Religiöses Bewusstsein und Reislamisierung in Tatarstan

aus OWEP 1/2003  •  von Raoul Motika

Dr. Raoul Motika ist nach dem Studium der nahöstlichen Geschichte, Islamkunde und Politikwissenschaft (u. a. in Teheran und Izmir) derzeit an der Ruhr-Universität Bochum als Koordinator des internationalen Forschungsprojekts „Islamische Bildung in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten“ tätig.

„Ich glaube fest daran, dass unser Kasan wieder die Kibla1 der Muslime Russlands werden wird“, erklärte der im Frühjahr 2001 wiedergewählte Präsident der Republik Tatarstan, Mintimer Schaimiejev, anlässlich des Ersten (Vereinigungs-) Kongresses der Muslime der Republik Tatarstan am 14. Februar 1998 vor den 718 Delegierten aus der gesamten Republik. Als am 15. März 2001 der iranische Präsident Chatami anlässlich seines Russlandbesuches die Millionenstadt an der Wolga besuchte und in der zentralen Mardschani-Moschee vor vielen hundert Medreseschülern2 predigte, konnte man den Eindruck gewinnen, dass Kasan tatsächlich auf dem besten Weg ist, neues Zentrum der Muslime der Russländischen Föderation zu werden. Anlässlich des auch staatlich begangenen islamischen Opferfestes (Kurban Bäyräme) am 5. März drängten sich über zweitausend Gläubige in derselben Moschee, um gemeinsam zu beten und sich die Predigt des Imam-Chätib anzuhören. Obwohl die Mardschani-Moschee nur eine der inzwischen zahlreichen islamischen Gebetsstätten Kasans ist, hätten, so betonte der Imam in seiner Predigt durchaus zu Recht, von den 1,1 Millionen Einwohnern der Stadt vielleicht gerade 6.000 an diesem frühen Donnerstagmorgen den Weg in die Moschee gefunden. Man mag wegen des über 50-prozentigen Anteils von Nichttataren an der Stadtbevölkerung diese Aussage vielleicht für etwas polemisch halten, sie weist aber doch berechtigt auf das Spannungsverhältnis zwischen nomineller und vielleicht gar deklamatorischer Zugehörigkeit zum Islam und der nichtexistierenden Glaubenspraxis bei vielen tatarischen Nominalmuslimen hin. Ein großen Teil seiner Predigt verwendete der Imam denn auch auf die Erklärung islamischer Verhaltensweisen wie des Verbots des Schweinefleisch- und Alkoholgenusses und der „Unzucht“.

Wachsendes Selbstbewusstsein der Tataren

Obwohl die Republik Tatarstan, geographisch immerhin ein Teil Europas, sicherlich zu den bedeutenderen und wohlhabenderen Teilrepubliken der Russländischen Föderation gehört, ist sie jenseits der russischen Landesgrenzen weithin unbekannt. Seit dem Souveränitätsreferendum von 1992 und den später abgeschlossenen Verträgen genießt Tatarstan sicher das größte Maß an politischer und wirtschaftlicher Souveränität innerhalb der Föderation. Nachdem Wladimir Putin das Amt des Präsidenten der Russländischen Föderation übernommen hatte, verstärken sich allerdings die Zentralisierungstendenzen in der Föderationsführung wieder, was sich negativ auf das Verhältnis zwischen Moskau und Kasan auswirkt.

