Religiosität und säkulare Tendenzen in Makedonien

Zusammenfassung

Geografie und Geschichte bestimmen die heutige religiöse Landschaft Makedoniens. Seit der Unabhängigkeit sehen sich die traditionellen Bekenntnisse jedoch säkularen Strömungen ausgesetzt, deren gesellschaftlicher Einfluss immer stärker wird. Der Beitrag vermittelt einen Überblick über diesen Prozess und die damit verbundenen Probleme.

Dr. Aleksandar Spasenovski ist Assistenzprofessor an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Kyrill und Method-Universität in Skopje. Von 2006 bis 2014 war er Mitglied des makedonischen Parlaments; außerdem war er Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung. Er hat auch die Abbildung im Text zur Verfügung gestellt.

I.

Die historische Entwicklung der Republik Makedonien wurde hinsichtlich ihrer Kultur, Souveränität und natürlich auch religiösen Gestaltung größtenteils durch die geografische Lage definiert. Das Land liegt in einer Region, in der stets große historische Auseinandersetzungen gegenüber lokal begrenzten Konflikten überwogen. Dennoch – und dies mag überraschen – spielt das kleine Land eine nicht zu unterschätzende Rolle in der Geschichte der europäischen Zivilisation.

In der makedonischen Region marschierten viele starke westliche Armeen gegen Osten, und umgekehrt gab es starke Attacken des Ostens auf den Westen. Bei diesen Kampfbewegungen von West nach Ost und von Ost nach West kam es auch zu einem Zusammentreffen religiöser Elemente. Der christliche Westen beeinflusste gesellschaftliche Prozesse im muslimischen Osten, und umgekehrt wurden auch der christlichen Zivilisation des Westens durch den muslimischen Osten neue Werte vermittelt. Über mehrere Jahrhunderte hinweg marschierten große Heere unter dem Zeichen des Kreuzes über den Balkan und damit auch durch Makedonien, um Jerusalem und das Heilige Land für die Christenheit zurückzugewinnen. Nach dem Fall Konstantinopels 1453 und dem Zusammenbruch des Byzantinischen Reiches verließ die Elite des orthodoxen Byzanz die Region; viele ließen sich in Westeuropa nieder und gaben den Anstoß zur Renaissance. Das Osmanische Imperium unterwarf nach und nach das Kerngebiet des Byzantinischen Reiches und drang im 15. Jahrhundert immer weiter nach Südosteuropa vor. Muslime besiedelten über viele Jahrhunderte hinweg die traditionell christlichen Länder des Balkans; viele Christen traten auch zum Islam über. Was das Verhältnis zwischen Staat und Kirche anbetrifft, so ist als eine Folge der osmanischen Herrschaft die Einführung des so genannten „Millet“ zu nennen, ein System, das allen Nichtmuslimen, egal ob Orthodoxen, Katholiken, Juden oder anderen religiösen Minderheiten, innerhalb des Osmanischen Imperiums religiöse und kulturelle Autonomie bot.

II.

Makedonien liegt im Herzen des Balkans, und im Laufe der Jahrhunderte brachte es die Geografie der Halbinsel mit sich, dass sich die dortigen Nationen auch mit allen anderen wichtigen Prozessen auseinander zu setzen hatten, die den europäischen Kontinent gestalten sollten. Diese Prozesse formten die religiöse Landschaft der Region und betrafen auch die Frage nach dem Verhältnis zwischen Religion, Gesellschaft und Staat. Dazu gehört natürlich die Frage der Religionsfreiheit. Auch wenn es wenig wahrscheinlich klingt, haben die Anstöße der Reformation ebenso einen Nachhall in Südosteuropa gehabt wie die Überlegungen von Niccolò Machiavelli, John Locke oder Thomas Hobbes. All das trug dazu bei, neue intellektuelle Prozesse anzustoßen, ähnlich wie Anregungen seitens der byzantinischen Denker, die im 15. Jahrhundert nach Westeuropa kamen und dem noch im Mittelalter verhafteten europäischen Denken aus der antiken Überlieferung heraus neue Energie einzuhauchen vermochten. Ihr geistiges Erbe wirkte auch im osmanisch beherrschten Gebiet nach.

