Julikrise 1914 – der tragische Tod des russischen Botschafters in Belgrad

aus OWEP 1/2014  •  von Adrian Schütte

Zusammenfassung

Mit der „großen“, der Weltgeschichte untrennbar verbunden sind die kleinen Geschichten am Rande, die sehr oft jedoch den Lauf der Geschichte maßgeblich bestimmen. Der folgende Beitrag schildert ein Ereignis aus den schicksalhaften Wochen im Sommer 1914, das mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs unmittelbar zusammenhängt. Auch dem Historiker sei in diesem Kontext einmal die Frage nach dem „Was wäre geschehen, wenn …?“ erlaubt.

Adrian Schütte ist Student der Katholischen Theologie und studentische Hilfskraft am Ökumenischen Institut, Abt. II, der Universität Münster.

Es ist der 10. Juli 1914 in Serbien. Große Anspannung liegt in der Luft. Wenige Tage zuvor wurden Franz Ferdinand, Thronfolger von Österreich-Ungarn, und seine Ehefrau im benachbarten Bosnien ermordet. In dieser spannungsreichen Situation sucht der russische Botschafter Nikolaus von Hartwig noch am späten Abend die Botschaft Österreich-Ungarns in Belgrad auf.

Nikolaus von Hartwig wurde 1857 in Georgien geboren und trat mit 18 Jahren in den russischen Auswärtigen Dienst ein. Sein panslawischer Kurs und sein Eintreten für eine härtere russische Gangart im Nahen Osten brachten ihm mächtige Freunde im russischen Außenministerium ein. Trotzdem unterlag er einem verhassten Rivalen im Kampf um das Außenministerium. Stattdessen wurde von Hartwig 1906 als Botschafter nach Teheran geschickt – „ins Exil“, wie er selber sagte. Dort überschritt er jedoch seine Kompetenzen, als er bei einem versuchten Umsturz die britische Botschaft umstellen ließ, damit die Umstürzler nicht dorthin flüchten konnten. Das führte dazu, dass der Umsturz misslang und der britische Botschafter sich weigerte, mit ihm zu sprechen. Daraufhin wurden beide abberufen.

Als der russische Außenminister 1909 zurücktreten musste, war von Hartwig wegen seines panslawischen Kurses der Favorit des Zaren Nikolaus II. für dieses Amt. Der russische Premierminister Stolypin verhinderte allerdings seine Berufung und setzte stattdessen seinen Schwiegersohn Sergej Sasonow als Außenminister durch. Offiziell wurde das damit begründet, dass von Hartwig zu schwer zu kontrollieren sei. Von Hartwig wurde darauf wegen seiner panslawischen Haltung aus strategischen Gründen als Botschafter nach Serbien geschickt. Er gewann nicht nur großen Einfluss auf die serbische (Außen-)Politik und Sympathien in der serbischen Bevölkerung, sondern wurde auch ein einflussreicher Freund des serbischen Premierministers Nikola Pašić, weil er nicht nur die offizielle russische Linie, sondern auch die inoffizielle, also die panslawischen und militant proserbischen Kräfte am Zarenhof repräsentierte. Deswegen erhielt er immer wieder direkte Anweisungen von Sasonow, dies zu unterlassen – selbst dann, wenn er Serbien dadurch enger an Russland band. Ihm wurde sogar mit der Abberufung von seinem Posten gedroht. Als er 1912 entscheidend an der Bildung des Balkanbundes zwischen Serbien, Bulgarien, Griechenland und Montenegro beteiligt war, befand er sich allerdings auf einer Linie mit Sasonov. Dieser hatte zwar weniger Verständnis für die politische Lage auf dem Balkan als von Hartwig, die beiden verband aber, dass sie den Bund als Machtmittel gegen Österreich-Ungarn verstanden.

Als von Hartwig vom Attentat auf den Thronfolger hörte, muss er geahnt haben, dass dadurch die ohnehin schon angespannte Situation auf dem Balkan noch erheblich verschärft würde. Davon zeugt sein spontaner Ausruf: „Au nom du Ciel! Pourvu que ça ne soit pas un Serbe.“1 Trotz dieser Reaktion scheint er die Lage jedoch zunächst unterschätzt zu haben. Wie sonst wäre es zu erklären, dass er, nachdem ihn die Nachricht erreicht hatte, eine Gesellschaft am Abend des Mordtages nicht absagte und die Fahnen der russischen Botschaft in Belgrad als einzige nicht auf Halbmast gesetzt wurden?

