Erinnern und versöhnen.

Hauptwerte christlichen Lebens
aus OWEP 1/2002  •  von Georg Sterzinsky

Georg Kardinal Sterzinsky ist Erzbischof von Berlin.

Ein persönlicher Zugang

Im Juli 1998 fuhr ich mit einer großen Gruppe von Alt-Wolfsdorfern und einigen ihrer Nachkommen in die ostpreußische Heimat. Angezielt war ein Gottesdienst in der Kirche, in der ich getauft worden bin, in jenem Dorf, in dem ich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs als Neunjähriger heftige militärische Kämpfe überlebt, dann nach seiner weitgehenden Zerstörung noch ein Jahr verbracht hatte und aus dem ich dann vertrieben worden war. Die meisten aus der Reisegesellschaft waren vor Jahrzehnten geflohen und fühlten sich als Vertriebene. Manche von ihnen hatten den Ort in den vergangenen Jahrzehnten schon besucht; ich selber auch. Zu nennenswerten Kontakten mit der dort wohnenden Bevölkerung war es nicht gekommen. – Nun also der Gottesdienst. Wir hatten die Vorstellung, dass wir ihn als Besuchergruppe in deutscher Sprache feiern und dass wir danach das Dorf wieder verlassen würden. Wir wurden jedoch feierlich empfangen, die polnische Bevölkerung drängte mit uns in die Kirche; der Erzbischof aus Olsztyn/Allenstein und Priester aus der Umgebung waren gekommen. So wurde die gottesdienstliche Feier zweisprachig. Verständlich, dass die Besinnung vor dem Bußakt, noch mehr dann die Predigt Vergebung und Versöhnung thematisierte und der Friedensgruß vor der heiligen Kommunion – buchstäblich „handgreiflich“ – die Bereitschaft zur Versöhnung ausdrückte. Nach der gottesdienstlichen Feier waren alle aus der Reisegesellschaft Gäste des Dorfes. Erinnerungen wurden wach.

Als Einzelne durch das Dorf gingen, um zu besichtigen, was zu besichtigen war, wurden sie auf die Höfe und in die Häuser gerufen und dort noch einmal freundlich bewirtet. Immer wieder wurde in Erinnerung gerufen, wie die einen das Dorf verlassen hatten und die anderen in das Dorf – fast ausnahmslos unfreiwillig – eingezogen waren. Zwei Tage später drängte es viele, noch einmal dorthin zu gehen, wo sie einmal gelebt hatten, um den jetzigen Besitzern zu beteuern: Wir erheben keinen Anspruch auf Rückgabe. Die Besitzer ihrerseits baten um Verständnis, dass sie bzw. ihre Vorfahren sich niedergelassen hatten, erinnerten an schwere Zeiten des Anfangs und des Aufbaus und dankten für alle Zeichen der Versöhnung.

„Erinnern“ und „Versöhnen“ im gesellschaftlichen Alltag

Die geschilderten Erinnerungen betrafen schmerzliche, folgenschwere Ereignisse und Erlebnisse. Sie wurden zum Anlass, eine im Innern gewachsene Vergebung auszusprechen und Versöhnung zu vertiefen.

Erinnerung hat, wie jeder weiß, nicht immer eine solche Bedeutung. Beliebt sind in der deutschen und kirchlichen Öffentlichkeit Erinnerungen im Sinne der historischen Rückschau: in der Form von Jubiläen mit Danksagungen und Anerkennungen oder auch von Gedenkveranstaltungen mit moralischen Forderungen: „Wir müssen alles tun, damit von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgeht.“ Man denke beispielsweise an die Feiern zum „Großen Jubiläum“ des Jahres 2000 oder an das Jahr 1995 – 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – mit seinen vielen Veranstaltungen.