Die Republik liegt ca. 700 km östlich von Moskau an der mittleren Wolga, ist mit 67.836 km2 etwas kleiner als Bayern und hat 3.773.800 Einwohner, wovon 48,5 % Tataren und 43,3 % Russen sind (1998). Traditionellerweise war der Anteil der Russen unter der Stadtbevölkerung deutlich höher als der der Tataren, was sich während der letzten zwanzig Jahre durch den Zuzug aus den Dörfern allerdings allmählich veränderte. Seit der Eroberung des Khanats von Kasan durch Iwan den Schrecklichen im Jahre 1552 kam es vor allem während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis zur Herrschaftszeit von Katharina II. (1762-1796) unter den Tataren zu einer gewissen (Zwangs-)Christianisierung, sodass bis heute 5-10 % der Tataren als sogenannte Kreschänen über einen christlichen Hintergrund verfügen. Allerdings sehen viele Tataren mit muslimischem Kulturhintergrund die Tataren christlichen Hintergrunds als eigene Volksgruppe an, von der man sich abgrenzt. Explizit wird ihnen auch Jahrhunderte nach ihrer (Zwangs-)Konversion ein inferiorer Charakter zugesprochen. In einem Interview äußerte der Vertreter des Mufti von Tatarstan, Väliulla Chäzrät Yag’ub, denn auch, dass „alle Tataren Muslime sind und die getauften Tataren eine eigene Nation bilden, die sich auch selbst nicht als Tataren ansehen.“

Da das Alltagsleben und selbst das Aussehen der Tataren weitgehend dem der russischen und sonstigen Einwohner der Republik Tatarstan gleicht und auch so gut wie keine soziale Segmentierung der Gesellschaft anhand ethnischer Zugehörigkeiten existiert, nimmt das zumindest deklamatorische Bekenntnis zum Islam, zu dessen Werte- und Verhaltenssystem und die besondere Rolle der tatarischen Sprache mitsamt ihrem neuen, auf der lateinischen Schrift basierenden Alphabet eine zentrale Stellung bei der Definition der eigenen Gruppe ein. So sieht die weit überwiegende Mehrheit der Tataren den Islam als untrennbaren Bestandteil ihrer Identität an. Historisches Vorbild ist dabei die dynamische Entwicklungsphase der tatarisch-islamischen Kultur im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, die damals ins gesamte Zarenreich bis weit nach Mittelasien, aber auch ins Osmanische Reich ausstrahlte. Durch die blutigen Verfolgungen der Sowjetzeit und die gesellschaftlichen Umbrüche, die mit der KP-Diktatur einher gingen, ist ein Anknüpfen an jene Strömungen allerdings kaum mehr möglich. Mit dem zunehmenden Legitimationsverlust des Sowjetsystems stieg schon vor dem Ende der Sowjetunion der Anteil von Tataren, die religiöse Bräuche und Feiertage befolgten, von 30,8 % 1967 auf 57,9 % im Jahre 1989.

Ein bedeutender Faktor, der zu dieser Entwicklung beigetragen haben mag, ist der soziale Aufstieg der tatarischen Landbevölkerung ab den sechziger Jahren durch Bildung und zunehmende Partizipationsmöglichkeiten in den Partei- und Staatsstrukturen. Damit einher ging ein wachsender Anteil solcher Aufsteiger unter Kulturschaffenden, Geisteswissenschaftlern und Angehörigen der technischen Intelligenz. Diese sahen sich mit einer russisch dominierten Stadtgesellschaft konfrontiert, auf die sie gerade wegen des zunehmenden Legitimationsverlustes des Sowjetsystems und der Sowjetkultur nicht mehr mit Unterordnung, sondern mit der Hervorhebung kultureller Eigenheiten und der Entwicklung von Eigenstolz reagierten, wobei die Religion und die mit ihr verbundenen Kulturpraktiken eine bedeutende Rolle spielen. Abgrenzung konnte nun wieder positiv gedacht werden. Damit war auf breiter Ebene einer Rückkehr nationaler Symbolik, wozu besonders religiöse Praktiken und Bräuche gezählt wurden, der Weg geebnet. Man könnte dieses Phänomen als deklamatorische Religiosität deuten, also in erster Linie als Hinwendung zur Praxis „nationaler“ Sitten und Gebräuche und nicht etwa als Ausdruck einer neuerwachten Spiritualität.

