OWEP 3/2010

OWEP 3/2010

Schwerpunkt:
Umweltprobleme in Mittel- und Osteuropa

Editorial

Umweltschutz ist wahrscheinlich das Thema, das das 21. Jahrhundert entscheidend prägen wird. Angesichts immer knapper werdender Rohstoffe und des weltweit spürbaren Klimawandels steht die Menschheit an einem Wendepunkt: Ein „Weiter so“ ist nicht mehr möglich. Umdenken und verändertes Handeln sind zwingend erforderlich. Auch die Christen sind gefordert, auch die Kirchen müssen Stellung beziehen – sie tun es auf vielfältige und unterschiedliche Weise, in Wort und Tat.

Umweltschutz ist zugleich „angesagt“ – so erscheinen täglich Berichte zur Ölkatastrophe im Golf von Mexiko, deren Folgen noch nicht absehbar sind. Experten unterschiedlichster Fachrichtungen geben Stellungnahmen ab, die oft widersprüchlich sind und mehr zur Verwirrung als zur Klärung beitragen. Und nun auch noch ein Heft von OST-WEST. Europäische Perspektiven – warum? Die Redaktion hat lange überlegt, wie man sich dieser Thematik annähern kann. Ein Anlass für die Schwerpunktwahl ist die Erinnerung an das Reaktorunglück von Tschernobyl, das sich im April 2011 zum 25. Mal jährt und besonders Mittel- und Osteuropa schwer getroffen hat. Damit ist das Thema „Energie“ mit den Aspekten „Energieeffizienz“, „Energieeinsparung“ und „alternative Energien“ angeschnitten. Nicht minder wichtig sind die Bereiche „Wasser“ und „Holz“: Wie geht der Mensch damit um? Und überhaupt: Wo und wie ist der Mensch in der Umwelt „verortet“? Damit ist einmal mehr die theologische Frage gestellt: Ist sich der Mensch bewusst, dass er ein Teil der Umwelt, der Schöpfung, ist? Daraus fließen Rechte, aber auch Pflichten. Die ostkirchliche Tradition bietet hier wichtige Anknüpfungspunkte, die im Heft zur Sprache kommen.

Die Beiträge sind in Gestalt einer kleinen Reise angeordnet, die von Mittel- nach Ost- und Südosteuropa und schließlich nach Zentralasien führt. Manche Überraschung wartet am Wegesrand. Die Redaktion würde sich über Rückmeldungen sehr freuen.

Die Redaktion

Kurzinfo

Der Mensch ist ein Teil der Umwelt, er gestaltet sie und hat sie im Laufe der Jahrhunderte verändert. Vieles davon geschieht unbewusst, anderes durchaus unter Einbeziehung der Folgen. Dass die Umwelt in vielen Bereichen – Boden, Wasser, Wald und Klima sind markante Beispiele – jedoch gerade in den letzten Jahrzehnten Schäden erlitten hat, deren Folgen noch unabsehbar sind, lässt sich nicht leugnen, auch wenn in der Fachwelt wie in der Öffentlichkeit die Meinungen auseinandergehen, ob Klimawandel, Bodenerosion und Überschwemmungen von Menschen verursacht sind oder nicht doch „nur“ Naturereignisse darstellen, die sich ohne Zutun des Menschen ereignen.

Auf jeden Fall ist der Mensch von diesen Prozessen betroffen. Viele Stimmen äußern sich dazu, auch die Kirchen nehmen dazu Stellung. Das aktuelle Heft möchte Beispiele In Mittel- und Osteuropa vorstellen und dabei auch zeigen, dass neben anderen gesellschaftlichen Kräften auch Christen sich aktiv im Umweltschutz engagieren. Eröffnet wird das Heft daher mit einem grundlegenden Beitrag des Sozialethikers Prof. Dr. Markus Vogt, München, über biblische und sozialethische Grundlagen einen verantwortungsvollen Umgangs mit der Schöpfung. Die Abfolge der Beispiele eröffnet der polnische Journalist und Umweltaktivist Krzysztof A. Worobiec, der die Folgen menschlichen Eingreifens in die Landschaft Masurens in Nordostpolen beschreibt: Seen sind verschmutzt, Alleen werden gefällt, und viele Bewohner sehen tatenlos zu, wie das wertvolle Naturerbe vernichtet wird. Noch gravierendere, bis heute spürbare Folgen für Mensch und Umwelt hatte die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986, die weite Teile Weißrussland verstrahlte. Dr. Astrid Sahm, Leiterin der Internationalen Bildungs- und Begegnungsstätte (IBB) „Johannes Rau“, in Minsk, zeichnet die neuere Entwicklung der Umweltpolitik in Weißrussland nach, das immer noch unter den Folgen des Reaktorunglücks leidet und durchaus Fortschritte im Umweltschutz gemacht hat. In der Ukraine, der sich der Beitrag von Prof. Dr. Volodymyr Sheremeta, Dozent an Theologischen Akademie in Ivano-Frankivsk, widmet, zeichnet sich ebenfalls eine Wende zum Besseren ab. Das Land hat infolge rigider sowjetischer Industriepolitik mit großen Umweltproblemen zu kämpfen; die Kirchen sind, wie der Autor belegt, mit vielen Aktivitäten Schrittmacher zur Verbesserung der Situation.