Gerade das Gedenkjahr 1995 führte eindrucksvoll vor Augen, wie Erinnerung und Versöhnung aufeinander bezogen sein können. Gedenkfeiern und -schriften fragten nach der Versöhnung der vormaligen Kriegsgegner. Die katholische Kirche in Deutschland nahm den 50. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz als Gelegenheit wahr, die Versöhnung mit den Juden zu erbitten. Die deutschen und tschechischen Bischöfe riefen den Christen ihrer Länder zu, ihren Völkern ein Beispiel der Versöhnung zu werden. Die Misereor-Fastenaktion, die Nord-Süd-Fragestellungen thematisiert, stand unter dem Motto „Zeit für Versöhnung“. Während der Friedensdekade beteten Christen unterschiedlicher Konfessionen unter dem Leitwort „Versöhnte leben anders“, und manche ökumenische Versammlung wählte das Thema Versöhnung. Bis heute wird eine Aussöhnung von ehemaligen Stasi-Mitarbeitern mit Stasi-Opfern angemahnt – ähnlich wie die von Schwarzen und Weißen in Südafrika. Offensichtlich gibt es die Erwartung, dass Erinnerung zur Versöhnungsbereitschaft führt. Diese Erwartung täuscht natürlich. Denn Erinnerungen können auch Emotionen wecken, die einer Versöhnung zuwider laufen.

Ist es so sicher, dass „die Zeit Wunden heilt“ und die Einsicht reifen lässt, Schuld zu bekennen, um Vergebung zu bitten und Vergebung zu „gewähren“ bzw. auszusprechen?

Versöhnung ist in der Umgangssprache fast immer innerweltlich gemeint. Nur ausnahmsweise wird in der Öffentlichkeit auf die religiöse Dimension von Erinnerung und Versöhnung rekurriert. Richard von Weizsäcker hat dies in seiner viel beachteten Ansprache am 8. Mai 1985 getan. Der damalige Bundespräsident machte deutlich, dass es Versöhnung ohne Erinnerung – insbesondere auch an die Erfahrung millionenfachen Todes, die Teil des Innern eines jeden Juden sei – nicht geben könne und die Erinnerung zum jüdischen Glauben gehöre. „Die Erinnerung ist die Erfahrung vom Wirken Gottes in der Geschichte. Sie ist die Quelle des Glaubens an die Erlösung. Diese Erfahrung schafft Hoffnung, sie schafft Glauben an Erlösung, an Wiedervereinigung des Getrennten, an Versöhnung. Wer sie vergißt, verliert den Glauben. Würden wir unsererseits vergessen wollen, was geschehen ist, anstatt uns zu erinnern, dann wäre dies nicht nur unmenschlich. Sondern wir würden damit dem Glauben der überlebenden Juden zu nahe treten, und wir würden den Ansatz zur Versöhnung zerstören.“1 Hier wird deutlich – und das gilt nicht nur für den jüdischen, sondern auch für den christlichen Glauben –, dass Erinnerung und Versöhnung eine bedeutsame Rolle im Verhältnis zwischen Gott und Mensch und in der Folge davon für das Verhältnis der Menschen untereinander spielt. Die Kirche steht in der großen Tradition der jüdischen Erinnerungskultur, die eindrücklich im Ersten (Alten) Testament zum Ausdruck kommt, hat aber in ihrer zweitausendjährigen Geschichte selbst eine Kultur der Erinnerung gebildet.

Theologische Aspekte des Erinnerns

„Erinnern“ und „Gedenken“ in biblischen Schriften

In den nordsemitischen Sprachen steht „zakar“ für „sich erinnern“ und „gedenken“, „wobei dadurch das wechselseitige Verhältnis zwischen Jahwe und Israel bzw. dem einzelnen in Israel zum Ausdruck gebracht wird“.2 Gott gedenkt des Menschen; der Mensch denkt an Gott.

