OWEP 1/2004

OWEP 1/2004

Schwerpunkt:
Christentum und Islam in Europa

Editorial

Das Gespräch zwischen Christen und Muslimen kommt nur stockend in Gang – nicht erst seit dem 11. September 2001, der in der „westlichen“ Welt zwar das Interesse am Islam merklich gesteigert, aber kaum zu einem vorurteilslosen Umgang zwischen „Abrahams streitbaren Kindern“ geführt hat. Wie kann dies überhaupt gelingen? Die vorliegende Ausgabe der Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ erhebt nicht den Anspruch einer umfassenden Stellungnahme. Vielmehr sollen zum Schwerpunkt „Christentum und Islam in Europa“ Facetten der Thematik aufgezeigt werden, die vielleicht auch dazu beitragen, den eigenen Standpunkt kritisch zu hinterfragen.

Grundlegende Beiträge zur Situation der Muslime und zur politisch-gesellschaftlichen Stellung der islamischen Gemeinschaften in Deutschland stehen am Anfang des Heftes. Sie werden ergänzt durch Untersuchungen zum „Bild“ des Islams im „Westen“ und umgekehrt. Der Blick weitet sich über Mitteleuropa nach Südost- und Osteuropa und in den vorderasiatischen Raum mit Beiträgen über Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Russland und die Türkei. Die Länderinformation über Aserbaidschan stellt eine Brücke zu Heft 4/2003 (Länderinformation „Armenien“) her. In diesem Zusammenhang möchte die Redaktion darauf hinweisen, dass im letzten Heft eine Autorenangabe leider nicht berücksichtigt worden ist. Der Beitrag „Der Kaukasus in der russischen Geschichte“ hat neben Christian Dettmering als Mitautorin Dr. Irina Babitsch, Mitarbeiterin des Instituts für Ethnologie und Anthropologie der Russischen Akademie der Wissenschaften.

Abschließend geht der Blick im Interview nach Westeuropa. Gesprächspartner ist Philippe Kardinal Barbarin, Erzbischof von Lyon, der sich u. a. zur Lage der Muslime in Frankreich äußert. Hier wie in Deutschland kommt der Dialog der Religionen trotz mancher ermutigender Ansätze nur sehr langsam voran. Es bleibt zu hoffen, dass in den nächsten Jahren Unverständnis und Misstrauen nach und nach abgebaut werden können.

Die Redaktion

Kurzinfo

Mit dem Verhältnis der beiden großen monotheistischen Religionen zueinander steht es nicht zum Besten. Wechselseitige Vorurteile, Misstrauen, aber auch Unkenntnis beherrschen das Bild. Global haben die Geschehnisse am 11. September 2001, der Kampf gegen die Taliban in Afghanistan und der Krieg im Irak zu einer Verhärtung dieser Situation beigetragen. In Europa ist die Lage von Land zu Land verschieden, wird aber doch von einem Grundthema bestimmt: Überall gibt es seit Jahrzehnten muslimische Minderheiten, die um ihren Platz in der Gesellschaft ringen. Das aktuelle Heft von „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ räumt unterschiedlichen Positionen Raum ein und möchte damit zur Bildung eines differenzierten Meinungsbildes beitragen.

Eröffnet wird die Abfolge der Beiträge mit den Ausführungen von Bekir Alboga, Imam an der Moschee in Mannheim und Islamwissenschaftler. Wie kaum ein anderer Muslim in Deutschland engagiert er sich seit langem im christlich-muslimischen Dialog und bemüht sich, auf kommunaler Ebene das Miteinander von Christen und Muslimen erfolgreich zu gestalten. Sein Text vermittelt grundlegende Informationen zum Selbstverständnis des Islam in Deutschland, zu den Organisationen der Religionsgemeinschaft ebenso wie zu den Chancen und Grenzen der Integration von Muslimen in Deutschland.

Engagiert im interreligiösen Dialog ist auch Dr. Günther Beckstein, Bayerischer Staatsminister des Innern, der im Dialog der Kulturen eine Bereicherung für die deutsche Gesellschaft sieht. Im Mittelpunkt seines Beitrages steht die Frage nach den Wegen zu einer erfolgreichen Integration der Muslime in die christliche Mehrheitsgesellschaft. Angeschnitten wird aber auch das Verhalten fundamentalistischer islamischer Organisationen; hier hat der Staat das Recht und Pflicht, die Vereinbarkeit dort geäußerter radikaler Thesen mit dem Grundgesetz und den allgemeinen Menschenrechten zu prüfen und notfalls dagegen vorzugehen. Letzten Endes darf es nicht dazu kommen, dass eine kleine Minderheit innerhalb der muslimischen Gemeinschaft das Bild des Islam als einer auf Frieden und Gemeinschaft ausgerichteten Religion verzerrt.

