Wie kann man die deutsch-tschechischen Beziehungen aufbessern?

Ein Plädoyer für die Freiwilligkeit
aus OWEP 4/2004  •  von Tomáš Kafka

Dr. Tomáš Kafka, Publizist, ist Geschäftsführer des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds.

Die deutsch-tschechischen Beziehungen gelten seit geraumer Zeit als eine schwierige Nachbarschaft. Egal, ob es einem gefällt oder man es gar auf die Wahrhaftigkeit noch individuell prüfen mag; an der Tatsache, dass den deutsch-tschechischen Beziehungen dieses „Markenzeichen“ bis zum Beweis des Gegenteiles noch anhängen bleibt, wird sich kaum so schnell etwas ändern lassen. Es mag schon stimmen, dass man hinsichtlich der angeblich probatesten Arzneimittel, welche diesem sicherlich beklagenswürdigen Zustand endlich den Garaus zu machen hatten, sehr viel vor allem auf den erst vor kurzem vollzogenen EU-Beitritt der Tschechischen Republik gesetzt haben wollte. Das deutsch-französische Versöhnungsmuster sollte seine Musterhaftigkeit gelten lassen.

Doch es kam bisher anders, wobei, wenn man zu sich ehrlich wäre, es keinen kompetenten Beobachter allzu sehr überrascht haben dürfte. Auch wenn eine der meinungsführenden Tageszeitungen Deutschlands schon einige Tage nach der historisch größten EU-Erweiterung nicht davor scheute, ihre bereits lange Zeit davor antizipierte Enttäuschung gleich als eine „Entzauberung“ zu bezeichnen – vor allem darüber, dass die einst vor allem auf der deutschen Seite gehegte Hoffnung, das frühere Unrecht, inklusive des den Vertriebenen zugefügten, könne nach dem EU-Beitritt Tschechiens und Polens wenigstens symbolisch „bewältigt“ werden, getrogen hat. Schuld an diesem Zustand sollen überwiegend die Tschechen sein.

Nichts wäre sicherlich törichter, als jede tschechische Schuld an den den deutsch-tschechischen Beziehungen weiterhin innewohnenden Kränkungen oder nur Missverständnissen leugnen zu wollen. Dennoch wage ich zu behaupten, dass das Hauptproblem, warum die deutsch-tschechischen Beziehungen die deutsch-französischen hinsichtlich deren Versöhnungsdynamik nicht so musterhaft nachahmen, woanders liegt, als dass die Tschechen bloß keine Franzosen sind.1 Das, was noch deutlicher ins Gewicht fällt, ist die Tatsache, dass sich vor allem die Zeiten erheblich verändert haben, die seit der Ausarbeitung sowie auch der uneingeschränkten Anwendung des betreffenden deutsch-französischen Versöhnungsmodells mittlerweile verstrichen sind.

Das deutsch-französische Modell war schließlich ein Modell der (west)europäischen Befriedung vor dem Hintergrund des Kalten Krieges. Es wäre natürlich anders gekommen, wenn sich Deutsche und Tschechen unter dem bewährten Dach des guten, alten Westens, wie man ihn vor dem Jahre 1989 gekannt und bewundert hatte, hätten treffen dürfen. Die Existenz eines gemeinsamen Feindes, der nachweislich jenseits einer zunehmend historisierbaren deutsch-tschechischen Relation verortet würde, käme den Deutschen und Tschechen von heute garantiert genauso zupass wie einst den Deutschen und Franzosen von gestern. Es geht aber nicht. Und vielleicht ist es auch gut so. Denn dies würde unter dem Strich bedeuten, dass Deutsche und Tschechen ihre Verständigung sozusagen auf Kosten der Dritten, die sich für sie als gemeinsame Feinde zu erkennen gäben, zelebrieren würden. Nicht dass man heutzutage keine Feinde hätte, doch sie scheinen viel schwieriger definierbar zu sein, als es zu den Zeiten des guten, alten und nicht zuletzt auch konfliktschlichtenden Westens der Fall war. So bleibt den an der Aufbesserung der deutsch-tschechischen Beziehungen interessierten Personen nichts anderes übrig, als die antizipierten historischen Gegensätze ohne die unmittelbare Wirkungskraft der einmal Geschichte machenden deutsch-französischen Rezeptur selber zu entschärfen.

