Einige persönliche Reflexionen zum Forschungsprojekt „Das Schicksal der Deutschen in Polen 1945-1950“

aus OWEP 1/2002  •  von Jerzy Kochanowski

Dr. Jerzy Kochanowski, Historiker, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Warschau.

Ich will nicht verhehlen, dass das Problem der Deutschen in Polen – und zwar nicht nur bezogen auf die Geschichte seit 1945 – mir bis vor gar nicht langer Zeit fremd und entlegen erschien. Weder im Historischen Institut der Universität Warschau noch in einer anderen wissenschaftlichen Einrichtung in der Hauptstadt gab es eine Forschungstradition hinsichtlich dieses Themas. Obwohl Warschau ein relativ starkes Zentrum der Deutschlandforschung war und ist, interessierte man sich dort entweder für die unmittelbare Gegenwart oder für die entferntere Vergangenheit. Die Stadt, deren deutsches Bürgertum sich bereits im 19. Jahrhundert fast völlig polonisiert hatte, war in dieser Hinsicht weniger stark „genetisch vorbelastet“ als etwa Lodsch, Posen, Kattowitz oder Bromberg. Aber vielleicht reifte gerade deshalb hier der Plan für eine neue, umfassende Sicht auf die Problematik der Deutschen nach 1945, anstatt sich weiterhin auf einzelne Regionalstudien zu beschränken. Der Weg dorthin war keineswegs einfach. Ich erinnere mich, wie Włodzimierz Borodziej (damals noch als „einfacher“ Doktor) in einem privaten Gespräch zu Beginn des Jahres 1989 die Meinung äußerte, dass die Aussiedlung der Deutschen aus Polen ein „Thema der neunziger Jahre“ sein werde. Im Geiste stimmte ich ihm zu, doch glaubte ich trotz der sichtlichen politischen Liberalisierung in Polen nicht unbedingt daran, dass die Bearbeitung dieser Problematik schnell Realität werden könnte. Als mir zu Beginn des Jahres 1997 angeboten wurde, Mitglied einer deutsch-polnischen Arbeitsgruppe zu werden, die Dokumente in polnischen Archiven zur Aussiedlung der Deutschen nach 1945 sammeln und herausgeben sollte, überlegte ich nicht lange, obwohl das bedeutete, dass ich von meinem damaligen Forschungsvorhaben (Propaganda in den Jahren 1944-1948) Abstand nehmen musste.

Meine nicht geringen Befürchtungen hinsichtlich mangelnder thematischer Vorkenntnisse erwiesen sich in hohem Maße als überflüssig. Die Tatsache, dass es sich sowohl für die Projektleiter (Hans Lemberg, Włodzimierz Borodziej) als auch für die Mehrzahl der Mitarbeiter – die drei jungen deutschen Historiker und den Autor selbst – um ein neues Thema handelte, erlaubte eine unvoreingenommene, offene und nicht durch Stereotypisierungen belastete Herangehensweise, die nicht mehr ausschließlich durch das bislang vorherrschende Aussiedlungs- bzw. Vertreibungsparadigma bestimmt war. Schon nach ersten Stichprobenuntersuchungen in den Archiven war klar, dass die Beschränkung auf eine, wenn auch umfassend verstandene Transferproblematik eine unzulässige Verengung des Problems gewesen wäre. Wir hielten es für notwendig, auch Dokumente zu sammeln, in denen die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Deutschen sowie ihre Kontakte zur polnischen Gesellschaft oder das System der Lager geschildert wurden. Es lohnt sich, den Archiven, in denen jeder der Projektmitarbeiter mehrere hundert Stunden verbrachte, einige persönliche Bemerkungen zu widmen. Ich nehme an, dass sich dabei meine Beobachtungen, die in nicht geringem Ausmaße von der Spezifik der von mir untersuchten Regionen abhängig sind, ein wenig von denen meiner Kolleginnen und Kollegen unterscheiden werden. Mit Ausnahme der Provinz Oberschlesien habe ich ausschließlich über Regionen geforscht, die auch vor dem September 1939 zu Polen gehörten (Ostoberschlesien, Zentralpolen und die Woiwodschaft Krakau). Daher musste ich mich auf die Deutschen konzentrieren, die Staatsbürger der Vorkriegsrepublik gewesen waren und sich während des Krieges in die deutsche Volksliste eingetragen hatten. Während in den Zentralarchiven die Frage nach Materialien zu den Deutschen keine besondere Verwunderung hervorrief, sah dies in den Regionalarchiven ganz anders aus. Gewöhnlich war ich der erste, der sich in das Matrikelblatt der jeweiligen Akten eintrug. Meine Kolleginnen und Kollegen, die in Städten mit einer ausgeprägteren Forschungstradition zum Problem der Deutschen in Nachkriegspolen arbeiteten, machten diese Erfahrung nicht.