Aus den Dokumenten der österreichisch-ungarischen Botschaft geht hervor, dass dort von Hartwigs Verhalten nach dem Attentat als Grund für seinen Besuch am 10. Juli gewertet wurde. Ob er sich auf Anweisung seines Außenministers auf den Weg machte oder weil er selbst erkannt hatte, dass die Lage zu eskalieren drohte, ist nicht bekannt.

Kehren wir zurück zum Abend dieses 10. Juli 1914. Der Botschafter Österreich-Ungarns, Wladimir Giesl Freiherr von Gieslingen, empfängt von Hartwig in seinem Arbeitszimmer und bietet ihm einen Sitzplatz an. In freundlicher Atmosphäre sprechen sie darüber, dass die österreichisch-ungarische Regierung der serbischen ein Ultimatum wegen der Ermordung Franz Ferdinands stellen will. Von Hartwig versucht, seinen Gesprächspartner davon zu überzeugen, dass das Ultimatum ein Fehler sei, als er sich plötzlich ans Herz greift. Er fällt zu Boden und bleibt liegen. Die sofort herbeigerufenen Bediensteten der Botschaft versuchen vergeblich, ihn wiederzubeleben.2 Als wenige Minuten später ein Arzt eintrifft, kann er nur noch von Hartwigs Tod feststellen.

Sobald die Nachricht seines Todes in den serbischen Zeitungsredaktionen bekannt wird, erscheinen mehrere Artikel, in denen das Personal der österreichisch-ungarischen Botschaft des Giftmordes beschuldigt wird. Tatsächlich besteht jedoch kein Zweifel daran, dass von Hartwig an einem schweren Herzinfarkt gestorben ist. Auf serbischen Wunsch wurde er in Serbien beerdigt. Daran nahmen einige tausend Serben teil, darunter auch sein guter Freund Nikola Pašić.

Ob von Hartwig bereits auf dem Weg zur österreichisch-ungarischen Botschaft von dem Ultimatum wusste und es aufhalten wollte oder ob er erst dort davon erfuhr – ob eventuell sogar die Nachricht über das Ultimatum der Grund für seinen Herzinfarkt war –, ist nicht bekannt. Ob es von Hartwig gelungen wäre, das Ultimatum und damit den Beginn des Ersten Weltkrieges zu verhindern, oder ob sein Besuch in der Botschaft von Anfang an zum Scheitern verurteilt war, kann heute wohl nicht mehr geklärt werden.

Das Gebäude der österreichisch-ungarischen Botschaft ist heute der Sitz des katholischen Erzbischofs von Belgrad; das Zimmer, in dem von Hartwig starb, war lange Zeit dessen Speisezimmer. Das Zimmer und das damit verbundene Ereignis werden die katholischen Erzbischöfe von Belgrad immer an ihre Verantwortung für den Frieden erinnern und sie außerdem mahnen, dafür zu sorgen, dass diese Geschichte nicht in Vergessenheit gerät. Was mit Sicherheit gesagt werden kann, ist jedoch, dass es sich um einen tragischen Todesfall in einem äußerst ungünstigen Moment handelte.


Literaturhinweise:


Fußnoten:


  1. „Um Himmels willen, wenn das nur kein Serbe gewesen ist!“ (Vgl. Roderich Gooss: Das Wiener Kabinett und die Entstehung des Weltkrieges. Wien 1919, S. 7.) 

  2. Von Hartwig starb vermutlich auf dem Sofa, auf das er eilig gebettet worden war. Anderen, weniger sicheren Quellen zufolge hat man noch versucht, ihn nach der Herzattacke in einen anderen Raum zu bringen, jedoch brach er auf einer Treppe im Botschaftsgebäude tot zusammen. Ein Bild dieser Treppe findet sich unter https://hr.wikipedia.org/wiki/Datoteka:Archbishopric_Palace_Belgrade_staircase.jpg (letzter Zugriff. 18.05.2017).