Laut einer anderen Umfrage unter Angehörigen der „sozialen Elite“ in Kasan bezeichneten sich im Jahre 1992 39 % der befragten Tataren, aber nur 14 % der befragten Russen als religiös. Der höhere Grad an geäußerter Religiosität unter den Menschen islamischen Glaubenshintergrunds mag etliche Gründe haben. Eine mögliche Erklärung bildet der Abgrenzungsbedarf von Minderheiten, gerade bei triumphalistisch herausgestellter Überlegenheit der Mehrheit des Staatsvolkes wie im Falle des heutigen Russlands. Religion nimmt als Referenzpunkt deklamatorischer Abgrenzung für die Minderheit dann eine andere Funktion ein als für die Mehrheit.

Ein zentrales Thema für nationalistische wie für religiöse Aktivisten sind die ethnisch-religiös gemischten Heiraten, ein Phänomen, das wohl unter kaum einem anderen Volk muslimischen Glaubenshintergrunds in der Sowjetunion ähnlich weit verbreitet war und teilweise immer noch ist wie unter den Tataren. So soll ein Drittel der in Kasan registrierten Ehen zwischen ethnisch gemischten Paaren geschlossen werden, und dies sogar häufiger zwischen russischen Männern und tatarischen Frauen als umgekehrt. Gänzlich anders stellt sich dies beispielsweise in Aserbaidschan dar, wo entsprechend der islamischen Rechtsvorstellungen auch bei religiös inaktiven Menschen fast ausschließlich die umgekehrte Form der Partnerschaft, also zwischen muslimischen Männern und nichtmuslimischen Frauen, vorkommt. Gerade in der tatarischen Hauptstadt Kasan gibt es sehr viele Familien mit gemischtreligiösen Verwandtschaften, was bei den Nachkommen generell einen gewissen Abstand zu beiden großen Religionen bewirkt. Allerdings hat die Zuwanderung aus den Dörfern und das stark gewachsene tatarische Nationalbewusstsein zu einer deutlichen Stärkung des tatarischen Elements in Kasan und wahrscheinlich zu einem prozentualen Rückgang dieser gemischten Heiraten geführt.

Wie gläubig sind Tatarstans Muslime?

Ebenso gewichtig für nationalistische wie islamisch-religiöse Aktivisten ist das Problem des organisierten Überschreitens ethnisch definierter religiöser Grenzen, also einer offenen Mission, die sich nicht ausschließlich auf die ethnische Gruppe bezieht, die traditionell eben jener Religion angehört. So kam es in Tatarstan zu Konflikten zwischen meist protestantisch charismatischen Gemeinden bzw. Missionaren und islamischen bzw. tatarisch-nationalistischen Gruppen wegen Konversionen von Tataren zum Christentum, wobei die staatlichen Autoritäten meist die Positionen der „traditionellen“ Religionen unterstützten. Derartige antimissionarische Aktivitäten richten sich allerdings nicht nur gegen Missionsversuche von Seiten christlicher, Bahai- oder Hare Krishna-Aktivisten, sondern werden auch gegen islamische Gruppen unternommen, die die Vorherrschaft der offiziösen islamischen Strukturen bedrohen könnten. Es scheint aber, als ob Ende der neunziger Jahre parallel zu dem wieder sinkenden Interesse an Religion und dem Erstarken der staatlichen und traditionellen religiösen Strukturen auch die Zahl solcher Konflikte gesunken ist. So ist das Verhältnis zwischen den offiziösen Strukturen des Islams, der orthodoxen Kirche wie auch der jüdischen und der kleinen katholischen Gemeinde sehr gut, ohne dass allerdings ein realer Dialog zwischen den Religionen existieren würde. Von islamischer Seite wird beispielsweise im Internet mit durchaus triumphalistischem Unterton über die Konversion ethnischer Russen zum Islam berichtet. Generell gilt aber, dass sowohl die Regierung, alle relevanten politischen Organisationen wie auch die große Mehrheit von Angehörigen aller ethnischen Gruppen jegliche Konflikte auf der Basis der Religionszugehörigkeit deutlich ablehnen und es auch keinerlei Anzeichen dafür gibt, dass sich dies ändert. Tataren und Russen haben in den vergangenen 450 Jahren gelernt, friedlich zusammenzuleben, sodass Extremisten derzeit kaum einen Nährboden finden. Dazu trägt sicherlich auch die zumindest in dieser Hinsicht kluge Politik der tatarischen Regierung bei, die versucht, die beiden großen Religionsgemeinschaften „gerecht“ zu behandeln, was wegen der Kolonialgeschichte Russlands aber durchaus mit einer Verstärkung der öffentlichen Präsenz des Islams einhergeht.

