OWEP 1/2014

OWEP 1/2014

Schwerpunkt:
Europa 1914–2014

Editorial

Im Jahr der Jubiläen 2014 – 100 Jahre Beginn des Ersten Weltkriegs, 75 Jahre Beginn des Zweiten Weltkriegs, 25 Jahre Fall der Berliner Mauer (als Symbol für die „Wende“ im Ostteil Europas) und 10 Jahre Osterweiterung der Europäischen Union – lassen sich bereits Schwerpunkte erkennen. Im Zentrum steht die Erinnerung an den Beginn des Ersten Weltkriegs. Das ist sicher richtig, insofern sich die folgenden Entwicklungen in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts und besonders der Zweite Weltkrieg ohne den Ersten Weltkrieg nicht erklären lassen.

Erklärung und Bewertung von historischen Ereignissen sind jedoch, auch wenn der Historiker möglichst objektiv mit den Fakten umgeht, immer problematisch. So gerät es schnell aus dem Blickfeld des Westeuropäers und besonders des Deutschen, dass der Erste Weltkrieg für viele Völker in Mittel-, Ost- und Südosteuropa nicht zur Katastrophe, sondern zur Freiheit führte und den Weg zur Bildung souveräner Staaten wie Polen, der Tschechoslowakei und der baltischen Staaten bereitete. Mit dem Zweiten Weltkrieg, dessen Beginn 75 Jahre zurückliegt, brach das System, das die Friedensverträge nach 1918 geschaffen hatte, zusammen. Nach 1945 folgte eine tiefe Spaltung Europas in „Ost“ und „West“, deren Überwindung inzwischen auch wieder ein Vierteljahrhundert zurückliegt.

Das vorliegende Heft möchte einige Akzente setzen, wichtige Wendepunkte und Erinnerungsorte aufzeigen und damit ein wenig dazu beitragen, bei aller Notwendigkeit des Rückblicks auf Niederlagen und Gewaltherrschaft, den Blick auch auf die oft mühsam erreichten Erfolge der europäischen Einigungsbemühungen zu richten. Angesichts der Krise, in der sich Europa als Ganzes gegenwärtig befindet, kann es nur von Nutzen sein, an den Willen zum Neubeginn der Jahre 1945 und 1989 zu erinnern, um von dort Anstöße für die weitere europäische Integration in den kommenden Jahren zu erhalten.

Die Redaktion

Kurzinfo

Seit einigen Wochen häufen sich in allen Medien die Hinweise auf das inzwischen angebrochene „Jubiläumsjahr“ 2014. Im Mittelpunkt steht dabei der Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 als „Urkatastrophe“, ohne die die weitere Geschichte Europas in den nachfolgenden Jahrzehnten wohl anders verlaufen wäre. Dennoch sollte man sich vor der Vorstellung eines zwangsläufigen Weges von 1914-1918 zu 1939-1945 und der Epoche der Zweiteilung Europas in „Ost“ und „West“ bis 1989 hüten: Es gab sowohl zwischen den Weltkriegen als auch in den Hochzeiten des „Kalten Krieges“ kurze Phasen bzw. Ereignisse, die für – mögliche – andere Wege der Geschichte stehen; man denke etwa an die deutsch-französische Verständigung der zwanziger Jahre, die mit den Namen „Briand“ und „Stresemann“ verbunden ist, oder die lange Phase der Entspannungspolitik der siebziger Jahre mit ihren auch im Nachhinein noch oft überraschend wirkenden Wendungen.

Wenn die Retrospektive auf die letzten einhundert Jahre dazu beiträgt, den Blick für aktuelle Probleme wie beispielsweise den Fortgang der europäischen Integration zu schärfen, wäre nicht nur für die Geschichtswissenschaft, sondern auch für die Politik sehr viel gewonnen. Es gilt also, angesichts der Fülle der Stimmen zum Jahr 1914 (und dem, was folgte) auch auf die Zwischentöne zu achten, um ein möglichst vollständiges Bild von dem, was geschehen und was daraus geworden ist, zu erhalten. „Weichen und Weichenstellungen“ lautet der Untertitel des vorliegenden OWEP-Heftes zum Jahrhundert „1914–2014“, und selbstverständlich können nur wenige Themenbereiche vorgestellt werden. Die Redaktion hofft, damit einige Anstöße zum weiteren Nachdenken geben zu können.

