Zögernde Schritte auf dem Weg zum anderen.

Interview mit der Priorin des Karmels in Berlin-Plötzensee
aus OWEP 1/2002  •  von Michael Albus

Erinnerung und Versöhnung sind nicht nur „Gegenstände“ von Politik und Historie. Ihre tiefsten Wurzeln gründen in der Religion. Deshalb ist es auch wichtig zu wissen, wie die Karmelitinnen von Berlin an denkwürdiger Stätte ihren Dienst der Erinnerung und der Versöhnung sehen und leisten.

Die Priorin des Karmels Regina Martyrum antwortete auf Fragen von Michael Albus.

OWEP: Der Karmel Regina Martyrum (Königin der Märtyrer) in der Nähe der ehemaligen NS-Hinrichtungsstätte Berlin-Plötzensee erinnert an Schreckliches, an Böses, das Menschen nicht vergessen können und sollen. An was erinnert er besonders?

Sr. Maria-Theresia: Die Erinnerung, das Erinnert-Werden wandeln sich, es ist ein Lebensvorgang, so etwas wie ein Dialog zwischen Ereignissen, Menschen der Vergangenheit, die Spuren hinterlassen haben, und uns Heutigen. Ich muss mich auf die Spurensuche begeben, vor allem muss ich mich erinnern lassen durch die noch unter uns lebenden Zeitzeugen und ihre meist sehr leise Botschaft. Und die ist nicht nur schrecklich. Die besondere Erinnerung, die Überlebende des Grauens uns vermitteln, ist eine Anteil gebende, sich mitteilende Erinnerung, ein Bewies der Freundschaft, schwer und kostbar zugleich. Orte der Erinnerung, die wir immer wieder aufsuchen, wie die ehemalige Hinrichtungsstätte Plötzensee und das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, sind für uns geprägt durch persönliche Begegnungen. Durch sie geht mir etwas auf von der extremen Ausgesetztheit eines Lebens im Widerstand unter den Bedingungen der NS-Diktatur; vor allem spüre ich die ungeheure Spannung zwischen Plötzensee als Gedenkort des (nicht nur) deutschen Widerstandes und Ravensbrück, stellvertretend für die vielen Orte der Entwürdigung und Vernichtung von Menschen in Deutschland und in den von Deutschen besetzten Ländern Europas. So taucht in der „Erinnerung an Plötzensee“ ein anderes Erinnern auf, unabsehbar in seinen Schrecken und doch unbegreiflich gehalten und getragen von Menschlichkeit und Freundschaft.

OWEP: Was heißt für Sie und Ihre Mitschwestern Versöhnung?

Sr. Maria-Theresia: Für jeden, der in einer Gemeinschaft lebt, der in Beziehung zu anderen Menschen steht, wird es klar sein: Versöhnung ist schwierig. Das kommt wohl daher, dass der Mensch so verletzlich ist, aber auch einen so abgründigen Hang dazu hat, dem anderen weh zu tun. Mit der Versöhnung ist es wie mit dem Frieden. Beide stellen sich nicht von selbst ein, aber sie sind auch durch noch so große Anstrengungen nicht herbeizuführen. Wo Versöhnung geschieht, ist es ein Wunder. Unberechenbar, nicht machbar, unverdient. Versöhnung ist immer ein Geschenk. Auch das macht sie so schwierig. Sie beginnt beim ersten Schritt, den einer auf den Gegner zugeht, und bei der Aufnahme, die dieser ihm bereitet. Gesten der Versöhnung wollen wahrgenommen werden. So geschieht, was wir mit Versöhnung meinen: nicht einen erreichbaren Zustand, sondern das Wagnis der kleinen Zeichen, der zögernden Schritte auf dem Weg zum anderen. In diesem Sinn dürfen wir immer wieder Zeugen der Versöhnung sein und Schritte auf dem Versöhnungsweg gehen und mitgehen.

OWEP: Wie sieht für den Karmel Versöhnung konkret aus, im Leben in einer Klausur, in einer geschlossenen Welt?

Sr. Maria-Theresia: Der Aspekt „Versöhnung“, konkret betrachtet, steht im Zusammenhang des konkreten Lebensrahmens unseres Klosters in Berlin, ein kontemplatives Leben in einer Großstadt. Wir Schwestern erleben es als eine Herausforderung und als Chance, an einem Ort des Gebetes zu leben. Es ist zuerst unser Ort, aber er bietet auch einen Raum der Stille für Menschen an, die sich danach sehnen. Um zur inneren Stille zu finden, suchen viele auch ein offenes Ohr, Rat und Anteilnahme bei den Schwestern. Die Bereitschaft, das Leiden so vieler Menschen an uns heranzulassen, erwächst aus dem Gebet und führt wieder zum Gebet, zum Mit-Leiden und zur Fürbitte. Wir sind tief überzeugt, dass es uns dem Herzen Gottes nahe bringt, wenn wir uns nicht verschließen vor den Stimmen seiner Menschen: Eine Frau, verzweifelt über ihre zerbrechende Ehe; Schülerinnen und Schüler eines Gymnasium, meist keine Christen, mit der bohrenden Frage: Warum sind Sie hier? Wer ist Gott für Sie? Eine Austauschklasse israelischer Schüler, sehr ernst, die in Berlin aufatmen (!), weil sie sich vor Überfällen sicher fühlen: Wo finden Sie Gott? Edith aus einer Gruppe ukrainischer Überlebender der Shoa, sie waren 14 Tage unsere Gäste: Ich habe die Deutschen gehasst. Aber nun bin ich hier, weil ich einmal reden will. Das Wort „Versöhnung“ fällt eigentlich nicht. Aber es kann sein, dass da etwas geschieht im Inneren der Menschen. Sie sagen es manchmal, dass sie sich angerührt fühlen, getröstet, dass sie uns nicht vergessen werden. Hartes fällt ab. Versöhnung, ein leises Geschenk. Auch unter uns Schwestern.

OWEP: Wie vermitteln Sie einer säkularen Gesellschaft diese Art des Dienstes an der Versöhnung?

Sr. Maria-Theresia: Wir leben mitten in einer säkularen Gesellschaft, wir stehen ihr nicht einfach nur gegenüber. Unsere Besucher, unsere Freunde gehören zu ihr, wenn auch in vielem als unangepasste Fremde. Wir merken, dass wir die Sprache unserer Gesellschaft verstehen und doch nicht verstehen, sprechen und doch nicht beherrschen. Wir müssen die Sprache suchen, geradezu erfinden, in der wir vom Grund unserer Hoffnung und von den unspektakulären Wundern der Versöhnung sprechen können. Fast mühelos stellt sich diese Sprache ein im Gespräch mit jungen Menschen. Unsere säkulare Gesellschaft ruft geradezu nach dem unbedingten, freien und befreienden „Ja“ Gottes zu jedem Menschen. Versöhnungsgeschichten könnten sie an ihre Sehnsucht erinnern.