„Sprechende Hoffnung – werdende Kirche“

aus OWEP 1/2003  •  von Hadwig Müller

Dr. Hadwig Müller ist Referentin im Missionswissenschaftlichen Institut Missio e. V., Aachen.

Anmerkung der Autorin:
Ich nehme gern den Vorschlag von Christof Dahm auf, meinen Beitrag mit dem Titel des Buchs zu überschreiben, das den I. deutsch-französischen ökumenischen Kongress in Freiburg (April 2000) dokumentiert. Das Buch enthält außer dieser durchweg in französisch und deutsch gehaltenen Dokumentation den Text des „Briefs an die Katholiken in Frankreich“ und den ihn kommentierenden Artikel des französischen Soziologen Jean-Marie Donegani nur auf deutsch. Das Buch erschien in zwei Ausgaben, für den deutschen und den französischen Buchhandel, wobei sich diese Ausgaben nur durch das französische bzw. deutsche Cover unterscheiden. Während die Ausgabe mit deutschem Cover vergriffen ist, können Exemplare mit französischem Cover „Une espérance qui parle – une Église en devenir“ noch erworben werden. (Hadwig Müller / Norbert Schwab / Werner Tzscheetzsch (Hrsg.): Sprechende Hoffnung – werdende Kirche. Proposer la foi dans la société actuelle. Den Glauben vorschlagen in der heutigen Gesellschaft. Ostfildern: Schwabenverlag, 2001).

„Die“ französische Kirche – Anregung zu einem ersten deutsch-französischen Gespräch

Welche Kirche?

„Die Kirche in Frankreich macht seit einigen Jahren eine doppelte Erfahrung. Zur gleichen Zeit, wie sie ihre Armut, ihr institutionelle Schwächung und einen gewissen Verlust an sozialer Anerkennung feststellt, lernt sie es, im Innern ihrer selbst das Geheimnis der Gemeinschaft zu leben, das ihr Wesen ausmacht.“ (Brief, 57 [79])1 Das Gespräch, das die französischen Bischöfe 1994 begonnen haben, setzt ihr Selbstverständnis als Kirche in die Praxis um: Eine Kirche lernt, im Innern ihrer selbst das Geheimnis der Gemeinschaft zu leben, das ihr Wesen ausmacht. Das Geheimnis der Gemeinschaft, das ihr Wesen ausmacht, ist nichts anderes als das Geheimnis der Gemeinschaft in Gott. Daher darf man ergänzen: Eine Kirche lernt, sich von der Gemeinschaft, die Gott selber ist, Leben schenken zu lassen. Gott – dasselbe Wort meint für uns Christen den Einen und die Gemeinschaft der Drei – können wir in Bildern benennen. Auch das Gespräch kann als Gleichnis dienen. Das Gespräch lebt vom Hören derer, die miteinander sprechen. Auch in Gott hat das Hören auf den anderen, das Warten auf sein Wort Vorrang und ist Quelle seines Sprechens. Eine Kirche, die vom Geheimnis dieser Gemeinschaft lebt, ist in erster Linie eine hörende Kirche, die dem anderen und seinem Wort den Vorrang gibt und eben dadurch zur sprechenden Kirche wird. Nichts anderes zeigt sich in der Initiative der französischen Bischöfe: Eine Kirche wird Gespräch – getreu dem Wort aus der ersten Enzyklika von Paul VI. „Ecclesiam suam“ (1964): „Die Kirche macht sich zum Gespräch.“

