüffenden Übereinstimmung der DNA der antiken Makedonen mit jener der heutigen Makedonier, während sich die Griechen – wenig überraschend – keines antik-makedonischen Blutes in ihren Adern rühmen können.

Diese umfassende Kulturpolitik, die einer gezielten Indoktrination gleicht, kreiert auch für die Makedonier eine glorreiche antike Vergangenheit. Selbstredend protestieren Regierung und veröffentlichte Meinung in Griechenland wütend gegen diese von ihnen als Geschichtsraub wahrgenommene Aneignung Alexanders des Großen durch die Republik Makedonien. Aus Perspektive der makedonischen Nationalisten wiederum hat die Selbststilisierung als Nachfahren der antiken Makedonen den ungeheuren Vorteil, sich als autochthones Volk präsentieren und somit einen besonders stichhaltigen Anspruch auf das Territorium Makedoniens begründen zu können. In der Logik balkanischer Nationalisten (aber nicht nur dieser) zählt die Währung der Geschichte zur Untermauerung territorialer Ansprüche allemal mehr als etwaige demografische und politische Realitäten in der Gegenwart. Mithin holen die Makedonier, deren offizieller Nationsbildungsprozess erst 1944 begonnen hat, das nach, was ihre Nachbarnationen bereits im 19. Jahrhundert geschafft haben: sich einen historischen Mythos zusammenzuzimmern, der auf den Ideen der Kontinuität und autochthonen Herkunft beruht. Unangenehm für die Makedonier ist bloß, dass die wesentlichen Bausteine ihres Mythos bereits integrale Elemente der Geschichtsbilder ihrer Nachbarn sind. Sie erfahren somit die aggressive Zurückweisung des Zuspätkommenden durch die Alteingesessenen. Hier schimmert ein dinghaftes Verständnis von Geschichte auf dem Balkan durch: Man kann sie besitzen, wie eine Sache, und dementsprechend will man sie weder teilen noch gar sich entwenden lassen.

Während die Antikisierung nach außen hin polarisiert, scheint sie trotz der Kritik im Lande ihren innenpolitischen Zweck für die Regierungspartei zu erfüllen: Die VMRO-DPMNE gewinnt regelmäßig Wahlen, die zwar europäischen Standards der Fairness nicht vollkommen genügen, aber dennoch ein realistisches Abbild der politischen Präferenzen abgeben. Die kitschige Architektur trifft den Geschmack der breiten Masse (bei einer Umfrage im September 2013 gaben 51 Prozent der befragten ethnischen Makedonier an, dass ihnen Skopje 2014 gänzlich oder partiell gefalle);9 die – mit der Regierungspartei verbandelte – Bauwirtschaft freut sich über große Aufträge und schafft Arbeitsplätze, was von der Regierung eines Landes mit einer Arbeitslosenrate von über 30 Prozent selbstverständlich als großer Erfolg ihres segensreichen Tuns gepriesen wird.

Identität bauen

Angesichts der Plumpheit der Ästhetik von Skopje 2014 fällt es nicht schwer, die intendierten Botschaften zu dechiffrieren. Die neo-klassizistische Architektur der Gebäude soll natürlich die Assoziation mit dem antiken makedonischen Erbe, von dem es in Skopjes Stadtbild keine materiellen Überbleibsel gibt, hervorrufen. Demselben Zweck dienen die Denkmäler für Alexander und seinen Vater Philipp, die sich offiziell „Krieger auf Pferd“ und „Krieger“ nennen, sowie für die Mutter Alexanders, Olimpia (dieses Denkmal trägt den Namen „Die Mütter Makedoniens“). An antik-makedonischen Vorbildern orientierte Ornamente auf diversen Bauten sollen den Betrachter von der glorreichen Abstammung der Makedonier überzeugen.

Während es in Bezug auf die Antike gilt, sich Bestandteile des klassischen griechischen Kanons anzueignen, richtet sich die Repräsentation sowohl des Mittelalters als auch des 19. Jahrhunderts durch eine Reihe von Denkmälern primär gegen die bulgarische Interpretation der Geschichte Makedoniens. Bulgarien hat nach der Gründung des modernen bulgarischen Staates (1878) lange Zeit das Territorium Makedoniens für sich beansprucht; erst in jüngster Vergangenheit hat sich das offizielle Bulgarien dazu durchgerungen, die Makedonier als eigenständige Nation und das Makedonische als eigene Sprache anzuerkennen. Der Durchschnittsbulgare, und dazu gehören auch Intellektuelle sowie Politiker, betrachtet die Makedonier aber noch immer „eigentlich“ als Bulgaren. Umgekehrt fühlen die Makedonier die Grundlagen ihrer nationalen Identität – Sprache, Geschichte, Brauchtum – von den Bulgaren infrage gestellt. Die architektonische Antwort besteht in Denkmälern für den bulgarischen (aus makedonischer Perspektive: makedonischen) mittelalterlichen Herrscher Zar Samuil, für die Heiligen Kyrill und Method sowie ihre Schüler Naum und Kliment, die das Slawische als Bibelsprache mit eigener Schrift etabliert haben, sowie für eine Reihe von Nationalrevolutionären aus dem 19. Jahrhundert, die für die Befreiung Makedoniens von den Osmanen – und aus bulgarischer Sicht für den Anschluss an Bulgarien – gekämpft haben. Mithin gelingt es der makedonischen Regierung mit Skopje 2014, auch die bulgarische Regierung gründlich zu verstimmen.