Auf der einen Seite zeigt dies, bis zu welchem Grad die Tatsache, dass Deutsche auch in Zentralpolen lebten, aus unserem historischen Bewusstsein ausgemerzt wurde; auf der anderen Seite, wie langlebig das rein negative, aus der Okkupationszeit herrührende Stereotyp des „Volksdeutschen“ ist. Ich gebe auch zu, dass sich meine Einstellung gegenüber den ethnischen Deutschen und denen, die sowohl von den Behörden des nationalsozialistischen Okkupationsregimes als auch von der polnischen Nachkriegsrepublik dafür gehalten wurden, bedeutend relativierte – und zwar umso mehr, je länger ich in diesen Archiven saß. Vor allem überraschte mich die Bandbreite der Erlebnisse der im Land verbliebenen Lodscher oder Warschauer Volksdeutschen. Ein nicht geringer Teil war gezwungen worden, sich in die deutsche Volksliste einzutragen, wobei man das wenig ausgeprägte Nationalgefühl oder das niedrige Bildungsniveau dieser Menschen ausgenutzt hatte. Es ist bezeichnend, wie oft Anträge von Volksdeutschen (oder Menschen, die man für Volksdeutsche hielt) an die polnischen Behörden in grammatisch und orthographisch mangelhaftem Deutsch bzw. Polnisch geschrieben waren. Diese Anträge, die nicht selten mit drei Kreuzen statt mit dem Namen unterzeichnet waren, zeigen auch, dass ihre Autoren überhaupt nicht begriffen, warum ihr Schicksal durch das Rad der Geschichte so brutal in Mitleidenschaft gezogen worden war.

Je länger ich über den Archivmaterialien saß, desto mehr überraschten mich auch die – ebenfalls durchaus unterschiedlichen – Verhaltensweisen der polnischen Bevölkerung. Einerseits waren nach dem Alptraum des Krieges die Rachegefühle auf alles, was deutsch war, verständlich, andererseits hatte ich nicht vermutet, dass man die Erfahrungen der Okkupationszeit in so unmittelbarer Weise auf die Deutschen bzw. Volksdeutschen übertragen hatte oder dass die Lebensbedingungen in den Lagern in Warschau oder bei Krakau und Lodsch ebenso entsetzlich (oder gar schlimmer) wie die in den Konzentrationslagern im Krieg gewesen waren. Während Beispiele für diese Zustände häufig in den offiziellen Dokumenten zu finden sind, hat der ebenfalls brutale Alltag in den Dörfern oder Kleinstädten in der Regel keine direkten Spuren in den Quellen hinterlassen. Man musste diesen Alltag vielmehr zwischen den Zeilen der trockenen Situationsberichte herauslesen bzw. -fühlen. So heißt es dort etwa: „In den ersten Februarwochen des Jahres 1945 internierte das städtische Amt für Öffentliche Sicherheit in Zduńska Wola dort alle Personen deutscher Nationalität ungeachtet ihrer staatlichen Zugehörigkeit, unter anderem auch sogenannte Volksdeutsche. Die Verwaltung dieses Lagers oblag den Organen des Amtes für Öffentliche Sicherheit und der Bürgermiliz, die zudem über die Arbeitskraft der Internierten verfügten und diese auch außerhalb der Stadt in den umliegenden landwirtschaftlichen Betrieben beschäftigten.“

Erschreckend war, mit welcher Konsequenz die Deutschen als bloße Objekte behandelt wurden, als günstiges und anspruchsloses Arbeitskräftereservoir. Bei ihrer Beschäftigung wurde anders als im Falle der deutschen Kriegsgefangenen (die das Land, das sie im Krieg verwüstet hatten, wieder aufbauen sollten) keine Mühe darauf verwendet, ihren Arbeitseinsatz ideologisch zu rechtfertigen. Es ist charakteristisch, dass ein Bauer in der Nähe von Mogielnica in der Woiwodschaft Warschau, der eine Volksdeutsche bei sich beschäftigte, im Sommer 1946 als „Besitzer der Deutschen und für sie verantwortlich“ unterschrieb. Zur gleichen Zeit machte man sich in Lodsch darüber Gedanken, wem die Deutschen zur Arbeit zugeteilt werden sollten. Zunächst wären laut Beschluss „verdiente Gemeindevorsteher und Dorfschulzen“ und dann „Mitglieder der demokratischen Parteien“ zu berücksichtigen.