Besonders augenfällig wird das Wiedererwachen des Islams in Tatarstan an der explodierenden Zahl von Moscheen und offiziell registrierten islamischen Gemeinden. So waren Ende des Jahres 2000 knapp über 1.000 Moscheen und ca. 400 islamische Organisationen beim Komitee für Religionsangelegenheiten des Präsidialamtes zugelassen. Vergleicht man dies mit den 19 im Jahre 1988 registrierten Gemeinden, die bereits 1993 auf 330 angewachsen waren, wird einem das dramatische Wachstum deutlich bewusst. Ähnlich, wenn auch nicht ganz so stark, wuchs die Zahl der orthodoxen Kirchen im Lande. Vom stellvertretenden Mufti wird im Gespräch allerdings zu Recht angemerkt, dass vielleicht 5 % der Bevölkerung „richtig“ gläubig seien und gar nur 1 % regelmäßig die Moscheen besuche. Diese Aussage deckt sich mit eigenen Beobachtungen und älteren Umfrageergebnissen, nach denen 1990 nur knapp 8 % derjenigen, die sich selbst als „gläubig“ oder „schwankend“ bezeichnet hatten, regelmäßig eine Moschee besuchten und 15,9 % zu Hause beteten. Die Diskrepanz zwischen religiöser Überzeugung und religiösen Praktiken scheint also eher auf ein nominelles denn auf ein religiöses Bekenntnis der Tataren zum Islam zu verweisen. Wenig überraschend ist auch die für alle postsowjetischen Gesellschaften zutreffende Beobachtung, dass die Masse der Bevölkerung im allgemeinen nur über sehr geringe Kenntnisse der zentralen Glaubensinhalte und Verhaltensvorschriften des Islams verfügt bzw. sie im Alltagsleben nur wenig beachtet. So relativieren islamische Würdenträger im Gespräch die Renaissance des Islams in Tatarstan stets mit Bemerkungen wie, dass der allgemeine Alkoholkonsum wie die „Unzucht“ auch unter Tataren in den letzten zehn Jahren gestiegen und nicht etwa als Ergebnis einer Zuwendung zum Islam gesunken seien.

Islamisches Bildungswesen und Auslandsbeziehungen

Entscheidend für die Zukunft des Islams im Lande ist – dies wird auch von verschiedenen Gesprächspartnern immer wieder betont – die Entwicklung des islamischen Bildungswesens. In ihm zeigt sich neben der gewachsenen Zahl der Moscheen am deutlichsten der auch organisatorische Wiederaufstieg des Islams. Gab es Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre etliche unkoordinierte Versuche, islamische Lehranstalten verschiedener Stufen aufzubauen, so existiert heute ein ausdifferenziertes System solcher Einrichtungen. Inzwischen bestehen an den meisten Moscheen Sonntagsschulen, in denen die Schüler aller Altersstufen im Lesen des Korans, in verschiedenen Gebeten und einfachen islamischen Glaubensinhalten unterwiesen werden. Die Schülerzahlen an den Medresen der untersten Stufe sind teilweise recht beeindruckend. So nehmen an den verschiedenen Kursen der Kasaner Bolgar-Moschee insgesamt ca. 700 Schüler teil.

