OWEP 1/2003

OWEP 1/2003

Schwerpunkt:
Religion in Europa

Editorial

Dem Schwerpunkt dieses Heftes – „Religion in Europa“ – nähern sich drei Autoren aus unterschiedlicher Position. Der Warschauer Soziologe Dr. Tadeusz Szawiel analysiert das differierende Niveau von Religiosität in verschiedenen Ländern. Wie wurde sie beeinflusst von kommunistischer Indoktrination, von der Transformation, vom unterschiedlichen Bildungsniveau? Gibt es einen gemeinsamen Entwicklungstrend?

Prof. Bronisław Geremek, aktiver Mitgestalter des Umbruchs in Polen, Historiker und ehemaliger Außenminister seines Landes, verweist auf die unaufgebbaren Werte, die das christliche und das aufklärerische Europa geschaffen haben. Dabei wirkten religiöse und weltliche Kräfte. Wichtiger als der Text einer europäischen Verfassung sei der noch ausstehende Dialog über die geistige Dimension Europas.

Der deutsche Theologe Prof. Eugen Biser spricht von einer „Prüfungsstunde Europas“. Mit seiner von Unterdrückung und Intoleranz geprägten Geschichte stehe sich das Christentum selbst im Weg. Zum Aufbau des neuen Europa gehöre eine Neuentdeckung des Christentums, die seine weithin verdunkelte Mitte freilegt.

„Fallstudien“ machen deutlich, wie in den verschiedenen Teilen Europas Religiosität lebt. Wir erfahren von einem Derwisch-Kloster in Nürnberg. Über einen pastoralen Versuch in Erfurt wird berichtet, wo in der Christnacht der Dom für die Menschen geöffnet wird, „die hinter der Säule stehen“. Über einen in Frankreichs katholischer Kirche begonnenen Dialogprozess informiert ein weiterer Beitrag.

Ein Bericht über einen polnischen Dominikaner, der jährlich über 100.000 junge Christen zusammenführt, zeigt, dass man in Polen Menschen für Christus mobilisieren kann, ohne an politische Instinkte zu appellieren. Die heftig diskutierten „Erscheinungen“ der Muttergottes in Medjugorje werden beschrieben und gewertet. Eine Studie zeigt die Vielfalt der Völker, Rassen, Religionen und Konfessionen in Hamburg.

Es scheint: Trotz aller Umbrüche bleibt Gretchens Frage an Faust „Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion?“ für Europa weiterhin aktuell. Religion steht hier unter vielen Fragezeichen, sie verändert sich, aber sie bleibt weiterhin Bestandteil europäischer Wirklichkeit.

Die Redaktion

Kurzinfo

Angesichts vielfältiger gesellschaftlicher Veränderungen auf dem europäischen Kontinent stellt sich mehr denn je die Frage, wie Religion sich äußert, welche Rolle sie in einzelnen Staaten und Regionen einnimmt und wie ihre Zukunft aussieht. Wird Religion in einer säkularen Welt zunehmend marginal oder zeichnet sich eine Renaissance der Religion ab, sei es innerhalb der etablierten Kirchen und Konfessionen, sei es in neuen Formen? Das Heft „Religion in Europa“ nähert sich auf verschiedenen Wegen der Thematik an.

Eröffnet werden die Beiträge mit einem Essay von Prof. Dr. Eugen Biser, München, über die Zukunft des Christentum in Europa vor dem Szenarium einer friedlosen Welt und eines drohenden „Kampfes der Kulturen“. Demzufolge muss sich gesamte westliche Zivilisation fragen lassen, was sie der übrigen Welt an Werten noch (oder wieder) vermitteln kann.

Umbrüche und rasante Veränderungen prägen gerade auch die religiöse Welt im ehemals kommunistischen Teil Europas. Der Warschauer Soziologe Dr. Tadeusz Szawiel analysiert in seinem Beitrag das differierende Niveau von Religiosität in verschiedenen Ländern West- und Osteuropas und zeigt dabei Trends der künftigen Entwicklung auf.

Ein dritter grundlegender Beitrag von Prof. Dr. Bronisław Geremek, einer der bedeutendsten Persönlichkeiten des Umbruchs in Polen, gilt den unaufgebbaren Werten, die das christliche Europa und das Europa der Aufklärung geschaffen haben. In diesem Kontext mahnt er besonders den noch ausstehenden Dialog über die geistige Dimension Europas an.

Als Beispiel für die religiöse Situation in einer hierzulande kaum bekannten Region stellt Dr. Raoul Motika, Bochum, die russische Republik Tatarstan vor, wo der Islam zur Zeit eine religiöse Wiedergeburt erlebt. Er leitet damit zu mehreren Fallstudien über, die religiöses Leben in Europa in unterschiedlichster Ausprägung demonstrieren.

So führt Prof. Dr. Michael Albus den Leser in ein Derwisch-Kloster in Nürnberg, wo Westeuropäer Wege zu sich selbst finden – Ausdruck einer Sehnsucht, die das Christentum nicht zu erfüllen vermag? Kirchen-, aber wohl nicht unbedingt religionsfern ist die Mehrzahl der Bewohner der ehemaligen DDR. Domkapitular Dr. Reinhard Hauke, Erfurt, skizziert einen pastoralen Versuch, mit besonderen liturgischen Formen an Weihnachten diese Menschen anzusprechen. Bunt und schillernd ist die religiöse Situation in den europäischen Großstädten. Als Beispiel dafür beschreibt Dr. Michael Biehl, Studienleiter an der Missionsakademie Hamburg, die religiöse Szene in der Elbmetropole.

Kaum zu überblicken sind die Versuche und Modelle, in denen sich Religion und Religiosität jenseits der deutschen Grenzen artikuliert. Drei Fallstudien stehen daher stellvertretend für ungezählte weitere Ansätze. Dr. Hadwig Müller, Missio Aachen, erläutert ein Modell der französischen Kirche, das Menschen in ihrer je spezifischen Situation anzusprechen versucht. Mit „Medjugorje“, dem die Ausführungen der kroatischen Historikerin Sandra Prlenda gelten, verbinden viele Menschen ein tiefes Glaubenserlebnis, andere bleiben angesichts mancher Auswüchse skeptisch. Abschließend vermittelt Wolfgang Grycz mit der Lednica-Bewegung in Polen und ihrem charismatischen Gründer, dem Dominikaner Jan Góra, das Bild einer dynamischem Gruppierung, die beispielhaft für neue Formen christlichen Lebens im 21. Jahrhundert werden könnte.

Dr. Christof Dahm

Inhaltsverzeichnis

3
Die Zitadelle des Friedens. Die Prüfungsstunde Europas
Eugen Biser
10
Europa am Scheideweg: Religion in der Welt der Politik
Bronisław Geremek
18
Glaube und Kirche in Europa
Tadeusz Szawiel
28
Religiöses Bewusstsein und Reislamisierung in Tatarstan
Raoul Motika
37
Mystik im Hinterhof. Ein Derwischkloster in Nürnberg
Michael Albus
42
Die Weihnachtsbotschaft – auch für alle, die hinter der Säule stehen. Ein pastoraler Versuch in Erfurt
Reinhard Hauke
50
„Sprechende Hoffnung – werdende Kirche“
Hadwig Müller
59
Medjugorje, „Erscheinungsort“ der Friedenskönigin
Sandra Prlenda
67
Religionen in Hamburg
Michael Biehl
74
Das Werk des Dominikaners Jan Góra. Die Lednica-Bewegung in Polen
Wolfgang Grycz
80
Bücher