„Vergangenheit ist heute“ – Die Versöhnungsarbeit des Maximilian-Kolbe-Werks

aus OWEP 1/2002  •  von Wolfgang Gerstner

Wolfgang Gerstner ist Geschäftsführer des Maximilian-Kolbe-Werks in Freiburg/Br.

Drei Szenen - drei Einblicke

Erste Szene: Eine Schule in Deutschland

„Hassen Sie die Deutschen für das, was sie Ihnen angetan haben? – Woher nahmen Sie die Kraft, weiter zu leben? – Hätte es eine Chance gegeben, das alles zu verhindern?“

Es sind 17-jährige Schülerinnen und Schüler, die sich nach einer langen Zeit der Stille diese Fragen nun zu stellen trauen. Zwei Stunden lang haben sie zugehört, schweigend, respektvoll, ehrfürchtig fast. Zwölf polnische Überlebende sind zu ihnen gekommen an diesem Schultag, ehemalige Häftlinge deutscher Konzentrationslager, 62 Jahre alt der jüngste, 82 der älteste. Auch einige Kinder ehemaliger Häftlinge und ein Enkelkind sind mitgekommen. Drei Generationen treffen sich, um darüber zu sprechen, was es heißt, wenn Menschen sich über andere erheben und ihnen das Recht auf Leben absprechen.

Auschwitz, Ravensbrück, Flossenbürg – aus dem Geschichtsunterricht bekannte Namen bekommen Gesicht und Stimme. „Wir wollen euch nicht alles erzählen, was wir erlebt haben. Vieles ist so schlimm, dass man besser darüber schweigt.“ Das, was die polnischen Gäste nach 60 Jahren aus dem Lageralltag berichten, ist schlimm genug. Und mehr als bloße Erinnerung. Sie erzählen – und oft genug stockt dabei ihre Stimme – von Erfahrungen, die nicht einfach vorbei sind, die noch heute ihr Leben und ihre Träume prägen. Wie die Häftlingsnummern, die manche auf ihren Armen tragen, so lässt sich das Erlebte nicht auslöschen. Vergangenheit ist heute. Es gibt keinen Schlussstrich.

Die Jugendlichen spüren das. Und sie scheinen zu ahnen, dass auch sie irgendetwas mit diesen Geschichten aus einer scheinbar anderen Welt zu tun haben. Vielleicht erklärt dies die seltsam anrührende, intensive Atmosphäre, die auch die polnischen Gäste zutiefst beeindruckt und verändert. Neun Schulen besuchen sie in 14 Tagen. Die physische und psychische Anstrengung ist groß. Aber sie erreichen mehrere hundert Schüler. Und darüber sind sie froh. „Sie haben uns gut zugehört“, sagt einer später. „Und ich glaube, sie haben viel verstanden.“

Zweite Szene: Eine Wohnung in Kiew

In der ukrainischen Hauptstadt ist der Hilfsgütertransport des Maximilian-Kolbe-Werks eingetroffen. Knapp 1400 ehemalige KZ-Häftlinge in verschiedenen Regionen der Ukraine werden damit erreicht. Zu bestimmten Terminen werden sie zur Begegnung mit den Helferinnen und Helfern des Maximilian-Kolbe-Werks eingeladen. Am Sonntag besuchen wir Kranke und Bettlägerige zu Hause. So kommen wir zu Irina K. Sie ist 80 Jahre alt, Auschwitz-Häftling Nummer 75453. Irgendwann wurde sie nach Ravensbrück verlegt. Dort wurde sie zwangssterilisiert und hat deshalb keine Kinder. Heute kümmern sich Nachbarn um sie. Sie lebt allein in einer kleinen Wohnung in Kiew. Zwei Fernseher stehen in ihrem Zimmer herum, keiner davon funktioniert. Die Heizung wärmt das Zimmer im Winter auf kaum 16 Grad. Schon jetzt liegen dicke Decken auf ihrem Bett. Unser Besuch bereitet ihr große Freude. Wir spüren, dass es dabei nicht um das große Lebensmittelpaket und die finanzielle Unterstützung, die wir ihr bringen, geht. Die Tatsache, dass es in Deutschland Menschen gibt, die an sie denken und ihr Schicksal nicht vergessen haben, macht sie glücklich. Kaum eine Stunde können wir bleiben. Aber wir wissen, dass Irina noch lange von diesem Besuch zehren wird.

