OWEP 2/2009

OWEP 2/2009

Schwerpunkt:
Zwanzig Jahre Wende - Gespräche mit Zeitzeugen

Editorial

Sind erst – oder schon – zwei Jahrzehnte vergangen seit dem großen gewaltlosen Umsturz, den man die friedliche, die sanfte, die samtene Revolution genannt hat und der das Gesicht Europas von Grund auf veränderte? Nah sind jene Ereignisse vor allem durch die Bilder, die sich unauslöschlich ins Gedächtnis eingebrannt haben. Fern und tief im vergangenen Jahrhundert abgelegt scheint dagegen die Epoche, die sie beendet haben: Europa mittendurch geteilt in zwei Hälften, zwei sich diametral unterscheidende politische Systeme, zwei Machtblöcke mit dem Kernstück der Spaltung Deutschlands und seiner Hauptstadt.

Ost und West hatten sich auseinandergelebt. Dennoch drangen vernehmlich für alle, die sie hören wollten, die Stimmen derjenigen von Ost nach West, die die Unveränderlichkeit der Unfreiheit in Frage stellten. Männer und Frauen unterschiedlichster Herkunft wagten es, die persönliche Entfaltung des einzelnen Menschen über die Ansprüche des herrschenden Systems zu stellen. Sie waren am wenigsten überrascht, als dieses zusammenbrach, da sie seine Schwächen am frühesten erkannt hatte – gerade da, wo es ihnen selbst Unrecht zufügte. Es überrascht nicht, dass die meisten von ihnen bekennende Christen sind, boten doch oft die Kirchen den Schutzraum für viele, denen der real existierende Sozialismus als Lebenserfüllung nicht genügte.

Diese Nummer unserer Zeitschrift umfasst neun Gespräche mit Menschen aus Mittel- und Osteuropa, die durch ihr persönliches Zeugnis und ihr öffentliches Wirken die „Wende“ vorbereiteten und mitgestalteten. Prof. Dr. Michael Albus führte sechs Interviews zwischen November 2008 und Januar 2009; in drei weiteren Fällen antworteten die Gesprächspartner schriftlich.

Wie blicken sie heute auf die Zeit davor und auf die aufwühlenden Ereignisse des Umbruchs? Sind sie noch erfüllt von den Erwartungen der ersten Stunde? Können sie den Menschen von heute aus ihrer Erfahrung heraus Rat geben? Wie blicken sie auf die Zukunft des zusammenwachsenden Europas? Die Überwindung der Spaltung von damals ist nach wie vor eine unvollendete Aufgabe, weil in Europa die gemeinsame Sprache über das Geschehene noch nicht gefunden wurde. Unser Heft versucht, einen bescheidenen Beitrag dazu zu leisten.

Die Redaktion

Kurzinfo

Zwanzig Jahre bedeuten in der Geschichte der Menschheit eigentlich nicht viel, aus größerer historischer Distanz erscheint der Zeitraum sogar noch kleiner. Das Jahr 1989, das zwanzig Jahre zurückliegt, ist aber einer ausführlichen Erinnerung wert, markiert es doch den Höhepunkt einer Kette von Ereignissen, die die durch den Zweiten Weltkrieg und die frühe Nachkriegszeit entstandene geopolitische Lage Europas beendeten und einen neuen Abschnitt in der Weltgeschichte eröffneten. 1989 ist das Jahr der „Wende“, des Zusammenbruchs der kommunistischen Systeme in Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa, und steht damit am Beginn eines politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungsprozesses, der die östliche Hälfte Europas grundlegend verändert hat.

Freilich sind die Ereignisse von 1989 nicht „vom Himmel gefallen“. Was damals geschah, hat eine lange Vorgeschichte. Auch sind die seitherigen Veränderungen nicht gradlinig verlaufen; vielmehr gab und gibt es Brüche und Verwerfungen. Viele Hoffnungen von damals haben sich erfüllt, anderes jedoch, was 1989 mit viel Optimismus begann, hat sich als trügerisch erwiesen oder ist gescheitert. Es ist daher wichtig, über das Jahr 1989 nachzudenken und daran zu erinnern, wie es war und was die Menschen damals bewegt hat. Darüber kann man umfangreiche wissenschaftliche Arbeiten verfassen, man kann aber auch die Menschen selbst zu Wort kommen lassen. In der vorliegenden Ausgabe von OST-WEST. Europäische Perspektiven (OWEP) hat die Redaktion den zweiten Weg beschritten. Neun Zeitzeugen kommen zu Wort; ihre subjektive Sicht bietet ein facettenreiches Bild, das die Leser zum Nachdenken einlädt.

Eröffnet wird das Heft durch einen Beitrag von Prof. Dr. Hans Maier, München, mit dem Titel „Vor zwanzig Jahren: Europas Wiedervereinigung“. Sein Essay schlägt einen weiten Bogen von den Zeiten des Kalten Krieges über die Rolle von Papst Johannes Paul II. und Michail Gorbatschow bis zur Abfolge der Ereignisse seit Mitte der achtziger Jahre, wobei er auch Kernaussagen der anschließenden Interviews, die ihm zur Auswertung vorlagen, einbezieht. Der nächste knappe Text stammt von Prof. Dr. Michael Albus, dem verantwortlichen Redakteur von OWEP. Er beschreibt darin die äußeren Umstände, aber auch die Atmosphäre bei der Entstehung der sechs folgenden Interviews, die er zwischen November 2008 und Januar 2009 bei Reisen nach Paris, Dresden, Wittenberg, Prag und Warschau geführt hat.

Interviewpartner sind der polnische Staatsmann und Publizist Prof. Dr. Władysław Bartoszewski, die russische Schriftstellerin und Dissidentin Tatjana Goritschewa, der tschechische Theologe und Psychologe Prof. Dr. Tomáš Halík, der tschechische Dissident Jiří Kaplan, der frühere Präsident des Deutschen Caritasverbandes Prälat Hellmut Puschmann und der Publizist und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer. Schriftlich antworteten auf Fragen der Redaktion der Vizerektor der Ukrainischen Katholischen Universität Lwiw Prof. Dr. Myroslav Marynovych (1977-1988 als Dissident inhaftiert), der emeritierte Bischof von Łowicz Alojzy Orszulik SAC, der als Sekretär der Polnischen Bischofskonferenz viele Entwicklungen in den achtziger Jahren in Polen miterlebte, und die russische Publizistin Dr. Irina Scherbakowa, Mitarbeiterin der Menschenrechtsorganisation „Memorial“.

Dr. Christof Dahm

Inhaltsverzeichnis

83
Vor zwanzig Jahren: Europas Wiedervereinigung
Hans Maier
96
Alles noch so nah. Notizen zu den Interviews
Michael Albus
98
Gespräch mit Władysław Bartoszewski
108
Gespräch mit Tatjana Goritschewa
116
Gespräch mit Tomáš Hálik
124
Gespräch mit Jiří Kaplan
129
Gespräch mit Hellmut Puschmann
138
Gespräch mit Friedrich Schorlemmer
146
Anmerkungen von Myroslav Marynovych
151
Anmerkungen von Alojzy Orszulik
155
Anmerkungen von Irina Scherbakowa