OWEP 1/2010

OWEP 1/2010

Schwerpunkt:
Kirche und Politik in Russland

Editorial

Das Bild von Russland aus der Sicht des Westens ist gegenwärtig geprägt von einem nicht unerheblichen Flimmern, das die Wahrnehmung und damit politische Einordnung des Landes für den Außenstehenden unscharf macht. Viele Positionen der russischen politischen Führung erweisen sich als labil, wechselhaft, viele ihrer Vorgehensweisen wecken Zweifel und manchmal auch Ängste. Unklar ist dabei häufig, wie stark die breite Mehrheit der russischen Gesellschaft hinter ihrem Staat und dessen Führung steht, wie weit sie deren Positionen stützt, oder ob sich nicht eine gewisse Gleichgültigkeit in einer Gesellschaft breit gemacht hat, in der große Teile damit zu kämpfen haben, den eigenen Alltag zu bewältigen.

Ein wichtiges – und gerade in seiner Indikatorfunktion häufig unterschätztes – Bindeglied zwischen der russischen Gesellschaft und der politischen Führung stellt dabei die Russische Orthodoxe Kirche (ROK) dar, deren Wirken und Bedeutung das vorliegende OWEP-Heft gewidmet ist. Es versucht, die Rolle der ROK in Russland mit Hilfe unterschiedlicher Fragestellungen zu beleuchten, um damit ihre Bedeutung für die russische Gesellschaft dem Leser näher zu bringen. Neben dem pragmatischen Blick auf den russischen Glaubensalltag sollen dabei auch engere Themenstellungen im Mittelpunkt stehen, beispielsweise das Verhältnis der ROK zum Staat oder zur Ökumene, aber auch ihre Rolle bei internationalen Auseinandersetzungen, in die Russland verwickelt ist. Unerlässlich ist dabei ebenso die Auseinandersetzung mit programmatischen Inhalten, insbesondere nach der Wahl von Patriarch Kyrill I. an die Spitze der ROK. Ein Interview mit dem renommierten Wissenschaftler Weniamin Simonow vermittelt vor dem Hintergrund einer aktuellen Umfrage Einblicke, inwieweit sich das Verhältnis der russischen Bevölkerung zur Kirche in den vergangenen zwanzig Jahren verändert hat und vor welchen Herausforderungen die ROK aktuell steht.

Am Ende steht die Hoffnung der Redaktion, dass es durch die Auswahl der Themen gelungen ist, über den Weg unterschiedlicher Facetten dem Leser einen guten Gesamteindruck der Bedeutung der ROK in Russland zu vermitteln.

Die Redaktion

Kurzinfo

Mit dem Amtsantritt von Patriarch Kyrill I. von Moskau und ganz Russland am 1. Februar 2009 ist nach Meinung vieler Beobachter ein neuer Abschnitt in der Entwicklung der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) angebrochen. Kyrill I. setzt in der Politik der Kirche gegenüber Staat und Gesellschaft einerseits die Linie seines Vorgängers Alexij II. fort, setzt andererseits jedoch neue Akzente, z. B. durch Strukturreformen innerhalb der kirchlichen Organisation und durch ein selbstbewusstes Auftreten in den Medien und bei Auslandsreisen. Es lohnt sich daher, im aktuellen OWEP-Heft nach einem Jahr eine erste Bilanz zu ziehen.

Einen Rückblick auf die Entwicklung der ROK im Jahre 2009 bietet eingangs Christoph Mühl, der z. Zt. an einer Dissertation über die Beziehungen zwischen der ROK und dem deutschen Protestantismus arbeitet. Darin werden auch die Schwerpunkte der Politik Kyrills I. abgesteckt: innere Reformen, deutliche Positionierung gegenüber dem Staat, Akzentsetzungen in der Ökumene. Das Verhältnis der Orthodoxie zum Staat, das in Russland jahrhundertelang durch ein besonderes Mit- und Ineinander, die „symphonia“, gekennzeichnet war, beleuchtet anschließend die Historikerin Prof. Dr. Jelena Beljakowa, Mitarbeiterin am Institut für russische Geschichte der Moskauer Akademie der Wissenschaften. Die Anfänge dieser Tradition liegen im 6. Jahrhundert und gewinnen in der Gegenwart wieder eine überraschende Aktualität.

Christen der westlichen Tradition neigen schnell zu dem Vorurteil, die orthodoxe Kirche verfüge zwar über eine reiche geistliche Tradition, doch mangele es in ihr an sozialer Praxis. In ihrem Beitrag über das politische und soziale Engagement der ROK stellt Dr. Jennifer Wasmuth, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Kirchen- und Konfessionskunde der Humboldt-Universität Berlin, anhand der im Jahre 2000 in Moskau verabschiedeten „Grundlagen der Sozialkonzeption“ dar, dass die ROK über ein entsprechendes wegweisendes Dokument verfügt. Es lohnt sich, die darin vertretenen Positionen zu untersuchen; vielfach gingen von den „Grundlagen“ bereits Initiativen zur Behebung konkreter Missstände in Russland aus.