Doch wie ist es zu tun? Und wie können sich diejenigen verdingen, die, plakativ gesagt, zugunsten einer noch höheren Qualität der deutsch-tschechischen Beziehungen als bisher tatsächlich etwas unternehmen wollen? Ich muss eingestehen, dass es mich eine gewisse Selbstüberwindung kostet, auf diese allgemein formulierten Fragen annähernd genauso allgemeine Antworten zu liefern. Jedermann sollte im Jahr 2004 oder im Jahre 15, wenn man die für Deutsche wie Tschechen relevante „Wende“ zu Beginn einer neuen Zeitrechnung nähme, inzwischen so „mündig“ sein, dass er sich diese Frage – vielleicht auch mit Hilfe des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds – selber beantworten sollte. Da ich jedoch die Ehre habe, diesen soeben erwähnten Zukunftsfonds persönlich mit zu repräsentieren, darf ich offensichtlich um eine etwas allgemeinere Beantwortung dessen, was wohl zu tun sei, umhinkommen.

Meine Antwort – oder, besser gesagt, die meinerseits zu empfehlende Rezeptur für die Aufbesserung der deutsch-tschechischen Beziehungen – zielt auf die Aufbesserung der allgemeinen Dialogbereitschaft sowie Dialogfähigkeit beiderseits der Grenze ab. Diese kann nun dank eben der EU-Erweiterung endlich so durchlässig sein wie man will. Es könnte sein, dass, wenn man sich von der Nützlichkeit des Dialogs, sei es am Beispiel der Identifikation mit gemeinsamen Interessen in der Gegenwart oder sei es in der unmittelbaren Zukunft, überzeugen würde, man notgedrungen auch der gemeinsamen Auseinandersetzung mit dem Phänomen der in der jüngsten Vergangenheit beider Gesellschaften verhängnisvoll ablaufenden Rivalitäten einen entsprechenden Stellenwert gemeinsam beimessen sollte. Gedacht sei vor allem an den Zweiten Weltkrieg, die anschließend aufzubauende Friedensordnung sowie die Zeiten des real existierenden Sozialismus. Doch diese Dialogbereitschaft und diese Dialogfähigkeit sollten im Zeichen einer der größten Errungenschaften des fortwährenden europäischen Integrationsprozesses ausgeübt werden: im Zeichen der gemeinsamen Freiwilligkeit.

Manche nostalgisch gesinnten Anhänger jenes bereits erwähnten Modells der deutsch-französischen Versöhnung können vielleicht gerade dieser Freiwilligkeit nur bedingt etwas abgewinnen. Die Versöhnung sollte ja bedingungslos gebaut sowie angenommen werden. Die Freiwilligkeit könnte unter bestimmten Umständen deswegen als ein geheimes Codewort für die individuelle oder auch gesellschaftliche Unfähigkeit, der eigenen Vergangenheit ohne Wenn und Aber ins Auge zu schauen, vermutet werden. Allerdings täuscht dieser Eindruck meiner Meinung nach. Auch in diesem Falle sehe ich die Begründung für meine These nicht so sehr darin gegeben, dass die Tschechen keine Franzosen sind. Doch um meine These ausreichend untermauern zu können, muss ich etwas weiter ausholen und mich des Beispiels der Deutsch-tschechischen Deklaration von 1997 im Sinne einer Illustration für die folgenden Ausführungen bemächtigen.

Ich sollte mich vielleicht vorneweg als Anhänger dieser Deklaration bekennen. Worum es beim Verfassen dieses aus dem Jahre 1997 stammenden Textes ging, war die Bestrebung, endlich die latente Verhandlungsposition aus den deutsch-tschechischen Dialogversuchen zu nehmen. Verhandlungen und Gespräche – das sind bekanntlich zwei unterschiedliche Genres, und sie zu verwechseln, kann verheerende Folgen vor allem für das gegenseitige Vertrauen derjenigen haben, die zwar gerne miteinander diskutieren möchten, dabei aber fürchten, dass ihre persönlichen Eingeständnisse als Schwächung einer vermeintlichen Verhandlungsposition missverstanden werden könnten.

