OWEP 4/2003

OWEP 4/2003

Schwerpunkt:
Kaukasus

Editorial

In dieser Ausgabe von „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ steht der Kaukasus im Mittelpunkt. Es wird der Versuch unternommen, diese uns ferne und doch auch wieder eigenartig nahe Region von verschiedenen Richtungen her in den Blick zu nehmen.

Vom Kaukasus wissen wir, wenn wir ehrlich sind, nicht viel. Deshalb haben wir Kenner und Experten um ihre Beiträge gebeten. Sie führen uns eine Landschaft und eine Kultur vor Augen, die allen Interesses wert sind. Zeiten einer großen Geschichte werden beschrieben, aber wir erfahren auch von Konflikten, von blutigen Auseinandersetzungen bis auf den heutigen Tag.

Namen und Stichworte finden Sie in diesem Heft, hinter denen sich eine Menge von Informationen und Geschichten verbergen. Sie lesen Anmerkungen zur innenpolitischen Geschichte Georgiens, erfahren von der neuen Religionsgesetzgebung in Armenien. Aserbaidschan zeigt sich als ein Land von außerordentlicher religiöser Vielfalt. Und ein Bericht über das Bild des Kaukasus in der Literatur ist in dieser Ausgabe zu finden.

Aber auch das Thema Tschetschenien musste zur Sprache kommen. Das Interview mit dem ehemaligen Beauftragten der OSZE für Tschetschenien, dem Finnen Jorma Inki, der seit September 2003 Botschafter seines Landes in Prag ist, zeichnet ein sehr differenziertes Bild dieses Landes, das so sonst bei uns in der allgemeinen Berichterstattung nicht zu finden ist. Warum das so ist, das kommt in diesem Interview auch zu Sprache.

Auch in einem Schwerpunktheft muss Platz für andere Themen sein: Wir empfehlen Ihnen, liebe Leserinnen und liebe Leser, den Beitrag über die Slowakei von Karin Bachmann. Sie beschreibt anschaulich, wie ein Staat mitten in Europa seine Identität sucht. Wir hoffen auf Ihr Interesse. Wenn Sie Fragen haben oder Kritik anbringen wollen zu dieser Ausgabe: Wir bitten darum, weil wir daraus lernen wollen.

Die Redaktion

Kurzinfo

Mit dem Begriff „Kaukasus“ verbinden sich viele Assoziationen – eine Region am Übergang von Europa nach Asien, zwischen Orient und Okzident, in der eine faszinierende Natur und uralte Kulturlandschaften zusammen kommen. Zugleich ist die Kaukasusregion in den vergangenen Jahren immer wieder Schauplatz schwerer Auseinandersetzungen gewesen, und in der Gegenwart stehen Tschetschenien und aktuell Georgien für ungelöste Konflikte und politische Instabilität. Die neue Ausgabe der Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ möchte einige Eindrücke aus dem Kaukasus, den dortigen Staaten und Kulturen vermitteln.

Der innenpolitischen Entwicklung Georgiens gilt die Analyse von Walter Kaufmann, Leiter des Regionalbüros Südkaukasus der Heinrich-Böll-Stiftung. Er beschreibt eine Gesellschaft, die zwölf Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion noch immer um eine feste Struktur ringt. Ob mit dem Sturz von Präsident Schewardnadse eine neue Ära beginnt, bleibt abzuwarten. Auch das Verhalten der Georgischen Orthodoxen Kirche, die sich gegenwärtig dem ökumenischen Dialog verschließt, trägt nicht zum Abbau der innenpolitischen Spannungen bei.

Armenien, die kleinste der drei unabhängigen kaukasischen Republiken, steht im Mittelpunkt er beiden folgenden Texte. Prof. Dr. Otto Luchterhandt, Direktor des Seminars für Ostrechtsforschung an der Universität Hamburg, beschäftigt sich mit dem Status der Religionen und Konfessionen in Armenien, den er anhand der Gesetzgebung seit 1991 nachzeichnet. Sein Ergebnis ist ernüchternd: Die Armenische Apostolische Kirche nimmt als „Nationalkirche“ eine privilegierte Stellung ein, wohingegen andere Religionsgemeinschaften vielfach Behinderungen erleiden. Archimandrit Zhamkochyanh, Student an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster, stellt in seinem Beitrag die geschichtliche Entwicklung und heutige Gestalt der Armenischen Apostolischen Kirche vor. Diese prägt wesentlich das Selbstverständnis der Armenier in ihrer Heimat und in der weltweiten Diaspora.

