Moldau – Vltava.

Strom im Herzen Böhmens
aus OWEP 3/2004  •  von Miroslav Kunštát

Dr. Miroslav Kunštát ist Dozent am Institut für Internationale Studien der Karls-Universität Prag.

Die Moldau (tschechisch Vltava) entspringt in zwei Quellflüssen (warme und kalte Moldau) im bayerisch-tschechischen Grenzgebiet des Böhmerwaldes und durchfließt mit einer Gesamtlänge von 440 km das böhmische Kernland. Wichtige Städte sind Prag, Budweis (České Budějovice) und Krummau (Český Krumlov). Wichtige Nebenflüsse sind: Malše (Maltsch), Lužnice (Lainsitz), Otava (Wottawa), Sázava (Sazawa) und Berounka (Beraun). Bei Mělník mündet die Moldau in die Elbe.

I.

Der Weg des Flusses zum Meer wird oftmals zu Recht mit dem Fluss des menschlichen Lebens verglichen, mit der Wanderung der unsterblichen menschlichen Seele zu ihrer Erfüllung in Gott.

Bezogen auf die schicksalhafte Gemeinschaft eines Volkes (bzw. von Völkern) gilt dieser Vergleich besonders dort, wo der Wasserlauf des Flusses mit seinem Herkunftsgebiet und mit Schlüsselereignissen seiner Geschichte identifiziert werden kann. Für die Bewohner der böhmischen Länder stellte die Moldau von jeher eine Art räumliches und geschichtliches Rückgrat dar, das imaginär die europäische Mitte integrierte, ihr im übertragenen Sinne das „lebensnotwendige Nass“ gab. Die Moldau wurde zum Archetypus einer mächtigen Naturgewalt, die sich erst hinter dem Horizont der alltäglichen Erfahrung in ein unendliches Meer verwandelt. Erst hinter diesem Horizont traten der Sinn und das Ziel zutage, die auf den ruhigen Ebenen und dem böhmischen Plateau nicht erkennbar waren.

Die Beziehung der Tschechen zur Moldau wird beim Hören von vertrauten Melodien aus Smetanas gleichnamiger symphonischer Dichtung erkennbar: von den bescheidenen Bächlein im Böhmerwald über Jagdszenen und Dorffeste bis hin zum Echo eines hussitischen Chorals bzw. zum seit jeher sagenumwobenen Vyšehrad. Hinter der beinahe aufoktroyierten, ja sogar banalen Auslegung von Smetanas Musik verbirgt sich jedoch viel mehr: Es ist die mehrdeutige Parabel von Fluss und Lebensweg, der weder Anfang noch Ende hat, eines Weges, der weder Sieger noch Besiegte kennt.

Neue Staudämme und Wasserkraftwerke haben zwar auf den ersten Blick diesen entfesselten und besonders im Frühjahr gefährlichen Fluss bezwungen, doch neue und unerwartete Probleme geschaffen. Die große Überschwemmung im August 2002 hat dem menschlichen Hochmut zu glauben, die Erde zu „besitzen“, ihre Grenzen aufgezeigt. Aufmerksame Beobachter dramatischer Veränderungen beim Wasserhaushalt in Europa hatten die Überschwemmung bereits seit längerem erwartet, in Böhmen – und ganz besonders bei der Moldau. „Der Fluss merkt sich seinen Verlauf … Er wird in seine alten Flussbette zurückkehren ohne Rücksicht auf menschliche Bedürfnisse und Bauten“ (Václav Cílek). Erst nach der großen Flut wurde den Menschen wieder bewusst, warum der Stadtkern alter Dörfer und Städte 8-10 Meter über der durchschnittlichen Wasseroberfläche lag und warum die Ingenieure am Ende des 19. Jahrhunderts die Schotterschicht unter den Eisenbahnschienen zumindest um 1-2 Meter über dem höchsten Pegelstand der letzten Überschwemmung bauten. Sie hatten die letzte Flut nämlich noch miterlebt … und so fuhr die Eisenbahn im Sommer 2002 auch dort an der Moldau entlang, wo andere Verkehrsmittel versagten! Das Gedächtnis eines Flusses oder einer Landschaft lässt sich mit dem von Menschen nicht vergleichen – das Gedächtnis eines Flusses oder einer Landschaft verfügt immer über wirksame Mechanismen gegen das Vergessen. Und das nicht nur bei den Themen, die mit dem Wasserhaushalt und mit Jahrhundertfluten zusammenhängen.