Die deutsch-tschechischen Beziehungen in den neunziger Jahren können diese zugegeben etwas theoretisch formulierte These treffend bebildern. Die damalige Dialogkultur stand deutlich unter dem Zeichen der einseitig artikulierten Erwartungen, wer wo was verschuldet hat und wessen Schuld noch in welche Rechnung gestellt werden muss. Als vorzeitiges Ergebnis jener so geführten deutsch-tschechischen Gespräche – egal auf welcher gesellschaftlichen Ebene – zeichnete sich, wie Jiří Gruša, der damalige tschechische Botschafter in Bonn, richtig feststellen konnte, eine beständige Verwechslung der moralischen und finanziellen Schuld sowie der daraus resultierenden Verwirrung aller beteiligten und noch nicht verdrossenen Diskutanten ab.

Dieser verheerenden Entwicklung wollte die Deklaration ein Ende setzen. Man bemühte sich um eine Art „gentleman‘s agreement“, worin sich die beiden politischen Seiten verpflichteten, die aus der Vergangenheit herrührenden schmerzhaften Probleme weder politisch noch juristisch in den bilateralen Beziehungen zu thematisieren. Durch diesen Konsens sollte nicht nur das deutsch-tschechische Verhältnis entkrampft, sondern es sollten zugleich die Bürger beider Länder von jener Last einer latenten Verhandlungsposition befreit werden. Anders ausgedrückt, sollte das mit der Deklaration angestrebte Prinzip der Freiwilligkeit ein Codewort für irgendetwas darstellen, dann ist es keineswegs die Unfähigkeit, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen. Diese Freiwilligkeit steht vielmehr für einen Versuch da, den deutsch-tschechischen Beziehungen ihre im 20. Jahrhundert verloren gegangene Vertrauensbasis so gut wie möglich zurückzugewinnen.

Das mangelhafte Vertrauen ist übrigens eine der Hauptwurzeln, aus der die anhaltenden Angstgefühle innerhalb unserer deutsch-tschechischen Gemeinschaft bis heute noch wachsen. Apropos, ohne das Vertrauen kann man heutzutage auch nur schwierig kooperieren. Man muss es ja dadurch ersetzen, dass man ständig aufpasst, und zwar bisweilen in dem Maße, dass es versehentlich auch die eigentliche Substanz der Kooperation aushöhlen kann. Man kennt ja zu Genüge die alten Faustregeln, wonach Vertrauen zwar gut, doch die Kontrolle besser ist.

Man befindet sich allerdings auch mit den deutsch-tschechischen Beziehungen längst in einem Zeitalter, wo eine andere Faustregel definitiv zu berücksichtigen ist: je mehr man zu erreichen und damit auch zu kontrollieren glaubt, desto schlimmer können dann die Ängste um dessen Bewahrung werden. Außerdem ist es sonnenklar, dass wir auch in der Zukunft zweifellos manche Streitigkeiten werden ertragen müssen. Umso wichtiger ist es daher, dass wir diese Streitigkeiten im neuen, zukunftsträchtigen Geiste der beiderseits akzeptierten Freiwilligkeit untereinander austragen werden. „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps“, wird man sich auch künftig etliche Male klarzumachen haben.

Doch auch hier setzt diese Binsenweisheit inzwischen etwas Verschleiß an. Demzufolge scheint es mir ebenso wichtig nicht zu vergessen, dass auch die Vergangenheit, mit Verlaub, Vergangenheit ist und die Zukunft Zukunft. Der Grund ist naheliegend. Wer wollte je schon heutzutage das Los einer zukunftsträchtigen Vergangenheit ziehen? So etwas verdienen ja nicht einmal die deutsch-tschechischen Beziehungen – egal, wie ihre Qualität tatsächlich verwunschen oder verwünscht ist! Zauberer beider Länder, vereinigt euch! Aber, bitte, tun Sie es nur freiwillig.


Fußnote:


  1. Im übrigen haben hier nicht nur die Tschechen scheinbar Defizite zu beklagen. Auch der deutsche Schriftsteller und Publizist Axel Hacke lässt sich in seinem Buch „Deutschlandalbum“ (2004) einschlägig aus: „Ich suchte nicht nach dem, was mich mit ihnen und mit meinem Land verband. Ich suchte das Trennende. Ich wurde Deutscher, aber ich wurde es nicht gern. Franzose zu sein, wäre mir lieber gewesen.“ ↩︎