Als nächste Stufe existieren sieben sogenannte „Urta mädräsäler“ (Mittlere Religionsschulen) in größeren Städten wie Kasan und Çalli und über ihnen zwei „Yuchari mädräsäler“ (Höhere Religionsschulen) in Kasan, an denen 70-100 Studenten lernen. Gemeinsam ist den meisten höheren Einrichtungen, dass sie neben der Abend- und Wochenendschule auch als Internat arbeiten.

Am Freitag, dem 29. September 2000, eröffnete Mufti Gosman Chäzrät Ischakiy dann schließlich die „Rossiya Islam Universiteti“, deren Vorläufer die am 1. Oktober 1993 gegründete „Möchammädiye Mädräsese“ war. An dieser bildeten 1995 20 Lehrer um die 200 Schüler, darunter 70 junge Frauen aus. An der neuen Universität waren für das Studienjahr 2000/2001 81 Studenten eingeschrieben, darunter drei Usbeken, ein Aserbaidschaner und zwei Tschetschenen. Laut Aussage des stellvertretenden Rektors strebt die Universität an, zur zentralen islamischen Bildungseinrichtung der Russländischen Föderation zu werden. Damit soll für den Bedarf an höher gebildetem Religionspersonal eine Alternative zur Taschkenter Islamuniversität geschaffen werden; vor allem aber – und wohl als Hauptziel – soll das Studium an islamischen Lehranstalten im Nahen Osten unnötig werden, da dieses als Einfallstor für kulturell fremde und vor allem islamistische Einflüsse angesehen wird.3

Das bemerkenswerte Verhältnis zwischen Staat und Religion in Tatarstan spiegelt sich auch in der Finanzierung der Universität wider. So stellte die Regierung trotz der gesetzlichen Trennung von Staat und Religion der Diniye Näzareti, also der Religionsverwaltung, das Gebäude zur Verfügung und übernahm gemeinsam mit der Stadt Kasan einen Teil der Renovierungskosten, weitere 300.000 US-Dollar kamen von der islamischen Entwicklungsbank. Erkauft wurde die staatliche Unterstützung und Anerkennung als Universität allerdings mit der Zustimmung zur staatlichen Kontrolle über Lehrinhalte wie Lehrpersonal. Inzwischen müssen ausländische Lehrer an islamischen Einrichtungen eine staatliche Genehmigung für ihre Lehrtätigkeit vorweisen, die für die wohl meist islamistisch orientierten und akademisch eher zweifelhaft qualifizierten Lehrer schwer zu erhalten ist.

In Tatarstan wie auch in anderen Gebieten der ehemaligen Sowjetunion kam es Anfang der neunziger Jahre zu einem massiven Auftreten vor allem arabischer und teilweise auch pakistanischer Islammissionare. Parallel dazu flossen größere Finanzmittel von Seiten besonders in Saudi Arabien und der Golfregion beheimateter islamischer Einrichtungen einerseits in den Moscheenbau und die Verteilung von Druckwerken, andererseits aber auch an die offiziösen Islamstrukturen, wo sie teilweise versickerten bzw. zum Ausbau der eigenen Machtpositionen genutzt wurden. Aus der Türkei waren auf der Basis eines Abkommens zwischen dem Diyanet Vakfi („Stiftung für Religion“, die eng mit der staatlichen türkischen Religionsbehörde verbunden ist) und dem tatarischen Staat bzw. dem Muftiat zwischen 1993 und 1998 8-10 Personen an Moscheen und Medresen tätig; heute sind offiziell keine Türken mehr aktiv.

Im Zusammenhang mit dem Tschetschenienkrieg, der von vielen tatarischen Gläubigen mit großer Empörung verfolgt wird, stehen Auslandsverbindungen, besonders solche in die arabische Welt und nach Afghanistan, unter strengster Beobachtung der staatlichen Organe. In tatarisch-islamischen Zeitungen erscheinen immer wieder Artikel, die sich gegen die Diffamierung des Islams als gewaltorientiert und die Beschimpfung von ernsthaft Gläubigen als Wahabiten empören und dies als Teil einer anti-islamischen Kampagne Moskaus interpretieren. Problematisch für die tatarisch-islamischen Bildungseinrichtungen ist diese restriktive Politik gegenüber ausländischen Islamlehrern aber durchaus, da es im Lande nicht genügend qualifizierte Lehrkräfte gibt und der tatarische Islam zu seiner theologischen Weiterentwicklung des intensiven Austauschs mit der übrigen islamischen Welt bedarf.