Weitere Denkmäler für die Gründungsväter der makedonischen Teilrepublik innerhalb Jugoslawiens (1944/45) sowie für die Verteidiger Makedoniens gegen die albanischen Aggressoren im kurzen Bürgerkrieg von 2001 runden die historische Meistererzählung ab: Vor den Augen des Stadtbummlers entsteht das plastische Bild einer Nation, die sich einer ununterbrochenen Geschichte von 2.500 Jahren mit einer Reihe von Heroen rühmen kann, die weit über die Region hinaus gewirkt haben; eine Nation, die in der Vergangenheit Großes geschafft hat – nicht nur für sich, sondern auch für die europäische Zivilisation –, die gegen scheinbar übermächtige Gegner ihren Willen zur Eigenständigkeit bewahrt hat, die erfolgreich ihre Staatlichkeit und Unabhängigkeit erkämpft hat und die folglich für Großes berufen ist. Eine solche Wirkung ihres nationalistischen Disneylands erhofft sich jedenfalls die Regierung. Und sollte der Flaneur die Botschaft nicht verstanden haben, dann wird sie ihm im neu errichteten „Museum des Makedonischen Kampfes für Souveränität und Unabhängigkeit – Museum für die Innere Makedonische Revolutionäre Organisation – Museum für die Opfer des kommunistischen Regimes“ (wohl der weltweit längste Namen für ein Museum) nochmals in aller Eindeutigkeit vermittelt: Großflächige Ölgemälde im Stile der Historienmalerei des 19. Jahrhunderts, mit Wachsfiguren nachgestellte historische Szenen und die unvermeidliche Instruktion durch den Führer, ohne den die Ausstellung nicht besucht werden darf, räumen die letzten Zweifel über die Glorie der makedonischen Nation aus.

Schlussbemerkung

Das Projekt Skopje 2014 verweist auf die Bedeutung, welche die Machthabenden in Makedonien der Geschichte als Ressource politischer Legitimität und Mobilisierung zuerkennen. Sie setzen dabei ganz auf einen heldenhaften Diskurs: Reiter und Schwerbewaffnete zieren heute das Stadtzentrum Skopjes; die dominante Geschichtskultur Makedoniens ist offenkundig noch nicht im post-heroischen Zeitalter angekommen. Warum auch: Immerhin sehen sich die Makedonier – nicht ganz zu Unrecht – noch immer in einen Kampf gegen übermächtige, missgünstige Nachbarn involviert. Bezeichnend ist die geschlechtsspezifische Ikonografie der Denkmäler: Mit Ausnahme Mutter Teresas (die in Skopje in eine albanische Familie geboren wurde)10 taucht prominent nur eine namentlich nicht genannte Frau in antikem Gewande auf, die mit einem Kind schwanger geht, dieses säugt und aufzieht – am Brunnenensemble „Mütter Makedoniens“. Die Männer wiederum haben Namen und kämpfen für die Nation. Besser hätte man das Rollenverständnis des traditionellen Nationalismus, so wie es sich im 19. Jahrhundert entwickelt hat, nicht darstellen können.

Gerade diese anachronistisch erscheinende, regelrecht exaltierte Betonung des Heldenhaften verweist auf Unsicherheit, die ironischerweise die Vorwürfe der Nachbarn reflektiert, bei den Makedoniern würde es sich um eine künstliche Nation handeln: Eine 2013 veröffentlichte Studie erbrachte einen hohen Grad von Selbstzweifeln bei den befragten Makedoniern bezüglich ihrer nationalen Identität.11 Die offenkundige Phallizität der Heldenstandbilder soll wohl den Penisneid und die Kastrationsängste der noch jungen makedonischen Nation kompensieren, im Angesicht von Nachbarn, die sich wiederholt an ihr – so wenigstens die Sicht der makedonischen Nationalisten – vergangen haben. Es steht zu hoffen, dass die weiteren Phasen der nationalen Entwicklung dem Stadtbild Skopjes nicht ähnliches Unheil widerfahren lassen.


Fußnoten:


  1. http://macedoniaonline.eu/content/view/20045/45/ (letzter Aufruf: 07.12.2018). 

  2. Eine Übersicht über die Bauprojekte sowie eine Reihe von Fotos bietet der Blog http://www.skyscrapercity.com/showthread.php?t=1489696 (letzter Aufruf: 07.12.2018). 

  3. Siehe https://www.google.com/maps/d/viewer?mid=zU7R7w_p-ogA.kgDp0N9UOb6M&msa=0&ll=41.997327,21.432781&spn=0.01247,0.027874 (letzter Aufruf: 07.12.2018). 

  4. Nikos Čausidis: Proektot Skopje 2014 – skicii za edno naredno istražuvanje. Skopje 2013, S. 76. 

  5. http://www.skyscrapercity.com/showpost.php?p=88688211&postcount=3 (letzter Aufruf: 07.12.2018). 

  6. Vgl. dazu die Abbildung im Beitrag von Nada Boškovska in diesem Heft oben auf S. 5 (der gedruckten Ausgabe). 

  7. Vgl. zu den Parteien Makedoniens die Hinweise im Beitrag von Tim Graewert, oben S. 14 f. (der gedruckten Ausgabe). 

  8. Siehe Anastas Vangeli: Nation-building ancient Macedonian style: the Origins and the Effects of the so-called antiquization in Macedonia. In: Nationalities Papers 39 2011), H. 1, S. 1-12. 

  9. Skopje 2014 Poll by ISSHS, http://infogram.am (Seite mittlerweile inaktiv!). 

  10. Vgl. auch den Textkasten in diesem Heft auf S. 47 (der gedruckten Ausgabe). 

  11. Institut of social sciences and humanities, Skopje: Skopje 2014 Project and its Effects on the Perception of Macedonian Identity Among the Citizens of Skopje, 2013, http://www.isshs.edu.mk/index.php?newsinfo=77 (letzter Aufruf: 07.12.2018).