Durch die Entwicklung der modernen Rechtsstaatlichkeit in der Neuzeit und der letztlich darauf basierenden Entstehung von Völkerbund und Vereinten Nationen im 20. Jahrhundert sowie weiterer regionaler und überregionaler Organisationen – erwähnt sei als Beispiel der Europarat – erfuhren sowohl die Religionsfreiheit bzw. die Rechte der Religionen als auch der Säkularismus eine eindeutige Begriffsklärung. Man muss sich diese Zusammenhänge vor Augen führen, um zu verstehen, wie der auf einer atheistischen und antireligiösen Weltsicht beruhende Kommunismus das makedonische Modell der Beziehungen zu den religiösen Überlieferungen und Strukturen im Lande gestaltete. Tatsache ist, dass das makedonische Volk von 1944 bis 1990 unter dem kommunistischen Regime Jugoslawiens lebte. Schließlich brachte das Ende des Kommunismus die Demokratie, und erst dieser Wandel ließ die Menschen und die im Lande etablierten Religionen so etwas wie wirkliche religiöse Freiheit spüren.

Doch der Verlauf der Geschichte endete nicht an diesem Punkt. Die Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen, sind ständige Erinnerungen daran, dass die Natur des Menschen nicht perfekt ist. Heute schlagen die Wellen aggressiver Anti-Theismen immer häufiger und heftiger auf die bewährten überlieferten und auf Religion basierenden kulturellen Werte. Die modernen europäische Nationen und damit auch die Republik Makedonien müssen sich beispielsweise mit dem Problem der Abtreibung, dem Umgang mit der Homosexualität, Fragen des Religionsunterrichts in öffentlichen Schulen, dem Bekenntnis eigener kultureller Werte durch religiöse Minderheiten und nicht zuletzt auch mit dem mangelnden religiösen Interesse der jungen Generation auseinandersetzen.

III.

Die Republik Makedonien gewann parallel zu den weltweiten historischen Prozessen ihre Souveränität. Am 8. September 1991, einem Schlüsseldatum in der modernen makedonischen Geschichte, stimmte das Volk im Rahmen eines Referendums für eine Abspaltung von Jugoslawien und für einen eigenständigen und unabhängigen Staat. Damit war zugleich die Grundlage zur Errichtung des makedonischen Rechtssystems gelegt, der die Verabschiedung der ersten demokratischen Verfassung Makedoniens am 20. November 1991 folgte, die bis heute in Kraft ist. Sie bezeichnet Makedonien als einen säkularen Staat, und dementsprechend hat der Staat lediglich allgemeine Rahmenbedingungen im Bezug auf die Rechte und Pflichten der Religionsgemeinschaften festgelegt, wonach die Republik Makedonien die Gleichheit aller Bürger unabhängig von der religiösen Ausrichtung definiert. Zudem garantiert der Staat die Religionsfreiheit und gestattet seinen Bewohnern die freie Religionsausübung, sei es alleine oder in Gemeinschaft mit anderen. Der Staat ermöglicht spezifischen Glaubensgemeinschaften die Gründung religiöser Schulen, Stiftungen und karitativer Einrichtungen.

Konkret werden die etablierten Glaubensgemeinschaften in drei Gruppen eingeteilt:

  • Zur ersten Gruppe zählt die Makedonische Orthodoxe Kirche (Erzbistum Ohrid).
  • Zur zweiten Gruppe werden die islamischen Religionsgemeinschaften, die katholische Kirche (römisch-katholisch und griechisch-katholisch), die evangelisch-methodistische Kirche und die jüdische Gemeinschaft gerechnet.
  • Unter der dritten Gruppe werden „andere Religionsgemeinschaften oder religiöse Grupp(ierung)en“ subsumiert.

Die Zuordnung der religiösen Organisationen in die genannten Gruppen bedeutet nicht, dass für sie in Makedonien unterschiedliche Regeln, Rechte oder Freiheiten gelten würden. Vielmehr ist sie aus dem historischen Kontext abzuleiten und verweist auf die besondere Bedeutung des orthodoxen Christentums, auf dessen Erbe Makedonien sich größtenteils gründet und das durch die die Makedonische Orthodoxe Kirche (Erzbistum Ohrid) repräsentiert wird.