Besonders augenfällig wird der Trend zur „Tatarisierung“ des Islams in Tatarstan auch an der Entwicklung der islamischen Strukturen des Landes: Bis zur Gründung eines eigenen Muftiats in Kasan im August 1992 unterstanden die islamischen Strukturen in Tatarstan dem Muftiat von Ufa in Baschkortostan, das bereits in zaristischer Zeit gegründet worden war und ebenfalls von einem Tataren, dem Mufti Talgat Tacuddin, geführt wird.

Anlass für die Trennung von Ufa war die Anbringung religiöser Symbole des Islams zusammen mit jüdischen und christlichen an einer neuerbauten Moschee in Çalli mit dem Ziel, ein Zeichen für gegenseitige Toleranz zu setzen. Im Februar 1998 kam es dann zur Vereinigung der überwiegenden Mehrheit der tatarischen Gemeinden unter dem Muftiat des neugewählten und immer noch amtierenden Mufti Gosman Chäzrät Ischakiy. Heute macht das Muftiat einen sehr gut organisierten Eindruck und verfügt über tatarstanweite, gut funktionierende Strukturen. Inzwischen ist es außerdem auch von staatlicher Seite als alleiniger Gesprächspartner anerkannt.

Das theologische Gesicht des Islam in Tatarstan kann derzeit wohl am treffendsten mit „neokonservativ“ und „rationalistisch“ beschrieben werden. Unter den zahlreichen islambezogenen Druckwerken der letzten Jahre mit meist sehr geringer Auflage (ca. 200 Expl.), die Grundkenntnisse des Islams wie „Gebete für jeden Anlass“ zu verbreiten suchen, finden sich aber auch einige wenige Titel, die auf eine wenn auch rudimentäre internationale Einbindung des tatarischen Islams hinweisen. Dass das Testament Imam Chomeinis unlängst in tatarischer und russischer Übersetzung veröffentlicht wurde, mag mit dem Besuch des iranischen Präsidenten Chatami zusammenhängen, das Erscheinen einer Missionsschrift des deutschen Konvertiten Murad Hoffmann oder eine Broschüre mit Texten des fundamentalistischen Theoretikers Maududi belegen aber auch ein gewisses Interesse an internationalen islamischen „Bestsellern“. An den Buchständen in Moscheen und religiösen Buchläden herrscht zwar reger Verkehr, gekauft werden aber fast ausschließlich religiöse Basisliteratur und vielleicht noch Kassetten mit Koranrezitationen. Dies hat zwar sicher einerseits materielle Gründe, andererseits gewinnt man aber durchaus den Eindruck, dass selbst viele der neuislamisierten Jugendlichen einem doch weitgehend säkularisierten Islam anhängen, der zumindest bisher kaum politisch instrumentalisierbar scheint.


Fußnoten:


  1. Kibla (Qibla, arab.) ist eigentlich die vorgeschriebene Gebetsrichtung nach Mekka (Anm. d. Redaktion). 

  2. Medrese (Medresse, arab.): Bezeichnung einer Koranschule oder auch theologischen Hochschule (Anm. d. Redaktion). 

  3. Tatarische Islam-Studenten im Ausland: al-Azhar (Kairo) 30-35; Jordanien 1015 (in der Regel 2-3monatige Kurse pro Jahr); Saudi Arabien 10-15 Studenten; Türkei keine, ev. 1-2 (die Informationen stammen vom Direktor der staatlichen Religionsbehörde Prof. Dr. Rinat Nabiev; Interview mit ihm am 5. Oktober 2000).