Dritte Szene: Konzentrationslager Auschwitz

KZ-Gedenkstätte Auschwitz, drei Tage vor dem 60. Todestag von Maximilian Kolbe. Zusammen mit Józef, einem unserer polnischen Vertrauensleute und selbst ehemaliger Auschwitz-Häftling, lege ich einen Kranz in der Todeszelle nieder. Wir stehen schweigend nebeneinander. In der seltsamen Stille dieses Raums liegen die stummen Schreie der Gequälten. An diesem Ort gibt es nichts zu sagen, nur zu ertragen.

Später fahren wir weiter nach Birkenau, dem Vernichtungslager. Józef hat auch diesen Ort des Todes überlebt. Aber zwei lange Jahre lang, nach drei Jahren im Stammlager, ist er dem Tod begegnet, Tag für Tag. Er zeigt mir die Baracken, in denen er hausen musste und von wo er die neu ankommenden Transporte und die Selektion an der Rampe beobachten konnte. Die Wege, die wir gehen, sind noch die gleichen. Aber ich kann nicht sehen, was er sieht. Ich kann es nicht einmal ahnen. Das Wort Versöhnung erscheint mir hier wie eine Zumutung. Aber es ist Józef, der mich am Ausgang umarmt. Nur so kann es gehen …

Die Arbeit des Maximilian-Kolbe-Werks

Geschichte und Aufgabe

Als im Jahr 1964 der große Auschwitzprozess in Frankfurt am Main Schlagzeilen machte, besuchte eine Gruppe von Christen der deutschen Sektion von Pax Christi das frühere Konzentrationslager. Sie begegneten dort ehemaligen Häftlingen, die mit Kleinstrenten am Rande der Armut lebten. Gesten der Wiedergutmachung, geschweige denn finanzielle Entschädigungsleistungen seitens der Bundesregierung waren zu dieser Zeit nicht in Sicht. Daher entschloss man sich zu ersten Hilfsmaßnahmen im Rahmen einer Aktion „Solidaritätsspende“. Trotz schwierigster politischer Beziehungen zwischen Deutschland und Polen entstand daraus 1973 das Maximilian-Kolbe-Werk durch gemeinsamen Beschluss des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und 13 katholischer Verbände. Verständigung und Versöhnung zwischen dem polnischen und dem deutschen Volk sowie die Aufgabe, ehemalige KZ- und Ghetto-Häftlinge aus Polen und anderen Ländern Mittel- und Osteuropas, unabhängig von ihrer Religion, Konfession oder Weltanschauung, zu unterstützen, sind seit der Gründung Zweck und Anliegen des Hilfswerks.

Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht der einzelne Mensch, seine persönliche Geschichte und seine leidvollen Erfahrungen zur Zeit des Nationalsozialismus. Dementsprechend ist der Kontakt von Mensch zu Mensch eigentliches Kernstück der Arbeit. Das Maximilian-Kolbe-Werk ist für viele Opfer des NS-Regimes ein Vertrauensfaktor geworden und vermittelt ihnen eine Geborgenheit, die weit über den Rahmen eines Hilfswerks hinaus reicht, ja sogar familiäre Beziehungen hat wachsen lassen. Zu verdanken ist dies in erster Linie dem entschiedenen Engagement des Gründers Alfons Erb und seiner unermüdlichen Tochter Elisabeth, die das Werk über ein Vierteljahrhundert prägten.

Das weitgehend durch private Spenden und vereinzelte Kollekten getragene Maximilian-Kolbe-Werk konnte seit seiner Gründung mit über 90 Millionen Mark in verschiedenen Bereichen Zeichen der Solidarität setzen.

Humanitäre Hilfe

Allein in Polen leben heute noch über 25.000 ehemalige KZ-Häftlinge. Jetzt im Alter leiden sie verstärkt unter haftbedingten Krankheiten und unter den traumatischen Erinnerungen, die an Intensität noch zunehmen. Nichts und niemand kann wiedergutmachen, was diese Menschen in deutschem Namen durchlitten haben und heute noch durchleiden. Das Maximilian-Kolbe-Werk hat diesen Anspruch nie gestellt. Aber es steht den Betroffenen seit 28 Jahren durch konkrete humanitäre Hilfe bei: Individuelle finanzielle Beihilfen in Notsituationen, medizinische Zentren in Lodsch und Krakau, die zugleich als Anlauf- und Beratungsstellen dienen, Erholungs- und Kuraufenthalte, häusliche Pflege durch Krankenschwestern, betreutes Wohnen und Pflege für Alte und Bettlägerige, „Essen auf Rädern“ sowie Hilfstransporte in die Länder der ehemaligen Sowjetunion sind Elemente der humanitären Arbeit.