Die Verfassungsbestimmungen werden durch weitere Rechtsakte ergänzt, die im Großen und Ganzen in zwei Gruppen eingeteilt werden können. Die erste Gruppe betrifft unmittelbar, die zweite eher mittelbar den Status religiöser Organisationen. Ein Bestandteil der ersten Gruppe ist das Gesetz über religiöse Gemeinschaften und Grupp(ierung)en aus dem Jahr 2007, das aufs Präziseste das makedonische Säkularismusmodell definiert. Durch diesen zentralen Rechtsakt werden das Wesen religiöser Organisationen, die Rolle kirchlicher Amtsträger und die Rechte kirchlicher Organisationen innerhalb des Staates bei der Ausübung ihrer jeweiligen Religion umschrieben. Zudem definiert dieser Rechtsakt das Verhältnis des Staates zu kirchlichen Organisationen und regelt Fragen, die den Religionsunterricht, die Gründung von Schulen durch kirchliche Organisationen, Finanztransaktionen kirchlicher Organisationen und ähnliches betreffen.

Neben Gesetzen beinhaltet die zweite Gruppe eine Reihe von Bestimmungen, die Themen wie die Gleichstellung der Geschlechter, das Bildungswesen, den wirtschaftlichen und kulturellen Sektor betreffen, insofern diese in irgendeiner Weise kirchliche Organisationen als Rechtsträger angehen.

Wie in jedem anderen Staat setzt sich das bestehende Säkularismusmodell aus einem Netzwerk von Institutionen zusammen, die über entsprechende Rechtsinstrumente zur Umsetzung der Maßnahmen und deren Kontrolle verfügen. In diesem Sinne befassen sich das Verfassungsgericht, die auf Dauer eingerichtete Untersuchungskommission zum Schutz von Freiheiten und Rechten des makedonischen Parlaments, der Ombudsmann, die Kommission zur Prävention von und zum Schutz vor Diskriminierung und vor allem die Kommission für die Beziehungen zu religiösen Gemeinschaften und Gruppen mit Fragen zum Status kirchlicher religiöser Organisationen und zur Religionsfreiheit. Zu den Aufgaben dieser Kommission zählen unter anderem:

  • die Erfüllung der Funktion eines Bindeglieds zwischen Staat und kirchlichen Organisationen,
  • die Führung eines Registers, in dem alle kirchlichen Organisationen aufgelistet sind,
  • die Kommunikation mit kirchlichen Organisationen in Bezug auf die Gründung religiöser Bildungseinrichtungen,
  • die Bewilligung zur Anstellung ausländischer Arbeitskräfte für den Religionsunterricht und andere Lehrtätigkeiten.

IV.

An diese rechtlichen Rahmenbedingungen ist die Realität in der Republik Makedonien gebunden. Die makedonische Religionslandschaft kann durchaus als bunt bezeichnet werden. Dennoch dominieren laut Volkszählung aus dem Jahr 2002 die orthodoxen Christen mit nicht weniger als 60 Prozent der Gesamtbevölkerung, gefolgt von 30 Prozent Muslimen und Vertretern weiterer christlicher Konfessionen; Juden und Atheisten machen je ein Prozent der Bevölkerung aus.

Nach Stand vom November 2014 bestehen gemäß des Registers der Kommission für die Beziehungen zu religiösen Gemeinschaften und Gruppen in der Republik Makedonien neben den oben genannten verfassungsrechtlich definierten religiösen Organisationen 25 weitere eingetragene Konfessionen. Danach wird die religiöse Landschaft Makedoniens bereichert z. B. durch Adventisten, Baptisten, Angehörige der Neuapostolischen Kirche und evangelikaler Gruppierungen; außerdem gibt es Zeugen Jehovas und Mormonen. Das religiöse Gedankengut des Ostens wird durch das Satya Sai-Zentrum1 verkörpert, daneben gibt es eine Reihe kleinerer islamischer Gemeinschaften.

Blickt man nun auf die politischen Parteien in der Republik Makedonien, ergibt sich der etwas überraschende Befund, dass sie in Bezug auf die Frage der Säkularität bis heute noch keine übereinstimmende Position entwickelt haben. Wie nicht anders zu erwarten sind die Parteien der Linken eher Verfechter einer ausgeprägteren Form der Säkularität, derzufolge sich der Staat weitergehenden säkularen Tendenzen gegenüber offen zeigen sollte. Hingegen versuchen Parteien, die politisch eher dem rechten Spektrum zuzuordnen sind, säkularen Entwicklungen entgegenzuwirken, etwa durch Bemühungen, den Status etablierter Kirchen – besonders den der Makedonischen Orthodoxen Kirche (Erzbistum Ohrid) – zu verbessern. Dies führt, wenn man die ethnischen Spannungen innerhalb Makedoniens berücksichtigt, natürlich auch dazu, dass es Bestrebungen gibt, den Status der islamischen Gemeinden zu verbessern; hier stehen dann besonders Makedonier gegen Albaner.2