Zwischen dem Gedächtnis einer Landschaft und dem menschlichen Erinnerungsvermögen stellen die Bezeichnungen für Flüsse, Bäche, Gebirge und menschliche Siedlungen eine Verbindung, eine Art Brücke dar (an den Quellen der Moldau zum Beispiel Goldgrubenbach, etwas weiter zum Beispiel Vyšší Brod (Hohenfurt) oder Zlatá Koruna (Goldenkron). Diese Brücken sollte man jedoch nicht nur mit dem Finger auf der Landkarte überqueren oder es beim Lesen von Fachliteratur belassen. Nein, entlang der Moldau sollte man lange Strecken zu Fuß gehen, auf breiten Wegen gezwungen sein umzukehren, da sie unerwartet in einem Stausee enden, und nach anstrengenden Umwegen wieder auf sie stoßen. Die Moldau (zumindest die obere Moldau, d. h. von Eleonorenheim bis Goldenkron) sollte man mit dem Kanu, dem Kajak oder auf einem anderen Sportboot hinunterfahren. Aber auch auf diese Weise hat man sie nicht „im Griff“. Immer lauert eine heimtückische Stromschnelle, Serpentine oder ein Wasserwirbel.

Seit den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts ist die Moldau auch für größere Schiffe nutzbar. Waren es anfangs Dampfer, so sind es heutzutage vor allem Motorboote. Von ihrem Deck aus kann man nicht nur die ungewöhnliche und oftmals raffiniert versteckte Schönheit der Städtchen an der Moldau beobachten, sondern auch Spuren verschollener Pfade sowie Anknüpfungspunkte zu lokalen Gegebenheiten entdecken, die im letzten Jahrhundert infolge der Überflutung beim Bau von Talsperren verschwunden sind und deren Existenz sich lediglich anhand alter Landkarten nachweisen lässt.

II.

Der Weg entlang der Moldau ist eine aufregende Exkursion in die Vergangenheit und zugleich ein stiller meditativer Pfad. Bereits unweit ihres Ursprungs verbindet der Schwarzenberg-Kanal, der 1824 in Betrieb genommen wurde, die Moldau mit der Donau und damit auch Nord-, Mittel- und Südeuropa miteinander. Der Hauptzweck dieses Kanals bestand jedoch in der Lieferung von qualitativ hochwertigem Scheitholz aus dem Böhmerwald nach Wien. Sogar in diesen entlegenen menschenleeren Orten erinnert uns die Moldau auf diese Weise an die wirtschaftliche und geistige Ganzheit Europas. Als dieser Kanal nach 1989 erneut zugänglich gemacht wurde – wenn auch nur zum Teil und lediglich als Erinnerung an eine bemerkenswerte Technik –, eröffnete sich gleichzeitig auch die Perspektive auf ein geeintes demokratisches Europa.

Die „warme Moldau“ versorgt unweit ihrer Quellen auch das letzte Naturreservat mit Wasser – den melancholischen und fast immer dunklen Urwald Boubín. Baumstümpfe abgestorbener Buchen- und Ahornbäume deuten hier das ursprüngliche Aussehen des Böhmerwaldes an, in dem erst seit dem 19. Jahrhundert hauptsächlich eine Fichten-Monokultur vorherrschte, zum Schaden für Mensch und Natur. Übrigens hat diese Monokultur eine Borkenkäferepidemie, die sich nach 1870 auf weite Teile des Landstrichs ausbreitete, erheblich begünstigt; eine „ökologische Katastrophe“, die den Böhmerwald im vorletzten Jahrhundert befiel und die der aus dieser Gegend stammende, in deutscher und tschechischer Sprache schreibende Schriftsteller Karel Klostermann (1848-1923) in seinem Roman „Im Böhmerwaldparadies“ eindringlich schilderte.

Die wilde Romantik der oberen Moldau und des düsteren tief gelegenen Torfmoors „Mrtvý luh“ (Tote Aue) gehen bei Nová Pec in das „südböhmische Meer“, den Lipno-Stausee, über. Auch hier hat die Öffnung der Grenzen im Jahre 1989 das Potenzial an Erholungssuchenden um ein Vielfaches erhöht, insbesondere aber einer breiten Öffentlichkeit das rechte Ufer des Lipno-Stausees an der österreichischen Grenze zugänglich gemacht. Dies gilt ebenso für die mittelalterliche Burg Vítkuv kámen und die altertümliche Kirche in der nahezu vollständig zerstörten Siedlung Zvonková.