Bei der Lektüre der Quellen aus der „Provinz“, das heißt die Kreis- bzw. Gemeindeebene betreffend, fiel mir die Furcht auf, mit der die eventuelle Güterrückerstattung (Bauernhöfe, Werkstätten, Häuser) an die Volksdeutschen im Falle ihrer Rehabilitierung betrachtet wurde, die man daher tunlichst zu verhindern suchte. Es ist symptomatisch, dass die aus den polnischen Ostgebieten vertriebenen Polen, für die die enteigneten Immobilien theoretisch vorgesehen waren, nicht selten genauso feindlich behandelt wurden wie die ortsansässigen Deutschen. Im Zuge unserer Archivstudien fanden wir eine große Anzahl bislang unbekannter Dokumente zu den vertriebenen Ostpolen, die zeigen, wie sehr das Schicksal dieser Menschen dem Heimatverlust der Deutschen ähnelte. Aus diesen Materialien entstand ein weiterer Band, der im Jahr 2000 den prestigeträchtigen Preis für historische Bücher der polnischen Zeitschrift „Polityka“ erhielt.

In den gleichen Archiven entdeckte ich aber auch Dokumente, die die andere Seite der Medaille zeigten: so etwa die keineswegs seltenen Beispiele für Hilfestellungen bei der Flucht, beim Verstecken vor der Verfolgung oder für die Versorgung mit Kleidung und Lebensmitteln. Solche Fälle kamen so häufig vor, dass die offizielle Presse davor warnte und mit strafrechtlichen Konsequenzen drohte. Mir fiel auch auf, wie regional unterschiedlich die Einstellung sowohl gegenüber den „ethnischen Deutschen“ als auch gegenüber den Kriegsgefangenen (mit denen ich mich am Rande unseres Projekts beschäftigte) war. Die Kriegsgefangenen wurden am besten im westlichen, „wiedergewonnenen“ Teil Oberschlesiens behandelt, schlechter (aber noch korrekt) in der Gegend von Kattowitz und Chorzów/Königshütte, die vor 1939 zu Polen gehört hatte, am schlechtesten im Kohlenrevier von Dąbrowa, das einst im russischen Teilungsgebiet lag. Im Falle der Zivilisten war eine positive Einstellung gegenüber den Deutschen am häufigsten in Lodsch oder in der Gegend von Działdowo/Soldau zu konstatieren, worauf die dort immer noch lebendige multiethnische Tradition einen gewissen Einfluss gehabt zu haben scheint.

Es ist zu hoffen, dass die im Rahmen unseres Projekts publizierten Dokumentenbände eine bessere Antwort als bisher auf die Frage „Wie ist es gewesen?“ geben werden. Sie beantworten allerdings nicht die Frage, die mich während der gesamten Zeit meiner Arbeit umtrieb, nämlich „Musste es so kommen?“ Mussten die Deutschen ebenso so vollständig aus dem Stadtbild von Lodsch, Płock, Posen, Bromberg oder Thorn verschwinden wie vor ihnen die Juden? Die Antwort darauf wird wohl eine künftige Historikergeneration geben müssen. Ich bin jedoch sicher, dass in bedeutend näherer Zukunft zahlreiche weitere Projekte den Deutschen in Polen gewidmet sein werden. Den Mitarbeitern dieser Projekte wünsche ich ähnliche Erfahrungen wie die von mir geschilderten. Die Jahre, die ich zunächst in den Archiven und dann vor dem Computerbildschirm verbracht habe, waren für mich die bislang wichtigste Erfahrung als Historiker. Und das wird sicher noch für lange Zeit so bleiben.

Aus dem Polnischen übersetzt von Claudia Kraft.