Unter dem Leitwort „Den Glauben vorschlagen in der heutigen Gesellschaft“ hat 1994 in Frankreich ein Dialogprozess begonnen, der von der Anerkennung der Eigenart der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation ausgeht und darauf vertraut, dass das Gespräch über den gelebten Glauben, nicht nur der Katholiken, sondern aller Menschen guten Willens, Kirche aufbaut. Bischöfe bitten ihre Zeitgenossen, ihnen bei der Analyse der gesellschaftlichen Realität zu helfen – sie selber schlagen einige Gesichtspunkte vor. Bischöfe bitten ihre Zeitgenossen, ihnen zu sagen, wie sie als hoffende, glaubende, liebende Menschen leben – sie selber geben auch Zeugnis davon. Bischöfe äußern schließlich ihr Vertrauen, dass dieses Gespräch Kirche aufbaut. Ihre Initiative bringt ein Gespräch in Gang, in das sich viele Stimmen mischen. Das Gespräch entwickelt eine eigene Dynamik, die weiter geht und die konkreten pastoralen Überlegungen im Hinblick auf die zukünftigen Entwicklungen in den Diözesen befruchtet. Das alles meint „Den Glauben vorschlagen in der heutigen Gesellschaft“ – Titel dreier Schriften, mit denen die französischen Bischöfe, federführend unter ihnen Claude Dagens, das Gespräch angeregt haben und begleiten.

Welche Hoffnung?

Zusammen mit ihren Bischöfen sind sich die Theologen, die an diesen Schriften gearbeitet haben – eine Frau ist unter ihnen –, einig in der zuversichtlichen Einschätzung einer Kirche, die noch im Werden ist, und eines Glaubens, der im Leben der Menschen seinen Ort eben dort hat, wo ihre Freiheit entspringt.

Die Kirche ist wie die Welt, zu der sie als ein Teil gehört, von einem so enormen Wandel betroffen, dass sich niemand mehr auskennt. Die alte Gestalt der Kirche vergeht, und ihre neue Gestalt lässt sich noch nicht erkennen. Aber es gibt Zeichen, die darauf hindeuten, was als neue Gestalt zu Tage treten wird: die wachsende Bedeutung des Katechumenats, die Suche vieler Erwachsener nach Begleitung und Orientierung in einem Glauben, der für sie neu ist. Eine Kirche im Prozess des Werdens: Um ein solches Werden zu begleiten, ist Offenheit und Nicht-Wissen die angemessene Haltung. Nichts kann die Entfaltung eines jungen Menschen mehr behindern als ein negatives oder auch positives Vorauswissen. Dies gilt auch für eine 2000 Jahre alte Kirche, die im Werden ist.

Glaube ist nicht mehr ein selbstverständliches Erbe in unseren Gesellschaften, aber gerade deswegen fragen Menschen vermehrt nach dem Glauben. Schon ihr Fragen und umso mehr der Glaube, den sie suchen, verdankt sich einem persönlichen, nonkonformistischen Akt, einem Akt der Freiheit. Eben dies macht das von den Bischöfen initiierte Gespräch deutlich: In der Weise, in der Menschen vertrauend, suchend, liebend leben, ist ihre Freiheit engagiert, und Freie sprechen in der ersten Person. Ihre Sprache ist die des Zeugnisses und zugleich die des Vertrauens. Nichts ist so ungeschützt wie der Anfang zu einem Gespräch, einer Beziehung. Damit wagen Menschen ihre Freiheit, sie setzen sie den Freiheiten der anderen aus. Ebenso gewagt ist der Gesprächsanfang der französischen Bischöfe. Daher nennen sie ihren Brief an die Katholiken in Frankreich ausdrücklich „einen Akt des Vertrauens“ (20 [14]).

In diesem Bekenntnis zum Nicht-Wissen, zum Vertrauen und zur Freiheit liegt für nicht wenige Frauen und Männer, die theologisch und pastoral in den unterschiedlichsten Bereichen und Ebenen der katholischen Kirche in Deutschland engagiert sind, die Anziehungskraft der französischen Dokumente und des Gesprächs, das sie in Gang gebracht haben. Wegen seiner Ausstrahlung und der Herausforderungen, die es für eine Ortskirche mit einer ganz anderen Geschichte und institutionellen Stellung mit sich bringt, wurde der Brief bei einem ersten deutsch-französischen ökumenischen Kongress Anfang April 2000 in der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg als „neue missionarische Praxis“ vorgestellt und diskutiert.