Im Alten Testament ist häufig und betont vom Gedenken Gottes die Rede: Gott erinnert sich seines Bundes mit den Vätern und wird seine Versprechungen erfüllen. „In der ‚Erinnerung‘ Gottes kommen seine Gerechtigkeit und Bundestreue zum Ausdruck.“3 Umgekehrt gedenkt das Bundesvolk Gottes: im Erzählen von Geschichten bzw. in der Weitergabe von Glaubensbekenntnissen, die insbesondere die Rettung aus Ägypten ins Gedächtnis rufen und die Zeit der Volkwerdung Israels betreffen. So erinnert das alte heilsgeschichtliche Credo von Dtn 26,5-9 („Mein Vater war ein heimatloser Aramäer …“), an die Hauptdaten der Heilsgeschichte in Konzentration auf die Geschichtsfakten. Diese Geschichten oder Bekenntnisse werden mit Gebeten oder Forderungen verknüpft. So ist in Dtn 26,10 das alte Credo mit einem Erntedank verbunden. Um Erinnerung an die Ahnen geht es bei der Auflistung von Stammbäumen (vgl. etwa Gen 10 f.). Wenn die Tora in bestimmten Situationen (vgl. z.B. Ex 20) vorgetragen und somit die Aktualität des Forderungscharakters der Gebote betont wird, bekommt der Mahncharakter der Erinnerung besonderes Gewicht.

Im Neuen Testament ist vom „Gedenken Gottes“ weniger ausdrücklich die Rede. Vielmehr versteht sich die gesamte Evangelien-Tradition als Erinnerung der geschichtlichen Christusoffenbarung im gemeinsamen Ursprungshorizont Israels. Im Zusammenhang damit sind alle neutestamentlichen Schriften Dokument der Erinnerung und Urkunden des Christusgeschehens, das im Pascha Jesu Christi seinen unüberbietbaren Ausdruck gefunden hat. Dessen wird in jeder Eucharistiefeier gedacht. So wird der neutestamentlich überlieferte Auftrag Jesu „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22,19; vgl. 1 Kor 11,25) erfüllt. Aufgerufen wird zu einem erinnernden Tun.

Zwischenfrage: Ist Gott vergesslich? Muss Gott erinnert werden?

„Erinnerung“ kann auch Hinweis darauf sein, dass jemand etwas vergessen hat, das nun ins Bewusstsein gerufen wird. Kann auch Gott etwas vergessen, woran er erinnert werden müsste? Können ihm die Menschen für eine gewisse Zeit „aus dem Bewusstsein entschwinden“? Das wäre ein Widerspruch zur Allwissenheit und Allgegenwart Gottes. Wenn etwa Apg 10,31 („Dein Gebet wurde erhört, und deine Almosen wurden vor Gott in Erinnerung gebracht“) derartiges nahe zu legen scheint, handelt es sich um eine anthropomorphe Formulierung, dass Gott des Menschen gedenkt.

Erinnern und Gedenken als Grundvollzug kirchlichen Lebens

Dem Auftrag zum Gedächtnis Christi ist die Kirche durch die Zeiten hindurch treu geblieben, und so sind „Erinnern“ und „Gedenken“ zu einem unverwechselbaren Grundvollzug kirchlichen Lebens geworden. Dass der Gedächtnischarakter als wesentlicher Aspekt der Eucharistiefeier heute ausdrücklich betont wird, ist auch der Tatsache zu verdanken, dass die jüdische Kategorie der „Erinnerung“ wieder deutlicher bewusst geworden ist.4 Das jüdische Paschamahl, bestehend aus einem Sättigungs-Festmahl und einem Gedächtnisritus, hat Vorbildcharakter bei der Entstehung des christlichen Gottesdienstes. So ist das Gedächtnis zu einer Grundkategorie christlichen Gottesdienstverständnisses geworden. Das gegenseitige Gedenken zwischen Gott und seinem Volk kennzeichnet nicht nur die Eucharistiefeier, sondern jeden christlichen Gottesdienst und letztlich alles christliche Beten und wirkt sich auch im Handeln aus, bis hinein in die gesellschaftliche Tätigkeit der Kirche.

