OWEP 2/2011

OWEP 2/2011

Schwerpunkt:
Bleibende Wunden - Psychische Folgen des Kommunismus

Editorial

Die Beiträge dieses Heftes versuchen eine Annäherung an diesen komplexen und schwer greifbaren Aspekt. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach den Spätfolgen kommunistischer Herrschaftspraxis für die mentale Entwicklung und Verfassung der Menschen in den Ländern Ostmitteleuropas, die unter dieser Herrschaftsform persönlichen Diskriminierungen unterschiedlichen Ausmaßes ausgesetzt waren.

Dabei kommen sowohl Psychoanalytiker zu Wort, die über ihre Erfahrungen mit der Therapierung – beispielsweise durch Traumanalyse – vom Kommunismus geschädigter Patienten berichten, als auch Betroffene, die über das Leben „zwischen Sein und Schein“ (Filaj-Ballvora) beispielsweise in Albanien oder Rumänien schreiben. Die Reflexion über die Bedeutung der Kirche als „die am meisten kommunismusresistente Dimension des Lebens“ (Preda) ist dabei ebenso Teil der Beiträge und Interviews wie die Frage nach der erneuten Traumatisierung von Teilen der Menschen nach 1989. Vieles, was auf den ersten Blick verstörend und befremdend wirkt, erschließt sich dem Leser nach und nach durch die unterschiedlichen Blickwinkel, die dieses Heft zu vermitteln versucht. Eine alle Aspekte umfassende Darstellung ist freilich nicht möglich, doch allein schon die Hinführung an das Thema sowie die Sensibilisierung für die Problematik war das Anliegen der Redaktion.

Die Redaktion

Kurzinfo

Mehr als zwanzig Jahre liegen die politisch-gesellschaftlichen Umwälzungen in Mittel-, Ost- und Südosteuropa zurück. Die historische Aufarbeitung der damaligen Ereignisse und ihrer Vorgeschichte ist jedoch noch längst nicht abgeschlossen. Zu den schwierigsten Fragestellungen gehört die Untersuchung der psychischen Folgen der Unrechtsregime für die Menschen, sowohl für den Einzelnen als auch für die Familien; oft sind die Folgen sogar über mehrere Generationen hinweg spürbar. Der „real existierende Sozialismus“ hinterließ nicht nur zerstörte Landschaften, sondern auch traumatisierte Bürger, von denen viele bis heute unter körperlichen und seelischen Verletzungen leiden. Das aktuelle Heft möchte Informationen zu dieser Fragestellung vermitteln und damit auf die betroffenen Menschen und ihr Schicksal hinweisen.

Einführend widmet sich Prof. Dr. Thomas Hoppe, Universität Hamburg, den psychosozialen Folgen von Systemunrecht, speziell am Beispiel der ehemaligen DDR. Viele Menschen tragen Erinnerungen in sich, unter denen sie leiden, in ihrer Umgebung finden sie jedoch wenig oder überhaupt kein Verständnis. Betroffen sind sowohl Opfer als auch Täter. Die Therapie muss darauf abzielen, den Menschen die Würde zurückzugeben. Hier sind auch die Kirchen gefragt, deren Vertreter allerdings oft Teil des „Systems“ waren, was ebenfalls aufgearbeitet werden muss.

Die beiden folgenden Beiträge ähneln insofern, als sie Einzelschicksale vorstellen und Hinweise zur Therapie geben. Prof. Dr. Krzysztof Rutkowski, Direktor des Zentrums für die Behandlung von politischen Verfolgten an der Universität Krakau, schildert Schicksale von Personen, die in den vierziger und fünfziger Jahren inhaftiert oder in die Sowjetunion deportiert wurden. Typisch sind posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) mit körperlichen und seelischen Folgen. Prof. Dr. Gražina Gudaitė, Professorin für Psychologie an der Universität Vilnius, zeichnet Fälle von Jugendlichen nach, deren Entwicklung durch die Verfolgung der Eltern im „System“ nachhaltig gestört wurde. Neben den konkreten Einzelfällen ist stets zu bedenken, dass der Kommunismus die Gesellschaft als Ganzes geprägt hat, was sich in bestimmten Verhaltensweisen des „homo sovieticus“ äußert, die bis heute nachwirken. Rumänien steht pars pro toto, wenn viele Bürger ein gebrochenes Verhältnis zur Obrigkeit oder zum Eigentum haben. Diese und manche anderen negativen Züge stellt der orthodoxe Theologe Prof. Dr. Radu Preda, Universität Cluj-Napoca, in seinem Beitrag „Kommunismus als Trauma“ dar. Der Kirche kommt eine große Rolle bei der Überwindung dieser Haltungen zu, jedoch muss auch sie zuerst ihre historischen Verstrickungen eingestehen.

