OWEP 3/2004

OWEP 3/2004

Schwerpunkt:
Flüsse machen Geschichte

Editorial

Den verlockenden Plan hatte die Redaktion schon seit langem gefasst, seine Ausführung aber immer wieder vor sich hergeschoben: ein ganzes Heft dieser Zeitschrift den Lebensadern Mittel- und Osteuropas, seinen Strömen und Flüssen zu widmen. Dem Entschluss folgte die Qual der Wahl – aus der großen Zahl der berühmten oder geschichtsbeladenen, der geliebten oder auch gefürchteten Wasserstraßen im Osten unseres Kontinents eine Auswahl zu treffen. Sie konnte nur subjektiv ausfallen. Doch glauben wir, mit den jetzt vorgestellten zwölf Beispielen den Lesern nicht nur Bekanntes und Erwartetes zu bieten, sondern ihnen auch Verborgenes und Vergessenes nahezubringen.

Den Autoren haben wir dabei in allem freie Hand gelassen, ja sie zu einer persönlich gehaltenen Darstellung geradezu ermutigt. Zwei einführende Essays wollen jedoch eine Verbindung der Beiträge untereinander erleichtern. Michael Albus beschäftigt sich mit dem Fluss als Lehrer und Symbol des Lebens, Thomas Bremer geht der Bedeutung des Flusses als Raum, Grenze und Verbindung in der europäischen Geschichte und Kultur nach.

Flüsse trennen und verbinden – diese Polarität durchzieht die meisten unserer Essays, etwa die Texte zum Bug, zur Leitha, zur Memel und zur Oder. Sie bleiben die großen Schlagadern Europas, allen voran die Donau, der Dnjepr und die Wolga – nicht zu vergessen die Flüsse, die die urbanen Landschaften der großen Städte prägen: Fluss und Stadt Moskwa sollen wenigstens ein Beispiel dafür liefern.

Wir wünschen viel Freude bei der Lektüre.

Die Redaktion

Kurzinfo

Mit diesem Heft betritt „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ (OWEP) in gewisser Hinsicht Neuland. Erstmals bildet nicht ein Land oder ein begriffliches Phänomen das Schwerpunktthema, sondern es geht um etwas Geographisches – es geht um Flüsse, um Ströme in Mittel- und Osteuropa. Den Autoren wurde dabei die Freiheit gegeben, „ihren“ jeweiligen Fluss individuell zu zeichnen und ihre ganz persönlichen Beziehungen mit einzubringen. So sind in einer – zugegeben subjektiven – Auswahl zwölf Flussporträts entstanden, in denen Menschen zu Wort kommen, große und kleine Geschichte sich zuträgt, stolze Städte sich erheben, weite Flussauen sichtbar werden und vieles mehr.

Zwei einführende Beiträge der OWEP-Redaktionsmitglieder Michael Albus und Thomas Bremer bieten auf unterschiedliche Weise einen Zugang zum Begriff und zur Rolle des Flusses. Geht es bei Albus („Der Fluss als Lehrer des Lebens“) um Überlegungen wie „Fluss als Symbol“ und „Fluss in den Weltreligionen“, so beschreibt Bremer Flüsse in ihrer geographischen und historischen Dimension.

Die nachfolgenden Texte sind alphabetisch nach dem Namen der Flüsse geordnet. Eröffnet wird die Reihe mit einem Beitrag von Martin Aust, Osteuropahistoriker an der Universität zu Kiel, über die Beresina, einen Nebenfluss des Dnjepr, der durch die Ereignisse beim Rückzug der napoleonischen Armee 1812 in die Weltgeschichte eingegangen ist. Anna Mateja, Journalistin aus Krakau, beschreibt Land und Leute um den Bug, Strom zwischen der Ukraine, Weißrussland und Polen. Viktor Yelenski, Sozialwissenschaftler in Kiew, zeichnet ein sehr persönliches Bild des Dnjepr. Ein europäischer Schicksalsstrom, die Donau, steht im Mittelpunkt der Ausführungen von Pater Gerhard Voss, Benediktiner in Niederaltaich. Die Leitha, von Horst Haselsteiner, Ordinarius für Osteuropäische Geschichte in Wien, vorgestellt, spielte in der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn eine wichtige Rolle. Christof Dahm, OWEP-Redaktionsmitglied, nähert sich auf verschiedenen Wegen der Memel, einem deutschen Schicksstrom, an.

Strom im Herzen Böhmens – das ist die Moldau, und ihren Lauf zeichnet Miroslav Kunštát, Dozent an der Karlsuniversität Prag, nach. Eine Art von Stadtrundfahrt durch Moskau auf der Moskwa bietet Isabelle de Keghel, Kulturwissenschaftlerin an der Universität Bremen, in ihrem Beitrag. Die kroatische Publizistin Marija Barišić zeichnet Geschichte und menschliche Schicksale an der Neretva in Bosnien-Herzegowina nach; erinnert sei besonders an die berühmte „alte Brücke“ über die Neretva in Mostar. Wolfgang Grycz, OWEP-Redaktionsmitglied, widmet sich der Oder, dem Fluss seiner eigenen Kindheit und Jugend. Niko Ikić, Dozent an der Theologischen Hochschule Sarajevo, beschreibt die Rolle der Save und ihrer Nebenflüsse in der Geographie und Geschichte Bosnien-Herzegowinas. Abschließend schildert Georgij Tschistjakow, russisch-orthodoxer Geistlicher aus Moskau, seine persönlichen Verbindung zu Europa längstem Strom, der Wolga.

Die Auswahl der zwölf Flüsse ist durch die Zufälle der Redaktionsarbeit bestimmt, vermittelt aber dennoch vielfältige Eindrücke. Für die nächsten Jahre sind ähnliche Hefte zu den Themen „Wege und Straßen“ und „Berge“ vorgesehen.

Dr. Christof Dahm

Inhaltsverzeichnis

164
Alles fließt. Der Fluss als Lehrer des Lebens
Michael Albus
171
Der Fluss: Raum, Grenze und Verbindung
Thomas Bremer
181
„Höchstens so breit wie die Rue royale in Paris“. Die Beresina und Napoleons Russlandfeldzug
Martin Aust
186
Der Bug: Grenze gegen Osteuropa?
Anna Mateja
190
Mein Dnjepr
Viktor Yelenski
194
Die Donau: Persönliche Annäherung an einen großen Strom
Gerhard Voss
200
Leitha/Lajta. Fluss an der Grenze – Grenze als Flusslauf
Horst Haselsteiner
202
„Zogen einst fünf wilde Schwäne ...“ Annäherung an die Memel
Christof Dahm
208
Moldau - Vltava. Strom im Herzen Böhmens
Miroslav Kunštát
215
Die Moskwa – ein „kapitaler“ Fluss
Isabelle de Keghel
220
Zwei Flüsse als Symbol des Tito-Jugoslawien
Marija Barišić
224
Die Oder: zwischen Idylle und Krieg
Wolfgang Grycz
229
Die Save und ihre Nebenflüsse im Spiegel von Multikulturalität und Multireligiosität
Niko Ikić
234
Die Wolga
Georgij Tschistjakow