Christliches Erinnern heute

In der Kirche wurde nach und nach bewusst, dass der Aufruf zu Gewissenserforschung und Erinnerung an Schuld und Verfehlungen der Christen auch die Kirche selbst betrifft, wenn sie ihren Auftrag, das Wort der Versöhnung zu verkünden (vgl. 2 Kor 5,19), glaubhaft erfüllen will. Folglich hat Papst Johannes Paul II. im Jahr 2000 auf bisher einmalige Weise öffentlich bekannt, dass auch die Kirche gesündigt und gefehlt hat, und er hat um Vergebung gebeten. Schuldbekenntnis und Vergebungsbitte sollen der „Reinigung des Gedächtnisses“ dienen und damit einer selbstkritischen Auseinandersetzung mit der von Sünde entstellten Vergangenheit der Kirche.5

Sodann ist die Erinnerung an die gestalterischen Kräfte der jüdisch-christlicher Tradition vonnöten. Die Werte dieser Tradition zur Geltung zu bringen, gehört zum Beitrag, den Christen und Juden in den aktuellen Debatten um Globalisierung und europäische Einheit besteuern können. Dabei geht es nicht nur um die Würdigung von Vergangenem, sondern um den Aufweis, dass die geistigen Grundlagen dieser Tradition von bleibendem Wert sind. Als Beispiel sei die monastische Weisheit genannt. Vom hl. Benedikt etwa, dem ersten Patron Europas, kann man vor allem die Weisheit des rechten Maßes lernen, das ausgewogene Verhältnis und die fruchtbare Beziehung zwischen Arbeit und Gebet, zwischen Individuum und Kommunität (Einsamkeit und Gemeinsamkeit), zwischen Entschiedenheit und Offenheit (Beständigkeit und Flexibilität), zwischen Weltentsagung und Weltfreude. Angesichts der Gefahren, denen Europa und die gesamte Menschheit am Beginn des 21. Jahrhunderts erliegen können, brauchen wir eine neue Würdigung der Weisheit, die für Kultur und Moral mindestens genauso viel erbracht hat wie die moderne wissenschaftliche Forschung.

Das bedeutet nicht, dass sich Christen auf „vormoderne“ Positionen zurückziehen dürfen. Im Gegenteil, vom heute herrschenden säkularen Lebensgefühl erreicht, haben sie daran zu erinnern, dass Gott des Menschen auch heute gedenkt und dass die Eigenwertigkeit der Schöpfung erst im Horizont der größeren Wirklichkeit Gottes begriffen ist. Christen haben erfahren und glauben, dass Gott für den Menschen – das Individuum und die Menschheit – maßgeblich ist, und zwar als Ursprung (Schöpfer), als Weg (Erlöser) und als Ziel (Vollender). Diese Überzeugung können Christen in gesellschaftlichen Debatten ebenso wenig verschweigen wie die, dass Erinnerung wichtige Voraussetzung für Versöhnung ist.

Versöhnung aus theologischer Perspektive

Gottes Versöhnungsbereitschaft in der Verkündigung Jesu

Gott ist zur Versöhnung der Menschen bereit, er verlangt geradezu nach ihr – das ist nicht nur zentrales Thema in der Verkündigung Jesu, sondern die Botschaft des gesamten Christusgeschehens. Dem Versöhnungsanliegen Gottes gibt Jesus insbesondere im Gleichnis vom barmherzigen Vater (Lk 15) unmissverständlich Ausdruck. „Evangelium im Evangelium“6 wird diese Perikope genannt, um ihre zentrale Bedeutung zu unterstreichen. Indem Gott den Menschen Versöhnung anbietet und seine Allmacht im Schonen und im Erbarmen erweist, ist er „der immer größere Gott“.

In der Gleichniserzählung wird fassbar, wie weit Gottes Vergebungsbereitschaft geht. Unvorstellbar, wie der Vater mit dem Heimkehrenden umgeht: Er geht ihm entgegen, rechnet ihm nichts vor, nimmt ihn in die Arme, feiert ein Fest. „Unheilbar“, unüberwindbar ist für Gott nicht die schlimmste Tat, sondern nur die Selbstgerechtigkeit, wie sie im Gleichnis am älteren Sohn zu erkennen ist.