Übergreifenden Charakter haben die Ausführungen von Gert Sauer, Psychoanalytiker und Psychotherapeut in Freiburg. Seine Überlegungen gelten besonders den Menschen in Litauen, deren Situation unter dem sowjetischen Regime er anhand kultureller Traditionen analysiert. Einen anderen Weg beschreitet der tschechische Psychologe und Psychotherapeut Dr. Ludvik Bět’ák: In seinen Beitrag fließen persönliche Erfahrungen ein, und er spannt einen Bogen aus der Zeit des „Prager Frühlings“ über die bleierne Phase der so genannten „Normalisierung“ der siebziger Jahre zur „Samtenen Revolution“ von 1989 und zu den seitherigen gesellschaftlichen Veränderungen. Viele Hoffnungen haben sich nicht erfüllt, Ernüchterung macht sich breit – dennoch überwiegt für ihn trotz allen Fortlebens des „homo sovieticus“ insgesamt der positive Aspekt. Persönliche Erfahrungen stehen schließlich auch im Mittelpunkt der Erlebnisse von Diana Konstandin in Albanien, deren Eindrücke die bei der „Deutschen Welle“ tätige Journalistin Vilma Filaj-Ballvora schildert. Für den Leser entfaltet die Autorin das Bild des kleinen, hermetisch abgeschlossenen Landes in Südosteuropa aus der Sicht eines heranwachsenden Mädchens. Im Mittelpunkt stehen inszenierte Paraden, Aufmärsche und Demonstrationen in Tirana, die nach 1990 verschwunden waren, jedoch, wie die Beobachterin bei ihren jüngsten Besuchen in Albanien feststellen musste, in der noch jungen albanischen Demokratie immer häufiger an die Stelle sachlicher Auseinandersetzung treten. Offensichtlich hat sich im Laufe der kommunistischen Epoche eine Grundhaltung in den Köpfen festgesetzt, deren Überwindung noch lange Zeit dauern wird.

Welche Rolle kommt bei der Lösung der gesamten Problematik der Kirche zu? Diese Frage ist nicht in wenigen Sätzen zu beantworten, denn von Land zu Land und auch je nach Verlauf der vorhergehenden Geschichte waren die Kirchen, ihre Repräsentanten und viele Christen Opfer, Mitläufer, manchmal auch sogar – meist gezwungenermaßen – Teil des Systems (vgl. den Beitrag von Thomas Hoppe). „Bleibende Verantwortung der Kirchen“ steht über vier kurzen Gesprächen, in denen Prälat Hellmut Puschmann (Dresden), Pfarrer Friedrich Schorlemmer (Wittenberg), Weihbischof Dr. Pero Sudar (Sarajevo) und Äbtissin Dr. Ágnes Tímár OCist (Budapest) die Zeit vor 1989 und die seitherige Entwicklung Revue passieren lassen. Vieles hat sich zum Besseren gewendet, aber es gibt auch Stillstand, ja sogar Rückschritt. Abgeschlossen wird das Heft mit Hinweisen zu einigen neueren Veröffentlichungen. Hingewiesen sei an dieser Stelle bereits auf den Schwerpunkt von OWEP 3/2011. Das Heft wird sich mit dem Thema „Ländliche Räume im Umbruch“ befassen.

Dr. Christof Dahm

Inhaltsverzeichnis

82
Wie leben mit Erinnerungen, die man kaum erträgt? Zu den psychosozialen Folgen von Systemunrecht.
Thomas Hoppe
91
Die Folgen von Traumata durch politische Verfolgungen. Einige Fallstudien
Krzysztof Rutkowski
101
Psychologische Auswirkungen kommunistischer Regime: Die Dynamik der Autoritätserfahrung.
Gražina Gudaitė
109
Kommunismus als Trauma. Sozialtheologische Überlegungen aus rumänischer Sicht
Radu Preda
117
Beziehung, Freiheit, Toleranz und Kultur. Prinzipien der therapeutischen Arbeit im östlichen Europa
Gert Sauer
125
Das Erwachen zur Verantwortung
Ludvík Běťák
136
Albanien – Das Leben eines Volkes zwischen Sein und Schein
Vilma Filaj-Ballvora
147
Umfrage: Vier Stimmen zum Thema „Bleibende Verantwortung der Kirchen“
Michael Albus
158
Bücher
OWEP-Redaktion