Im Unterschied zu Verbänden, politischen Parteien und den religiösen Einrichtungen, die natürlich direkt betroffen sind, befassen sich zivilgesellschaftliche Organisationen in Makedonien kaum mit religiös konnotierten Themenstellungen. In solchen Organisationen wird stattdessen eher über Themen diskutiert, die teilweise in diametralem Gegensatz zu den Interessen kirchlicher Organisationen stehen, etwa wenn es um eine Vertiefung des Säkularismus und Verdrängung religiöser Organisationen aus dem öffentlichen Leben bis hin zu einer Atheisierung der Gesellschaft geht. Allerdings gibt es auch Organisationen, die den entgegengesetzten Weg beschreiten, wie z. B. die Konrad-Adenauer-Stiftung, die sich von ihrer makedonischen Vertretung aus seit 15 Jahren unter anderem aktiv für die Förderung der religiösen Toleranz einsetzt, den Dialog zwischen den religiösen Organisationen fördert und damit deren Rolle in der Gesellschaft zu stärken hilft.

V.

Die Republik Makedonien sieht sich hinsichtlich des Status der religiösen Organisationen und der Religionsfreiheit mit zwei Herausforderungen konfrontiert. Zum einen handelt es sich um Themen, die alle westeuropäischen Länder betreffen und überregional debattiert werden. Zum anderen sind es Herausforderungen, die speziell die Republik Makedonien betreffen. Diese sind meines Erachtens überschaubar, dennoch muss sich der Staat ihnen stellen:

  • Lösung der Probleme innerhalb der orthodoxen Kirche, die ihre Ursache in der Existenz einer gesetzlich nicht anerkannten Gruppierung haben;3
  • Umgang mit dem Auftreten des muslimischen Bektashi-Ordens;4
  • Antworten der Glaubensgemeinschaften auf die gesellschaftlichen Folgen von Landflucht und demografischem Wandel.

Seit Entstehung der Welt bis heute und auch künftig wird Gott das Zentrum sein, um das sich die gesamte Geschichte der Menschheit entwickeln wird. Blickt man auf Makedonien, so ist religiöse Landkarte durch Geschichte und Geografie geprägt – von Byzanz über das Osmanische Reich und die Zeit des Kommunismus bis heute. Sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht wird Makedonien sein Schicksal mit den Nationen Europas teilen. Zwischen den Mitgliedern verschiedener Religionen muss das Gespräch weitergehen, damit für die Probleme, die immer wieder kommen werden, Lösungen entwickelt werden.

Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Hartl.


Fußnoten


  1. Aus Indien stammende religiöse Bewegung, benannt nach ihrem Begründer Sathya Sai Baba (1926-2011); weitere Hinweise z. B. unter http://www.sathya-sai.info/ (letzter Aufruf: 10.12.2018). 

  2. Vgl. dazu auch den Beitrag von Nita Starova in vorliegendem Heft. 

  3. Hintergrund für diese Formulierung des Autors ist die Tatsache, dass sich die Makedonische Orthodoxe Kirche 1967 für unabhängig (autokephal) erklärt hat, was die Serbische Orthodoxe Kirche, zu der die orthodoxen Christen Makedoniens bis dahin zählten, bis heute nicht anerkennt; dies gilt für die orthodoxen Kirchen weltweit. Innerhalb Makedoniens besteht seither ein von der Serbischen Orthodoxen Kirche eingerichtetes eigenes Erzbistum Ohrid, das von den übrigen orthodoxen Kirchen als kanonisch anerkannt wird (Anm. d. Redaktion). 

  4. Eine lehrmäßig moderat ausgerichtete Strömung des Islam, die besonders in Südalbanien verbreitet ist; vgl. dazu Stephanie Schwandner-Sievers: Religion und Nation in Albanien. In: OST-WEST. Europäische Perspektiven 11 (2010), H. 4, S. 276-285 (der gedruckten Ausgabe), hier S. 277.