„Den Glauben vorschlagen in der heutigen Gesellschaft“ – Leseproben aus dem Brief an die Katholiken in Frankreich

Nichts scheint besser geeignet zu sein, um eine Idee von dem Prozess in Frankreich und seinen Grundlagen zu vermitteln, als eine Reihe von Zitaten aus dem Brief. Sie lassen nicht nur die Themen anklingen, um die es geht, sondern geben auch einen Eindruck von der Haltung, in der das Gespräch zu diesen Themen gesucht wird. Ich folge dabei der durch drei Stichworte zu kennzeichnenden Ordnung des Briefs und gebe am Schluss noch Beispiele für die Fragen, mit denen der Brief seine Funktion, Instrument im Dienst des Gesprächs zu sein, zu erfüllen sucht.

Gesellschaft

„Die elementare Grammatik menschlicher Existenz steht nicht mehr selbstverständlich zur Verfügung … Das gilt besonders in den jungen Generationen. Diese Situation ist mühsam für die Menschen. Sie sind gezwungen, in ihrer eigenen Tiefe Quellen aufzutun, um die schwierigen Situationen, mit denen sie konfrontiert sind, bestehen zu können.“ (26 [24])

„Die Post, die wir auf den [ersten] Bericht zum Vorschlagen des Glaubens erhalten haben, bescheinigt, dass die französischen Katholiken eben dies wünschen und praktizieren: eine Rückkehr zu den Quellen. … Es gibt viele Anzeichen dafür, dass unsere Zeitgenossen auf der Suche nach dem Wesentlichen sind oder zumindest radikale Fragen stellen … Der Dialog mit unseren Zeitgenossen hätte keine Chance, wenn wir nicht unsererseits ebenso radikal wären. Was haben wir also Wesentliches vorzuschlagen?“ (35 [40])

Glauben

„Um so mehr haben wir die Verantwortung zu präzisieren, worin der christliche Glaube besteht, den zu bekennen wir uns entscheiden … darüber hinaus wollen wir zeigen, dass unsere Wege mit denen unserer Mitmenschen konvergieren können, wenn diese auf ihre Weise anerkennen, dass ihr Leben als freie Männer und Frauen Vertrauensakte beinhaltet ….“ (37 [43])

„Wie können wir verstehen, dass der Ewige und All-Mächtige so sehr solidarisch wird mit der menschlichen Schwäche, dass er durch diese Verbindung mit dem Menschen seine eigene Sache aufs Spiel setzt? Und warum sollen wir uns wundern, dass die Menschen, die dieses Geheimnis ahnen, seine Lösung in so vielen Richtungen suchen, die bisweilen dunkel und gefährlich sind? … Zum Glauben gehört dieses Staunen angesichts der verborgenen Gegenwart Gottes im Herzen des Geheimnisses des Menschen.“ (39 [47])

Kirche

„Seit einigen Jahren haben die angetroffenen Schwierigkeiten bei uns zu einer Pastoral der Offenheit und Aufnahmebereitschaft für jene, die um Sakramente bitten, geführt, in der Sorge, mit den Menschen, die diese Bitten vortragen, in ein echtes Gespräch einzutreten und ihre Beweggründe zum Glauben hin zu vertiefen. Wenn man aber bei diesem Ziel keinen ‚Ausverkauf‘ des Geheimnisses des Glaubens will und wenn man umgekehrt auch jene, die etwas erbitten, nicht vor Forderungen stellen will, die sie nicht verstehen würden, dann muss die Pastoral der Offenheit und Aufnahmebereitschaft von einer „Pastoral des Vorschlagens“ begleitet werden. Sie bedeutet, dass die Kirche keine Angst hat, die Initiative zu ergreifen und einzuladen, Christus in den Sakramenten zu begegnen.“ (64 [92])