Drei weitere Beiträge des Heftes gelten dem Selbstverständnis der ROK in Abgrenzung zu Christen anderer Konfession und im Hinblick auf die russische Gesellschaft. Prof. Dr. Wladimir Fjodorow, Dozent am Institut für Missiologie, Ökumene und neue religiöse Strömungen der ROK in Sankt Petersburg, beschreibt das Mitwirken der ROK in der ökumenischen Bewegung, das trotz hoffnungsvoller Ansätze immer wieder von Rückschlägen und Misstrauen gegenüber „Andersgläubigen“ oder „Neuerern“ gekennzeichnet ist. Eng damit verbunden ist die Rolle der ROK für die Identität Russlands in Geschichte und Gegenwart. Die in Erfurt tätige Politikwissenschaftlerin Dr. Katja Richters stellt das Lavieren der ROK zwischen Patriotismus und Nationalismus vor; dies führt dazu, dass sich neben Positionen, die der Moderne in all ihren Facetten aufgeschlossen gegenüberstehen, auch Äußerungen innerhalb der ROK mit antiwestlichen, antijüdischen und antiislamischen Tönen finden. Selbst Abgrenzungen gegen orthodoxe „Brudervölker“ lassen sich vor diesem Hintergrund rechtfertigen. Wie Dr. Martin Malek, wissenschaftlicher Mitarbeiter der österreichischen Landesverteidigungsakademie in Wien, in seinem Beitrag darlegt, hat sich ROK während des Krieges zwischen Russland und Georgien im Sommer 2008 nach vorübergehenden Kontakten zur Georgischen Orthodoxen Kirche die Argumentation der russischen Regierung zu eigen gemacht und damit leider nicht zu einer Beruhigung der Lage beigetragen, eher im Gegenteil.

Nach diesen Beiträgen, in denen in erster Linie Positionen der Amtskirche vorgestellt wurden, bietet das Heft einen Aufsatz und ein Interview, in deren Mittelpunkt die religiöse Praxis steht; anders gesagt: Die ROK erhebt den Anspruch, für die Mehrheit der russischen Bevölkerung zu sprechen – wie sieht es aber an der Basis aus? Die Historikern Nadeschda Beljakowa, die im „Zentrum zur Erforschung der gesellschaftlich-politischen Prozesse im postsowjetischen Raum“ an der Geschichtswissenschaftlichen Fakultät der Moskauer Staatlichen Universität arbeitet, hat hierzu umfangreiches statistisches Material ausgewertet. Ihr Fazit ist ernüchternd: Nur ein sehr geringer Prozentsatz der russischen Bevölkerung nimmt aktiv am kirchlichen Leben teil. Viele Russen verstehen unter „Orthodoxie“ ein kulturelles Phänomen ohne religiöse Bindekraft. Ähnlich äußert sich im Interview Prof. Dr. Weniamin Simonow, Professor für Kirchengeschichte an der Fakultät für Geschichte der Moskauer Staatsuniversität und stellvertretender Vorsitzender der Synodalabteilung für Mission der ROK, der die Erstellung und Auswertung einer offiziellen Umfrage zum Thema „Religion und Religiosität in Russland“ im Februar 2009 mit betreut hat.

Das Heft bietet abschließend einen Auszug aus dem 2008 erschienenen Dokument „Die Russische Orthodoxe Kirche und die Menschenrechte“, das einige Überlegungen der bereits erwähnten „Grundlagen der Sozialkonzeption“ fortführt. Der letzte Beitrag des Heftes gehört nicht zum Schwerpunktthema, wurde jedoch aus aktuellem Anlass aufgenommen. Unter dem Titel „Zeit für eine reife Demokratie“ schildert Dr. István Tarrósy, Dozent am Institut für Politikwissenschaft der Universität Pécs (Ungarn) die gesellschaftliche Lage Ungarns angesichts der derzeitigen wirtschaftlichen und politischen Turbulenzen. Er vermittelt auch Einblicke in die Entwicklung der Stadt Pécs, die sich neben dem Ruhrgebiet und Istanbul „Europäische Kulturhauptstadt 2010“ nennen darf.

Zusammen mit Heft 1/2010 ist auch ein nach verschiedenen Kriterien gegliedertes Verzeichnis der bisherigen zehn OWEP-Jahrgänge erschienen.

Christof Dahm

Inhaltsverzeichnis

4
Die Russische Orthodoxe Kirche unter Patriarch Kyrill I. – Rückblick auf sein erstes Amtsjahr
Christoph Mühl
16
Der Begriff „symphonia“ in der russischen Geschichte
Jelena W. Beljakowa
23
Politisches und soziales Engagement der orthodoxen Kirche in Russland
Jennifer Wasmuth
32
Das Verhältnis der Russischen Orthodoxen Kirche zur Ökumene
Wladimir Fjodorow
39
Die Russische Orthodoxe Kirche zwischen Patriotismus und Nationalismus
Katja Richters
48
Mit Gottes Hilfe zum Sieg? Die Kirchen Russlands und Georgiens und der Krieg im August 2008
Martin Malek
54
Religiöses Leben im heutigen Russland – Ideal und Wirklichkeit
Nadeschda Beljakowa
64
Religiosität in Russland – Interview mit Prof. Dr. Weniamin Simonow
Thomas Bremer
69
Dokument: Die Russische Orthodoxe Kirche und die Menschenrechte
OWEP-Redaktion
75
Aus aktuellem Anlass: Zeit für eine reife Demokratie. Dr. István Tarrósy über die aktuelle Situation in Ungarn und die „Europäische Kulturhauptstadt Pécs“