Auch in der Republik Moldau, jenem kaum bekannten Land in Südosteuropa, gibt es Vorbilder für praktizierten Umweltschutz. Edgar Vulpe, Direktor des Sozialzentrums „Haus der Fürsorge“ in Chişinau, stellt diese kirchliche Einrichtung vor, deren Energieversorgung auf Solartechnik beruht. Grundsätzliche Überlegungen über das Verhältnis zwischen Mensch und Natur bieten die Ausführungen von Prof. DDR. Sándor Győry-Nagy, Dozent im Ökosozialen Forum in Kiskunmajsa (Ungarn). Er befasst sich mit dem Einfluss von Boden und Wasser auf die Entwicklung der menschlichen Kultur im Donauraum. An den Rand des Donauraums, in die Auenwälder Transkarpatiens im Länderdreieck Ukraine-Ungarn-Slowakei, führt Dr. Bohdan Prots, Geograph und Mitarbeiter des Staatlichen Museums in Lviv, den Leser. In diesen Wäldern haben sich seltene Pflanzen und Tiere erhalten, deren Bestand durch Meliorationsmaßnahmen jedoch bedroht ist. Auch dort zeichnet sich allmählich ein Umdenken ab. Ein ganz anderes Bild, das in Südosteuropa nicht selten ist, bietet das orthodoxe Kloster Kovilj in Serbien. Dessen Abt, Bischof Porfirije (Perić) schildert die Geschichte und gegenwärtige Situation des Klosters, das Landwirtschaft nach ökologischen Grundsätzen betreibt.

Mit dem Beitrag von Tim Graewert, einem Nachwuchswissenschaftler, der mehrere Jahre in Bulgarien gelebt hat, wendet sich das Heft erneut dem Thema „Kernkraft“ zu. Die endlose Diskussion um das Für und Wider des Kernkraftwerks Belene steht stellvertretend für entsprechende Debatten in ganz Mitel- und Osteuropa; man denke nur an Ignalina (Litauen) und Temelin (Tschechien). Martin Buschermöhle, für Renovabis als Berater tätig, beschreibt ein Umweltschutzprojekt in Kasachstan, der größten der ehemals sowjetischen zentralasiatischen Republiken. Anstelle von Kohle oder Öl soll verstärkt Stroh, das bisher ungenutzt verbrannt wurde, in großen Anlagen zu Heizzwecken verwendet werden. Schließlich kommt das Thema „Kernkraft“ zum dritten Mal zur Sprache, jedoch nicht als nüchterner Bericht, sondern in der Schilderung des Schicksals zweier so genannter „Liquidatoren“, also Personen, die 1986 bei den Aufräumarbeiten in der Umgebung von Tschernobyl eingesetzt worden. Niemand sagte ihnen damals, was genau geschehen war, und viele von ihnen haben bis heute mit schweren gesundheitlichen Folgen zu kämpfen.

Abgeschlossen wird das Heft mit zwei Texten, die das besondere Bemühen der Ostkirchen um die Bewahrung der Schöpfung illustrieren. Es handelt sich um Auszüge aus dem „Bittgottesdienst für unsere Umwelt und den Wohlbestand der ganzen Schöpfung“ sowie Kernpunkte einer Ansprache des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. aus dem Jahre 2007 „Arktis: Der Spiegel des Lebens“. Hingewiesen sei an dieser Stelle bereits auf den Schwerpunkt von OWEP 4/2010. Das Heft wird sich mit Albanien befassen.

Dr. Christof Dahm

Inhaltsverzeichnis

163
Biblische und sozialethische Grundlagen für einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Schöpfung
Markus Vogt
172
Masuren – ein bedrohtes Wunder der Natur in Polen
Krzysztof A. Worobiec
180
25 Jahre nach Tschernobyl: Umweltbewusstsein und Umweltpolitik im heutigen Weißrussland
Astrid Sahm
190
Am Anfang eines „grünen Weges“. Kirchliche Umweltarbeit in der Ukraine
Volodymyr Sheremeta
197
Praktizierter Umweltschutz in der Republik Moldau – die „Casa Providenţei“ in Chişinǎu
Edgar Vulpe
201
Das Karpatenbecken im Spiegel von Kulturökologie und Umweltkommunikation
Sándor Győri-Nagy
212
Europas unbekannte Urwälder in Transkarpatien
Bohdan Prots
219
Kloster Kovilj – ein orthodoxes Kloster in Serbien mit ökologischer Prägung
Porfirije Peric
223
Die zivile Nutzung der Atomkraft aus bulgarischer Perspektive
Tim Graewert
228
Nachhaltige Energiewirtschaft und Umwelterziehung in Kasachstan
Martin Buschermöhle
232
Yefim Shmidow und Elena Kirsnouskaya: Das Schicksal zweier Tschernobyl-Liquidatoren (Porträts)
OWEP-Redaktion
237
Gottesdienstliche Texte aus der Orthodoxie zur Schöpfung (Dokument)
OWEP-Redaktion
239
Auszug aus der Eröffnungsrede von Patriarch Bartholomaios I. zum Symposium „Arktis: Der Spiegel des Lebens“ (Dokument)
OWEP-Redaktion