Fragen

„Gibt es in der Geschichte unseres eigenen Glaubens Ereignisse, die uns zu einer Umkehr oder zu Schritten einer persönlichen Aneignung bewogen haben, welche sind es?“ (36 [41])

„Wir haben unterschiedliche Bilder von Gott. Können wir sie ausdrücken und dem gegenüberstellen, was von der in Jesus Christus geoffenbarten Menschlichkeit Gottes gesagt wurde?“ (44 [56])

„Wie erleben wir die Unterschiedlichkeit des christlichen Lebens in unseren Pfarreien, unseren Bewegungen und Gebetsgruppen? Welche Mittel wählen wir, um der Einheit unserer kirchlichen Gemeinschaften zu dienen?“ (59 [82])

„Den Glauben vorschlagen in der heutigen Gesellschaft“ – theologische Akzente

Missionarische Haltung

Das Leitwort heißt „Vertrauen“ – mitten in einem so grundlegenden Wandel der Gesellschaft, wie er in der ersten Schrift und später im Brief festgestellt wird, keine Selbstverständlichkeit, sondern eine kritische Haltung. Ablehnung oder zumindest Angst angesichts des unbekannten Neuen, Verbitterung über das Vergehen des Bekannten, Sehnsucht nach einer unmöglichen Wiederherstellung des alten Zustands einer Christenheit werden zurückgewiesen. Die verunsichernden Anzeichen für das Neue, das Zerbrechen alter Ordnungen durch Individualisierung und Pluralisierung werden nicht beklagt. In ihnen wird vielmehr eine Chance für den christlichen Glauben begrüßt. Es geht darum, eine Ekklesiologie des Vertrauens zu fördern, bei der Erfahrungen, Erkenntnisvermögen, Suche und Kreativität aller gebraucht werden.

Das ist mit dem „Vorschlagen“ gemeint. Es ist hilfreich, sich die Eigenart dieser missionarischen Haltung dadurch klar zu machen, dass man kurz an die Geschichte erinnert: Nach 1940 ließ sich die Kirche in Frankreich durch die „Katholische Aktion“ zu einer intensiven missionarischen Arbeit anregen, die getragen war von dem Traum einer „Rückeroberung“. Dann kam die Zeit der „verborgenen Anwesenheit“ im Dienst der Mission. Man setzte auf die stille und absichtslose Nähe bei denen, die zu den Ausgeschlossenen einer einseitig am Gewinn orientierten Gesellschaft gehören. Der Gestus des „Vorschlagens“ setzt sowohl den Traum der „Rückeroberung“ als auch die langsame Arbeit der verborgenen Anwesenheit voraus. Sie lädt dazu ein, falsche Alternativen hinter sich zu lassen und einen dritten Weg zu beschreiten.

Vorschlagen impliziert Beziehung. Es bedeutet, so kommentiert der französische Soziologe Jean-Marie Donegani, dass man nicht den Schlüssel zu einem endgültigen Urteil in der Hand hat, sondern dass man den anderen um eine Antwort, eine Bestätigung, bittet. Vorschlagen bedeutet, dass man nicht allein ist, dass man sich als solidarisch mit einem anderen und in der Abhängigkeit von seiner Aufmerksamkeit und seiner Antwort erkennt.

Ziel und Weg einer missionarischen Kirche

Der größte Wunsch der französischen Bischöfe ist es, weitherzig der Freiheit des Glaubens zu dienen, die dem Volk Gottes seinen Elan gibt. Diese Freiheit soll auch unter den neu zum Glauben Kommenden verwurzelt werden. Was damit gemeint ist, zeigt sich beispielsweise darin, wie vom Pluralismus gesprochen wird. „Schließlich haben wir selber einen guten Gebrauch vom religiösen Pluralismus zu machen, der uns in der französischen Gesellschaft nur zugute kommt, weil er den freien Ausdruck des Glaubens erlaubt. Es wird gut sein, wenn wir uns zuerst daran erinnern, dass die christliche Erfahrung, die wir vorschlagen, die des Glaubens ist, der sich an persönliche Freiheiten richtet. In allen Bereichen darf die Erziehung zum christlichen Glauben nicht von der Erziehung zur Freiheit getrennt werden; um sich der Gabe Gottes zu öffnen, ist oft eine Befreiung von dem nötig, was die persönliche Freiheit eines Menschen einengt oder verletzt.“ (30 [31/32])