Eröffnet wird die Abfolge der Beiträge von Dr. Jochen Böhler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Imre Kertész-Kolleg Jena, der einen Überblick über das „kurze Jahrhundert der Gewalt“ von 1914-1989 gibt. Prof. Dr. Hans Hecker, Osteuropa-Historiker an der Universität Düsseldorf, überschreibt seine Analyse mit der Frage „Wende? Revolution? Umsturz? Krise?“ und legt dar, wie fragwürdig es ist, in historischen Abläufen scheinbar „eindeutige“ Abgrenzungen vorzunehmen. Die europäischen Probleme der Gegenwart, näherhin die Chancen der Europäischen Union im 21. Jahrhundert und ihr mögliches Scheitern angesichts der Schicksale früherer Imperien stehen im Mittelpunkt des Essays des polnischen Publizisten Adam Krzemiński. Entscheidend für die Zukunft der Union ist nach seiner Ansicht ihr Verhältnis zu Russland, besonders angesichts der aktuellen Krise in der Ukraine.

Zwei weitere Texte des Heftes sind Staaten gewidmet, die im 20. Jahrhundert eine besondere Rolle spielten: Der emeritierte Osteuropahistoriker Prof. Dr. Gerhard Simon zeichnet Aufstieg und Niedergang der Sowjetunion nach; Dr. Markus Krzoska, Privatdozent an der Universität Gießen, schildert die bewegte Geschichte Polens nach der staatlichen Wiedergeburt 1918 bis in die Gegenwart. Mit einem der bewegtesten politischen Zeiträume der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, den Jahren der Entspannungspolitik, beschäftigt sich anschließend der an der Karls-Universität Prag lehrende Politikwissenschaftler Dr. Miroslav Kunštát. Sein Beitrag schildert die Vorgeschichte und Bedeutung des „Prager Vertrags“ von 1973 im Rahmen der neuen deutschen Ostpolitik, die indirekt zur Ermutigung der Dissidentenbewegung in der Tschechoslowakei („Charta 77“) beitrug.

Zum Ausgangspunkt, also zum Schicksalsjahr 1914, kehrt Prof. Dr. Ulf Brunnbauer, Professor für die Geschichte Südost- und Osteuropas an der Universität Regensburg, zurück. Sein Beitrag gilt Sarajevo, einem „Erinnerungsort wider Willen“, der im 20. Jahrhundert mehrfach zum Schauplatz der Weltgeschichte geworden ist. Um Opfer und Gewalt geht es auch in den beiden letzten kurzen Texten des Heftes. Dr. Jörg Lüer, stellvertretender Vorsitzender der Maximilian-Kolbe-Stiftung, zeichnet anhand der Geschichte des Lonski-Gefängnisses im ukrainischen Lemberg das „Jahrhundert der Gewalt“ nach. Einem kaum bekannten, aber nicht unwichtigen Opfer des Sommers 1914, dem russischen Botschafter in Serbien Nikolaus von Hartwig, gilt der Beitrag von Adrian Schütte, Student der Katholischen Theologie an der Universität Münster. Abgeschlossen wird das Heft durch ein Interview mit Botschafter a. D. Dr. Wilhelm Höynck, dem ersten Generalsekretär der OSZE, worin er deren Entstehung und politische Rolle entfaltet.

Ein Hinweis auf das nächste Heft: Im Mai 2014 wird das zweite Heft des 15. Jahrgangs erscheinen, das dem Schwerpunkt „Hinter Gittern. Strafvollzug in Mittel- und Osteuropa“ gewidmet sein wird. Der Haftvollzug in diesem Teil Europas weist trotz mancher Reformbemühungen noch immer viele Defizite auf. Das Heft bietet eine Übersicht zur gegenwärtigen Situation, u. a. in Albanien, Lettland und Rumänien, und stellt Initiativen zur Verbesserung der Lage der Betroffenen vor.

Dr. Christof Dahm

Inhaltsverzeichnis

2
Schwerter und Damoklesschwerter – Gewalterfahrung in Ostmitteleuropa 1914-1989
Jochen Böhler
12
Wende? Revolution? Umsturz? Krise? … und was danach kommt. Zur historischen „Normalität“ der Veränderung
Hans Hecker
21
Alte und neue Imperien in Europa
Adam Krzemiński
29
Die Sowjetunion – eine Weltmacht?
Gerhard Simon
38
Europa 1914 – 2014. Weichen und Weichenstellungen in Polen
Markus Krzoska
46
Wandel durch Annäherung? Die „neue deutsche Ostpolitik“ aus Prager Perspektive
Miloslav Kunštát
56
Sarajevo: Erinnerungsort wider Willen
Ulf Brunnbauer
66
Ein Jahrhundert der Gewalt: Das ehemalige Gefängnis an der Lonski-Straße in Lemberg/Ukraine
Jörg Lüer
70
Julikrise 1914 – der tragische Tod des russischen Botschafters in Belgrad
Adrian Schütte
74
„Die OSZE – Struktur einer langfristigen Friedenspolitik.“ Ein Gespräch mit Dr. Wilhelm Höynck, dem ersten Generalsekretär der OSZE
Christof Dahm
79
Bücher
OWEP-Redaktion