Ehrenamtliches Engagement

Das Gelingen menschlicher Gemeinschaft kann nicht erkauft werden. Dementsprechend ist die Arbeit des Maximilian-Kolbe-Werks wesentlich geprägt vom Engagement ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

In Polen haben KZ-Überlebende ein Selbsthilfenetz aufgebaut: In fast allen der 49 früheren Woiwodschaften koordinieren ehemalige Häftlinge als Vertrauensleute vor Ort die Hilfsangebote des Werks für ihre Region. In Deutschland engagiert sich eine große Zahl ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer für die Aufgaben des Werks. Dazu gehören auch die zahlreichen Hausbesuche bei Kranken und Bettlägerigen, vor allem in Polen. Diese Form der persönlichen Zuwendung gehört zu den intensivsten Erfahrungen, die man im Umgang mit KZ-Überlebenden machen kann.

Heilende Begegnung

Seit 1978 organisiert das Maximilian-Kolbe-Werk Erholungs- und Begegnungsaufenthalte für KZ- und Holocaust-Überlebende in Deutschland. Über 7.000 Einladungen sind seitdem erfolgt. Etwa 400 Personen nehmen jährlich an diesen von unseren Ehrenamtlichen betreuten Aufenthalten teil. Trotz fortgeschrittenen Alters möchten viele noch einmal ein anderes Deutschland erleben. Oft sind diese Besuche der erste Kontakt nach Kriegsende mit dem „Land der Täter“. Die Wiederbegegnung mit Deutschen, der deutschen Sprache und oft auch mit den Stätten des Leidens führt in vielen Fällen zu einer seelischen Befreiung. Das zeigen die Aussagen unserer Gäste, die sich nach den Aufenthalten, zu denen auch immer Gespräche in Gemeinden und Schulen gehören, in bewegenden Briefen bedanken. Helena und Halina, die beide im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück inhaftiert waren, schrieben uns:

„Eigentlich wollte ich die Einladung nicht annehmen. Ich hatte Angst. Mit 16 Jahren kam ich ins Lager. Der Empfang war furchtbar! Als ich in Köln so herzlich aufgenommen wurde, erinnerte ich mich plötzlich daran. Welch ein Gegensatz! Jetzt habe ich keine Angst mehr …“

„Ich habe sofort das Radio abgeschaltet, wenn ich nur die deutsche Sprache hörte … In Polen reden wir über unseren Alltag, über das, was jetzt ist. Hier in Deutschland reden wir über unsere Vergangenheit. Unser Heilprozess ist hier … Ich habe noch schlimme Träume. Aber sie sind weicher geworden, sie verlieren immer mehr ihre Kraft …“

Bestandteil fast aller Begegnungsaufenthalte sind Besuche in Gemeinden und Schulen, wo viele der ehemaligen Häftlinge über ihre leidvollen Erfahrungen in den Konzentrationslagern sprechen.

Zeitzeugengespräche in Schulen

Es ist gut, wenn Menschen, die in Konzentrationslagern unsäglich gelitten haben und heute noch leiden, ihre Erfahrungen an junge Menschen weitergeben. Neben den bereits erwähnten Schulbesuchen im Rahmen von Begegnungsaufenthalten bemüht sich das Maximilian-Kolbe-Werk daher verstärkt darum, Gruppen von KZ-Überlebenden nach Deutschland einzuladen, um gezielt in Schulen das Gespräch mit Jugendlichen zu führen. Die Bereitschaft auf polnischer Seite, sich an diesem Zeitzeugenprogramm zu beteiligen, ist groß.