Der Dienst an der Freiheit als übergeordnetes Ziel bestimmt auch den, der an die Kirche ergeht: Sie ist zuallererst zur Danksagung gerufen, und dann zum Dienst an der Menschheit und zum unterscheidenden Erkennen ihrer kirchlichen Praxis. Eine Kirche, die den Glauben vorschlägt, bildet sich gerade durch die Sensibilität für diese Reihenfolge ihrer Grundfunktionen: Dank und Feier, die befreiende Vergegenwärtigung des Geschenks, haben Priorität.

Für den Weg einer der Freiheit dienenden Kirche können zwei Worte stehen, die zusammengehören und durchgängig in allen Schriften auftauchen: „unterscheidendes Erkennen“ und „Herausforderung“. Die Methode des Unterscheidens meint nichts anderes, als mit größtmöglicher Klarheit die Herausforderungen zu betrachten, die immer einen ambivalenten Charakter haben: Auf der einen Seite sind es Schwierigkeiten, Hindernisse, Widerstände – auf der anderen Seite sind es zugleich Anregungen, Chancen, Entwicklungsmöglichkeiten. Wer angesichts einer spannungsvollen Situation unterscheidendes Erkennen praktiziert, gibt sich nicht damit zufrieden, Positiva und Negativa aufzulisten, Fortschritte und Rückschritte gegeneinander abzuwägen. Vielmehr versucht er, eben das zu beschreiben, was sich entwickelt, was im Wandel begriffen und gerade dabei ist zu entstehen. Eine solche Erkenntnisarbeit gehört in die Mitte christlichen Glaubens.

Optionen einer missionarischen Kirche

Eine grundlegende Option ist das unterscheidende Erkennen der äußeren Situation und auch der eigenen Praxis der Kirche. Bemerkenswert an dieser Option ist, dass sie ausdrücklich selbstkritisch auf das eigene Handeln der Kirche selber angewendet wird.

Die andere Option einer Kirche, die den Glauben vorschlägt, kann mit dem Wort „Erfahrung“ benannt werden. Es geht um den gelebten Glauben. Wie erleben Menschen die Veränderungen in der Gesellschaft, und aus welchen Quellen schöpfen sie, um ihr Leben zu gestalten? Gerade dank dieser Option hat die erste Schrift eine Rezeption erfahren, die keinen Zweifel am Sinn der Initiative der französischen Bischöfe ließ: Viele Menschen unterschiedlichen Alters und in ganz verschiedenen sozialen und religiösen Kontexten haben sich ermutigt gefühlt, ihren Glaubensweg zu erzählen, mit anderen darüber in Austausch zu treten, über Verletzungen durch die Kirche zu sprechen, Verlust und Abkehr, aber auch österliche Erfahrungen von Neuanfang und Auferstehung mitzuteilen, und vor allem immer wieder die Freude auszudrücken, dass ihr Wort von Bischöfen erbeten und erwartet wird.