Einige Kilometer vom neuen Staudamm entfernt befinden wir uns in der „Felsenhölle“, wo in der Vergangenheit die menschliche Einbildungskraft den Namen des Teufels mit der „Teufelskanzel“ (Čertova kazatelna), dem „Teufelsstrom“ (Čertovy proudy) und vor allem mit der „Teufelswand“ (Čertova stěna) verband. Der Teufel spielt den Helden in Smetanas letzter Oper, der „Teufelswand“, übel mit, die der zu diesem Zeitpunkt bereits taube Komponist im Jahre 1882 vollendete. Ihre etwas unübersichtliche Handlung spielt sich zwischen den hiesigen Gebirgspässen ab, dem unweit gelegenen Kloster Vyšší Brod (Hohenfurt) und der Burg Rožmberk (Rosenberg). Am Ende der Oper werden alle bösen Geister der Unterwelt in eben jene Teufelswand getrieben – und deren Felsblöcke haben daraufhin das Flussbett der Moldau verschüttet.

Mit dem südböhmischen Geschlecht derer zu Rožmberk (von Rosenberg) sind auch zwei weitere bedeutende Orte an der Moldau verbunden – das Städtchen und die Burg Rožmberk sowie Český Krumlov (Krummau). Während Rožmberk vor allem in den Sommermonaten sehr frequentiert wird (die hiesigen Silberminen wurden längst geschlossen), wenn Wassersportler um die Burg herumpaddeln, wurde aus Český Krumlov die nach Prag zweitgrößte Touristenattraktion in der Tschechischen Republik. Dieses „Klein-Prag“ ist stolz auf eine einzigartig erhaltene städtische Kulisse, als da sind ein Schloss im Renaissance-Barock-Stil mit 300 Zimmern auf einem Felsen hoch über der Stadt, die Stadtkirche St. Veit, ein Franziskaner-Kloster, gut erhaltene mittelalterliche Häuser und Straßen, das Egon-Schiele-Zentrum und vieles andere mehr. Ein mannigfaltiges kulturelles Angebot lockt viele Besucher an.

Von Český Krumlov aus führt die Moldau in Richtung eines weiteren Klosters, dem ehemaligen Zisterzienserkloster Zlatá Koruna (Goldenkron). Dieses Kloster wurde im Gegensatz zum Kloster Hohenfurt vom „eisernen und goldenen“ König Ottakar II. gegründet, der es dort im Jahre 1263 nach der siegreichen Schlacht bei Kressenbrunn errichten ließ. Unterhalb des Klosters wird das Moldautal wird immer breiter, die Strömung immer langsamer – in der Budweiser Tiefebene betritt die Moldau schließlich das Gebiet der seit dem Mittelalter berühmten Königsstadt České Budějovice (Budweis).

Durch Budweiser Wiesen und Sümpfe gleitet die Moldau zum Wildpark und zur Burg Hluboká (Frauenberg) dahin. Diese ursprünglich gotische Burg wurde mehrere Male umgebaut, zuletzt in den Jahren 1839-1871 auf Anweisung von Eleonore von Schwarzenberg – im Stil der englischen Tudor-Gotik. Das Schloss Hluboká ist das meistbesuchte Schloss in Böhmen, und so verwundert es nicht, dass sich die Moldau, die sich nach Waldesstille und Ruhe sehnt, nicht lange in der Nähe des Schlosses aufhält. Bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts strömten ihre Wasser durch die romantischen „Červenské proudy“, ein romantisches Tal, das heute nur noch auf Fotografien oder auf Zelluloidstreifen festgehalten ist oder in der Erinnerung von Zeitgenossen existiert. Der Bau der Talsperre bei Orlík schuf ein gigantisches Wasserreservoir, dessen Oberfläche bis zu den Fundamenten der altertümlichen Burg Zvíkov (Klingenberg) reicht, die von König Václav I. in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts erbaut wurde, genauso wie das Schloss Orlík der Herren zu Schwarzenberg. Der Staudamm bei Orlík ist eines der größten Wasserbauwerke, das die einst wilde und romantische Moldau nach und nach in den Jahren zwischen 1930 und 1960 des letzten Jahrhunderts gezähmt hat.

Die ehemalige Anmut und die touristischen Ziele verschwanden, neue sind schnell entstanden. Dies gilt vor allem für den Staudamm Slapy und für die unweit gelegenen Kurorte Živohoštˇ und Nová Rabyně, die zu wichtigsten Erholungsgebieten für Prags Einwohner wurden. Nur noch beim Anblick der sogenannten Svatojanské proudy kann man die vergangene Schönheit der Moldauufer erkennen.