Die Botschaft von Gottes endlosem Erbarmen kann deshalb wirkungslos bleiben. Denn es gibt eine – wie immer verursachte – Blindheit für die eigene Schuld und den Versuch, Schuld zu leugnen oder zu bagatellisieren. Wenn nicht alles täuscht, bewegt den heutigen Menschen die Frage „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ nicht. Doch gibt es auch die Erfahrung: Je näher einer Gott kommt, um so mehr erkennt er seine Schuld.

Versöhnung als ein Motiv des paulinischen Verständnisses von Erlösung

Paulus nimmt das Versöhnungsmotiv auf. Er gebraucht Begriffe, die auf den griechischen Wortstamm „alasso“ zurückgehen und ursprünglich bedeuten: Feindschaft, Zorn oder Krieg mit Freundschaft, Liebe oder Frieden vertauschen; also Versöhnung im individuell-zwischenmenschlichen oder im politischen Bereich meinen.

Wenn Paulus von Versöhnung spricht, geht es ihm zuerst um die Beziehung zwischen Gott und Mensch, aber die Initiative zu Versöhnung geht dabei eindeutig von Gott aus. Paulus schreibt an zentraler Stelle: Gott hat uns mit sich versöhnt, „indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete“ (2 Kor 5,19; vgl. Röm 5,1-11). Er ist überzeugt, dass nur durch diese Versöhnung die gesamte Menschheit aus ihrer ausweglosen Unheilssituation befreit werden kann. In dieser Versöhnung erweist Gott seine Liebe zu den Menschen. „Realgrund“ der Versöhnung ist der Sühnetod Jesu am Kreuz. Der Mensch kann die Versöhnung nur empfangen, nicht selbst bewirken.

Beitrag der Christen: als Versöhnte leben

Wie wirkt sich die Versöhnung mit Gott aus? In der Versöhnung mit sich selbst und mit anderen Menschen! Versöhnung mit Gott wird zur Quelle zwischenmenschlicher Versöhnung. Wie der Versöhnte lebt, sagt Jesus in den Seligpreisungen: in der Armut vor Gott, im Hunger nach der Gerechtigkeit des Gottesreiches, im barmherzigen und friedenstiftenden Handeln, im Verzicht auf Gewalt und in der Bereitschaft, sogar Verfolgung in Kauf zu nehmen. Mt 5,23-24 betont den Vorrang der Versöhnung vor der Darbringung eines Opfers. In 1 Kor 7,11 mahnt Paulus: Wenn die Frau sich gegen den Willen des Herrn vom Mann trennt, „versöhne sie sich wieder mit dem Mann“. Die wohl kostbarste Frucht der empfangenen Versöhnung besteht darin, dass einer dem Feind verzeihen kann – wie Jesus am Kreuz. Für die christliche Gemeinde hat das zur Konsequenz, dass sie selbst Ort für das Zusammenleben der Versöhnten sein muss. Das muss auch in die Gesellschaft hineinwirken und alle Versöhnungsprozesse befruchten.

Die Versöhnung mit Gott wie die Versöhnung zwischen Völkern, Rassen und Nationen, zwischen gesellschaftlichen Gruppen, Kirchen, Konfessionen und Religionen, auch zwischen Einzelnen und die Versöhnung mit sich selbst wird immer neu eine Aufgabe bleiben, weil es in der Welt immer wieder zu Rissen und Spaltungen kommt: zu Rissen zwischen Gott, dem Schöpfer der Welt, und seiner Schöpfung, zwischen Völkern und Gruppen, zwischen einzelnen Menschen (auch zwischen Mann und Frau) sowie im Menschen selbst. Dieser Aufgabe können wir Menschen nur gerecht werden, indem wir immer wieder zur Quelle – dem versöhnenden Gott – gehen und uns zur Versöhnung bereiten lassen. Das Vaterunser erinnert daran, dass keine Zusage Gottes so sehr an eine Bedingung gebunden ist wie die Zusage der Vergebung.

„Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2 Kor 5,20). Nirgendwo wird die Versöhnung so erlebt wie in der sakramentalen Feier der Buße. In neuerer Zeit ist es aber auch zur „Neuentdeckung der vielfältigen Orte der Erfahrung von Vergebung und Versöhnung“7 gekommen, die Menschen bestärken sollen, als Versöhnte zu leben.

Der katholischen Kirche in Berlin ist es insbesondere nach dem Mauerfall ein Anliegen, als eine zwischen Ost und West versöhnte Gemeinschaft zu leben und auf diese Weise zu versuchen, einen Beitrag zur Versöhnung in der Gesellschaft zwischen „Opfern und Tätern“ und zwischen „Ost und West“ zu leisten. Bemühungen um die Aussöhnung zwischen den Völkern finden Ausdruck in der Akzeptanz und Unterstützung der nach Berlin kommenden Migranten. Das besondere Augenmerk richtet sich dabei auf die polnischen Nachbarn, was sich insbesondere in den Unternehmungen der Aktion Sühnezeichen oder in der Schaffung von Entschädigungs- und Versöhnungsfonds zeigt. Die Versöhnung zwischen Angehörigen verschiedener Religionen darf in Berlin, wo die Vernichtung der Juden beschlossen wurde, gerade mit den „älteren Brüdern“ der Christen nicht fehlen. Nach den schrecklichen Terrorattacken in den USA im September 2001 haben auch die Begegnung und das versöhnte Miteinander von Christen und Muslimen neue Bedeutung gewonnen. Um in ökumenischer Hinsicht die Versöhnung voranzutreiben, arbeiten das Erzbistum, die Evangelische Kirche und weitere Kirchen und kirchliche Gemeinschaften im Ökumenischen Rat Berlin-Brandenburg zusammen. Auch die gemeinsame Vorbereitung des Ökumenischen Kirchentages 2003 ist unter der Versöhnungsperspektive zu betrachten.

„Versöhnte Erinnerung“ als Ziel

Worauf zielen die Erinnerungen, von denen die Rede war? Auf eine „versöhnte Erinnerung“! „Alle Glieder der Kirche sind eingeladen, sich der versöhnten Erinnerung zu öffnen und sich davon formen zu lassen“8, heißt es im Dokument „Erinnern und Versöhnen“ der Internationalen Theologischen Kommission. Diese Einladung gilt nicht nur Christen, sie ist an alle Menschen guten Willens gerichtet.


Fußnoten:


  1. Richard von Weizsäcker, Ansprache am 8. Mai 1985 zum 40. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges (Text u.a. in: http://www.nibis.ni.schule.de/~rs-leer/gesch/ge0047.htm 

  2. Hubert Ritt, Artikel „Gedenken/Gedächtnis“ , in: Johannes B. Bauer (Hrsg.), Bibeltheologisches Wörterbuch, Graz u. a. 41994, S. 199-202, hier S. 199. 

  3. Ragner Leivestad, Artikel „mimneskomai“, in: Horst Balz/Gerhard Schneider (Hrsg.), Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Bd. 2, Stuttgart u. a. 21992, Sp. 1057-1059, hier Sp. 1058. 

  4. Vgl. Wilhelm Breuning, Was erbringt der jüdisch-christliche Dialog für das katholisch-evangelische Gespräch?, in: ders., Dogmatik im Dienst an der Versöhnung, Würzburg 1995, S. 185. 

  5. Vgl. Gerhard Ludwig Müller, Vorwort, in: Erinnern und Versöhnen. Die Kirche und die Verfehlungen in ihrer Vergangenheit. Ins Deutsche übertragen und herausgegeben von Gerhard Ludwig Müller. (Internationale Theologische Kommission. Neue Kriterien 2). Einsiedeln, Freiburg, S. 10. 

  6. Vgl. etwa Jacob Kremer, Lukasevangelium, Würzburg 21992, S. 160. 

  7. Reinhard Meßner, Feiern der Umkehr und Versöhnung, in: Gottesdienst der Kirche. (Handbuch der Liturgiewissenschaft. 7/2), Regensburg 1992, S. 231. 

  8. Erinnern und Versöhnen (wie Anm. 5), S. 82.