Eine dritte und in der deutschen Perspektive vielleicht besonders interessante Option heißt: Kirche und Gesellschaft nicht in der Perspektive eines Gegenübers zu sehen. „Die Krise, die die Kirche gegenwärtig durchmacht, hat in großem Maß mit dem Ganzen der schnellen, tief greifenden sozialen und kulturellen Veränderungen zu tun, die weltweite Dimension haben. Sie wirken sich in der Kirche selber und im Leben ihrer Glieder aus.“ (24 [22]) Eine Kirche, die Teil einer sich grundlegend wandelnden Welt ist, hat teil an ihrer Verunsicherung. Claude Dagens drückt ein Lernergebnis der Pastoralbesuche in seiner Diözese Angoulême so aus: „Ich begriff, dass wir Christen die Frage ‚Was wird aus unserer Kirche?‘ nicht von der Frage ‚Was wird aus unserer Gesellschaft?‘ trennen können.“ Das heißt keineswegs, dass die christliche Erfahrung im Herzen vergraben bleiben soll; es heißt aber auch nicht, dass die Kirche das Evangelium als kulturelles Gegenprojekt zu verkünden hat. Vielmehr wird sie die Gute Nachricht, von der sie selber lebt, als eine Kraft der Erneuerung vorschlagen.

Besonders diese beiden Optionen – für einen gelebten Glauben und für eine Kirche, die sich als, vielleicht sogar kleinen, Teil der Welt versteht – haben eine Fortsetzung des ersten deutsch-französischen Gesprächs angeregt.

Anregungen zum zweiten deutsch-französischen Gespräch

Mehr noch als in der französischen Gesellschaft sind Christen im Osten Deutschlands eine Minderheit. Aber ihr Gespräch mit den Zeitgenossen kann ein wichtiger Dienst an der Gesellschaft – und auch an einer noch werdenden Kirche sein. „Getauft sein – das heißt doch: im Gespräch sein“, so verstanden die ostdeutschen Gastgeber in Magdeburg die Gesprächsinitiative der französischen Bischöfe.2 Die Taufe, die Menschen zu Christen macht, bedeutet, dass sie sich nicht verschließen und abschotten, sondern mit anderen Menschen im Gespräch sind oder mit ihnen das Gespräch suchen, wohl wissend, dass dabei gerade ihr Anderssein ins Spiel kommt. In Magdeburg waren dies Unterschiede zwischen Ländern, Regionen und Konfessionen, zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen Ost und West innerhalb Deutschlands und zwischen Menschen, die sich in verschiedenster Weise katholischen oder evangelischen oder überhaupt keinen Kirchen zuordnen. Gespräche können dabei – so zeigte sich in Magdeburg – zu einem wirklichen Dialog werden, zu einem Weg durch das eigene – und das Wort des anderen, bei dem man sich wechselseitig Gastfreundschaft gewährt. Solche Gespräche machen deutlich, dass die französische Gesprächsinitiative, das „Vorschlagen“, nicht nur ein Instrument im Dienst von Glauben und Kirche ist, dass sie vielmehr selber schon ein Akt des Glaubens ist. Menschen vertrauen einander Überzeugungen an, denen immer auch die eigene Schwäche und Begrenztheit anhaften. Menschen betreten den Weg des Wortes mit der Offenheit der Fragenden, in der Hoffnung, dass ihnen der andere entgegenkommt. Wer nach dem gelebten und mitgeteilten Glauben fragt, wird also auch auf die Qualität des Gesprächs selbst und der von ihm geschaffenen Beziehungen verwiesen. Wer nach der Kirche fragt, kann hier eine Bewegung erkennen, die Kirchen aufbaut. Zugleich drängen die Fragen danach, was denn diesen Glauben – was denn diese Kirche definiert, zu einem weiteren Austausch, der in einer pastoraltheologischen Woche in Frankreich (2004) geplant ist.


Fußnoten:


  1. Für deutsche Zitate aus dem Brief an die Katholiken in Frankreich beziehe ich mich auf die Übersetzung in Sprechende Hoffnung – werdende Kirche; dazu gebe ich in eckigen Klammern die Seiten im Originaltext an. 

  2. Vom deutsch-französischen ökumenischen Kongress in Magdeburg ist im Schwabenverlag eine Veröffentlichung herausgekommen: „Freude an Unterschieden – Kirchen in Bewegung“ (Ostfildern 2002).