Wenn wir ins Wasser der Svatojanské proudy steigen, dann entdecken wir auch die Sandfelssäule des Abts Kryšpín Fuk, der bereits im 17. Jahrhundert versuchte, die Moldau schiffbar zu machen, und wir entdecken ebenfalls den Patron dieser Ströme und Flößer, den Heiligen Johannes von Nepomuk. Bei Brunšov und Štěchovic fließt die Moldau an der Westgrenze eines ausgedehnten Gebietes entlang, aus dem die deutschen Besatzer die Menschen aus Dutzenden von Dörfern, ja sogar aus der Kreisstadt Neveklov aussiedelten. Dies war einer der ersten Menschentransporte, ein Beispiel, auf das zahlreiche während und nach dem Zweiten Weltkrieg folgen sollten. Auf dem dortigen Truppenübungsplatz wurde gegen Ende des Krieges das Archiv der Prager Gestapo vergraben, das von den Amerikanern im Herbst 1945 gefunden und abtransportiert wurde – und mit ihm auch der mutmaßliche „Schatz“ aus arisiertem jüdischem Vermögen. Seit 1989 sucht hier der Deutsche Helmut Gaensel vergeblich danach. Im Jahr 2004 will er sogar für das Europäische Parlament kandidieren.

III.

Unweit von Prag wird auch aus der Moldau ein europäischer Fluss. Im 14. Jahrhundert wurde Prag zum ersten Mal zum Mittelpunkt des mittelalterlichen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation; über die Stege und die steinerne Brücke dieser Stadt gingen Studenten aus vier Völkern, die an der damals neu gegründeten Alma mater den „Tisch der Erkenntnis und der Wissenschaft“ reich gedeckt vorfanden.

Die Geschichte Europas spiegelt sich in der Geschichte Prags wie in einem Kaleidoskop wider. Der Heilige Wenzel und der Heilige Adalbert, Karl IV. und Rudolf II., Jan Hus und der Heilige Johannes von Nepomuk, Wolfgang Amadeus Mozart und Bedřich Smetana, Franz Kafka und Václav Havel – diese bedeutenden hiesigen Persönlichkeiten – zufällig ausgewählt und einander gegenübergestellt – dienen als Beweis für den Gegensatz und die Komplementarität dieser Stadt, sie weisen auf die europäische Dimension der böhmischen bzw. tschechischen Geschichte hin. Einer ihrer stummen Zeugen war die Moldau – in ihren Gewässern endete das Leben unzähliger verzweifelter Menschen, aber auch böhmischer Heiliger. Über ihren Wassern strahlten die Sterne zum Ruhme derer, die für alle Zeiten zum Schweigen gebracht wurden und in Vergessenheit gerieten. Aber so ist es nicht doch nicht gekommen.

Die Moldau verlässt ihr Prag in einem eleganten Bogen. Bei Holešovice fließt der Fluss am „Levý Hradec“ vorbei, wo im 10. Jahrhundert die reichsten Männer, „Magnaten“ ihrer Zeit, den ersten böhmischen Europäer, den Heiligen Adalbert, zu ihrem Bischof wählten, der 997 am Ostseestrand als Märtyrer starb. Die Moldau fließt auch an der altertümlichen Siedlung Budeč vorbei, wo nach alter Tradition der böhmische Fürst und Heilige Wenzel, in der Heiligen Schrift unterrichtet wurde. Auch er starb einen gewaltsamen Tod.

Der Weg der Moldau in die Gewässer der Elbe endet unterhalb der Terrassenhänge des ehemaligen Städtchens Mělnik, das als Mitgift böhmischer Königinnen diente. Karl IV. ließ hier Weinstöcke aus Burgund anbauen, und bis heute wird hier Wein mehr oder weniger erfolgreich angebaut.

In Mělník verliert die Moldau ihren Namen; zu Unrecht allerdings, wie manche meinen, denn die Länge des Flusses von ihren Quellen bis nach Mělník übertrifft die Länge der Elbe. Stellen wir uns nur einmal Dresden als „Moldau-Florenz“ vor! Die Reaktion der selbstbewussten Hanseaten möchte ich bei dem Gedanken lieber nicht sehen! Aber dennoch, ja vielleicht sogar trotz alledem: es ist die Moldau, die bei Hamburg ins Meer fließt.

Auch unsere Wege finden schließlich ihr Ziel, wenn auch oft in einem gemieteten Schlauchboot, aber niemals in Verkleidung …

Aus dem Tschechischen übersetzt von Renata Sink.