Zwei weitere Beiträge des Heftes führen in die heutige islamische Welt und weiter in die Geschichte zurück. Beiden geht es um das gegenseitige Erkennen oder Nichterkennen, Verstehen oder Nichtverstehen. Dr. Sabine Dorpmüller, Mitarbeiterin des Instituts für Arabistik und Islamwissenschaften der Universität Münster, untersucht die Vorstellungen über den „Westen“ im Vorderen Orient, speziell in Ägypten. Wolfgang Günther Lerch, Redakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, skizziert das Bild des Islams im „Westen“ von der ersten Begegnung im Mittelalter über Aufklärung und Kolonialzeitalter bis in die Gegenwart.

Die aktuelle politische Ebene betritt auch Helmut Wiesmann, Referent im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, mit seinem Beitrag zur Lage der religiösen Minderheiten in der Türkei im Vorfeld eines möglichen EU-Beitritts. Die Türkei ist ihrer Verfassung nach laizistisch strukturiert, trennt also de iure Religion und Staat scharf voneinander. De facto fühlt sich der Staat jedoch für die religiösen Belange der sunnitischen Muslime verantwortlich, was sich in entsprechender personeller und materieller Unterstützung niederschlägt. Demgegenüber unterliegen andere Religionsgemeinschaften seit Jahrzehnten mehr oder minder starken Beschränkungen. Sollte es der Türkei mit ihrem Beitrittswunsch ernst sein, muss sie in diesem Bereich zu deutlichen Zugeständnissen bereit sein.

In Südosteuropa leben seit mehreren Jahrhunderten Muslime, und ihr Zusammenleben mit der christlichen Mehrheitsbevölkerung gestaltete sich meist friedlich. Nedžad Grabus, Redakteur von Radio Bosnien-Herzegowina, beschreibt die Strukturen der muslimischen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina und geht auch auf die jüngsten Entwicklungen nach Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen ein. Prizren, eine für die serbische Geschichte wichtige Stadt im heutigen Kosovo, war jahrhundertelang ein Ort christlich-muslimischer Symbiose. Dr. Olga Zirojević, Osmanistin an der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste, stellt in ihrem Beitrag einige Phasen dieses Miteinanders vor.

Eine große, hierzulande kaum bekannte Rolle spielt die islamische Gemeinschaft im heutigen Russland, zu der sich etwa 13 Prozent der Bevölkerung bekennen. Jekaterina Novikova, Mitarbeiterin am Russischen Christlichen Institut in St. Petersburg, vermittelt dazu umfangreiches Material, das auch Hinweise zur Stellung von Muslimen im politischen Leben Russlands und zur Frage des Dialogs mit der Russischen Orthodoxen Kirche enthält.

Drei kurze Beiträge runden die Thematik in unterschiedlicher Weise ab. In der Rubrik „Länderinformation“ wird die Kaukasusrepublik Aserbaidschan vorgestellt. Wolf D. Ahmed Aries, Vorstandsmitglied des „Islamrates für die Bundesrepublik Deutschland“, vermittelt einen knappen Überblick über die Situation der Muslime in Europa. Schließlich äußert sich Philippe Kardinal Barbarin, Erzbischof von Lyon, im Interview kurz zu den spezifischen Problemen der Muslime in der französischen Gesellschaft.

Dr. Christof Dahm

Inhaltsverzeichnis

3
Islamische Welt. Selbstverständnis in Deutschland
Bekir Alboga
16
Zusammenleben von Christen und Muslimen in Deutschland
Günther Beckstein
25
Der „Westen“ in intellektuellen und populären Diskursen der islamischen Welt
Sabine Dorpmüller
34
Im Wandel der Zeiten: Das Bild des Islams im „Westen“
Wolfgang Günter Lerch
42
Kriterium Religionsfreiheit – zur Lage der religiösen Minderheiten in der Türkei im Kontext eines möglichen EU-Beitritts
Helmut Wiesmann
51
Die europäische Erfahrung des Islam in Bosnien-Herzegowina
Nedžad Grabus
58
Prizren – ein Beispiel für christlich-islamische Koexistenz
Olga Zirojević
64
Der Islam in Russland im Kontext der europäischen und russischen Integration
Jekaterina Novikova
71
Länderinfo: Aserbaidschan
Jörg Basten
73
Muslime in Europa (Bericht)
Wolf D. Ahmed Aries
76
Probleme der katholischen Kirche Frankreichs im 21. Jahrhundert. Interview mit Philippe Kardinal Barbarin, Erzbischof von Lyon
Michael Albus
80
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