Beim Blick zurück auf die deutsche und europäische Geschichte geht es dabei oft um Trauer, aber nicht um Zorn oder Hass. Mehrfach habe ich mit ehemaligen KZ-Häftlingen Schulen besucht. Immer war ich zutiefst beeindruckt von der Güte und Zuneigung, die sie auf die Jugendlichen ausstrahlen. Ausnahmslos alle sagten, dass sie keinen Hass hegen. Viele von ihnen haben nur durch banale Zufälle überlebt. Den Ermordeten gegenüber fühlen sie eine Verpflichtung, gerade auch vor jungen Leuten zu bezeugen, was damals geschehen ist. Und die Jugendlichen spüren deutlich, dass es wichtig ist, von diesen Ereignissen zu wissen, damit solches Unrecht auch heute und in anderen Situationen rechtzeitig erkannt und bekämpft werden kann. Dies wiederum ist nicht nur ein Blick in die Vergangenheit, sondern ebenso in unsere Gegenwart.

An einem vom ‚Versöhnungsfonds der katholischen Kirche in Deutschland’ mitfinanzierten Pilotprojekt vom 1. bis 16. September 2001 mit neun Schulen im Bistum Mainz nahmen nicht nur zwölf KZ-Überlebende teil, sondern auch einige Kinder und Enkelkinder ehemaliger Häftlinge.

Schülerinnen und Schüler äußerten sich nach den Gesprächen:

„Es ist etwas ganz anderes, als das, was man im Fernsehen sieht oder liest. Du siehst die schrecklichen Dinge, aber es ist trotzdem sehr, sehr weit entfernt. Aber wenn man mit den Menschen in einem Raum sitzt und sie ansieht, dann geht es dich auf einmal etwas an …“

„Unsere Kinder werden diese Möglichkeit nicht mehr haben. Wir müssen an sie weitergeben, was wir heute erfahren haben. Gespräche sind viel besser als Videos, die Daten vermitteln können, aber nicht Emotionen. Es ging mir sehr nah …“

Und ein Schulleiter fasste zusammen:

„Der Tag wird allen Beteiligten unserer Schule in guter und deutlicher Erinnerung bleiben. Selten gibt es die Möglichkeit wie an diesem Tag, nicht nur die Geschichte hautnah zu erleben, sondern Persönlichkeiten kennen zu lernen, die ein authentisches und glaubwürdiges Zeugnis für Toleranz und Menschlichkeit ablegen. Ein Zeugnis, das durch die aktuellen politischen Ereignisse aktueller und wichtiger denn je ist …“

Erinnern und Versöhnen

Das Zusammenwachsen der Völker in Europa verlangt den konstruktiven Blick in die Gegenwart und die Arbeit an der Zukunft. Das Belastende der Geschichte muss überwunden werden und darf nicht zur Lähmung führen. In diesem Sinn ist eine gewisse Unbefangenheit der heute aktiven Generation durchaus legitim.

Wer jedoch mit dem Maximilian-Kolbe-Werk zu tun hat, der hat es fast immer mit menschlichen Grenzerfahrungen zu tun. Er hat damit zu tun, was Menschen einander antun können. Er hat damit zu tun, wie traumatische Erfahrungen einen Menschen sein ganzes Leben lang prägen und verfolgen können. Er hat damit zu tun, dass deutsche Geschichte nicht „zu den Akten“ gelegt werden kann.

Und doch ist die Arbeit des Maximilian-Kolbe-Werks nicht die Beschäftigung mit dem ‚ewig Gestrigen’. Auch heute lassen sich viele Konflikte darauf zurückführen, dass Menschen sich über andere erheben und ihnen Lebensrechte absprechen, im schlimmsten Fall bis zur Vernichtung ganzer Volksgruppen, wie von den Nationalsozialisten geplant und durchgeführt. Es geht also nicht nur um einen historischen, sondern auch um einen anthropologischen Sachverhalt, der zu jeder Zeit der Reflexion und kritischer Aufmerksamkeit bedarf.

Im täglichen Engagement für die Opfer des Nationalsozialismus, in der Beschäftigung mit ihren Lebensgeschichten und ihrem auch heute nicht vergangenen Leid, geht das Wort „Versöhnung“ nur schwer über die Lippen. Demut ist angebracht, auch in der nachgeborenen Generation. Unser Auftrag: „Wir müssen die Vergangenheit als Erinnerung bewahren, damit wir alles daran setzen, für die Zukunft eine friedlichere Welt zu gestalten“ (Karl Kardinal Lehmann im Kontext des Versöhnungsfonds).