Am wenigsten bekannt im westlichen Europa ist die östliche kaukasische Republik Aserbaidschan. Gemeinhin gilt sie als islamisch geprägtes Land mit Tendenzen zum Fundamentalismus. Damit räumt Priv.-Doz. Eva-Maria Auch, Dozentin am Seminar für Osteuropäische Geschichte der Universität Bonn, gründlich auf. Ihre Darstellung vermittelt einen detaillierten Überblick über die religiöse Vielfalt des Landes am Kaspischen Meer.

In der russischen (und sowjetischen Geschichte) spielte die Kaukasusregion aus wirtschaftlichen und strategischen Gründen immer eine herausragende Rolle. Christian Dettmering, Doktorand am Osteuropainstitut der Freien Universität Berlin, stellt diese Beziehungen dar. Von einem anderen Standpunkt aus haben Schriftsteller und Künstler aus Russland, Deutschland und anderen Ländern den Kaukasus, seine Natur und seine Menschen erlebt. Prof. Dr. Adolf Hampel, emeritierter Professor für Kirchengeschichte an der Universität Gießen, zeigt zahlreiche Beispiele der literarischen Verarbeitung dieser Motive auf.

Gebündelte Information über einen Staat des Kaukasus, die Republik Armenien, bietet ein Kurzbeitrag von Dr. Jörg Basten, Länderreferent bei Renovabis. Aus seiner Feder stammt auch der Bericht über ein Selbsthilfeprojekt in Georgien. Maia Damenia, georgische Theologiestudentin an der Universität Münster, beschreibt ihre persönlichen Erfahrungen in Deutschland. Der Situation in Tschetschenien gilt das Interview im Kaukasus-Heft. Hierzu äußert sich der finnische Diplomat Jorma Inki als Beauftragter der OSZE für Tschetschenien im Jahre 2002. Schließlich wird im Porträt der armenische Patriarch Mesrob II. von Dipl.-Theol. Bernd Mussinghoff, Münster, vorgestellt.

Außerhalb des Schwerpunktthemas steht der Beitrag der Journalistin Karin Bachmann, Bratislava, über die Entwicklung der slowakischen Gesellschaft. Zehn Jahre nach dem Zerfall der Tschechoslowakei haben die Slowaken sich auf den Weg in die Europäische Union gemacht, doch manche Schatten der Vergangenheit wirken bis heute nach.

Dr. Christof Dahm

Inhaltsverzeichnis

244
Georgien – ein „failing state“ im Südkaukasus zwölf Jahre nach Auflösung der Sowjetunion?
Walter Kaufmann
254
Religionsfreiheit in der Republik Armenien. Rechtliche Ausgestaltung mit problematischen Einschränkungen
Otto Luchterhandt
263
Geschichte und Gestalt der Armenischen Apostolischen Kirche
Archimandrit Zhamkochyanh
269
Aserbaidschan – ein Land religiöser Vielfalt
Eva-Maria Auch
279
Der Kaukasus in der russischen Geschichte
Christian Dettmering
287
Der Kaukasus in der Literatur
Adolf Hampel
294
Staat – Region – Kontinent. Wie die Slowakei mitten in Europa ihre Identität sucht
Karin Bachmann
301
Länderinfo: Armenien
Jörg Basten
303
Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen? Hilfe zur Selbsthilfe in Georgien
Jörg Basten
308
Als georgische Theologiestudentin in Deutschland
Maia Damenia
311
Tschetschenien vor Ort. Interview mit dem OSZE-Beauftragten Botschafter Jorma Inki
Wolfgang Grycz
317
Im Dienst der Versöhnung – Patriarch Mesrob II. Mutafyan, Armenischer Patriarch von Istanbul und der Ganzen Türkei (Porträt)
Bernd Mussinghoff
320
Bücher