Das Konzept der „Kiewer Kirche“ – ein Weg zur Annäherung der Konfessionen in der Ukraine

aus OWEP 3/2009  •  von Antoine Arjakovsky

Der Autor ist der Direktor des Instituts für Ökumenische Studien an der Ukrainischen Katholischen Universität in Lwiw.

Bei vorliegendem Text handelt es sich um die gekürzte Fassung eines Beitrags, der im Herbst 2009 in französischer Sprache veröffentlicht wurde.

Man kann die Ukraine als strategischen Ort für die künftige Einheit der Kirchen bezeichnen, und dies gilt sowohl für die Beziehungen zwischen den verschiedenen orthodoxen Kirchen als auch in einem noch allgemeineren Sinn im Hinblick auf die Verwirklichung der Einheit zwischen den katholischen und den orthodoxen Christen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die griechisch-katholische Kirche: Trotz ihres schwierigen Weges zwischen den Traditionen könnte die Beziehung dieser Kirche zur katholischen und zu den orthodoxen Kirchen für die gesamte christliche Welt beispielhaft werden.

Während des Jahres 2008 gaben die Kardinäle Kasper, Bertone und Sandri mehrere wichtige Erklärungen zur ökumenischen Bedeutung der Ukraine ab.1 Ein weiteres eindrucksvolles Zeichen war die Konzelebration von Patriarch Bartholomäus I. und Patriarch Alexij II. im Juli 2008 in Kiew. Schließlich fand im September 2008 in der ukrainischen Hauptstadt ein Kolloquium von Historikern über die „Kiewer Kirche“ statt, an dem Repräsentanten der drei orthodoxen Kirchen2 und der beiden katholischen Kirchen, die in der Ukraine bestehen (der römisch-katholischen und der griechisch-katholischen) teilnahmen. Die Vertreter dieser Kirchen sind darin überein gekommen, dass das Modell einer „Kiewer Kirche“ einen Weg der Versöhnung zwischen den Kirchen in der Ukraine und darüber hinaus darstellen könnte.

Lubomyr Kardinal Husar, Großerzbischof der griechisch-katholischen ukrainischen Kirche, hat im Zusammenhang mit der Verlegung seines Amtssitzes nach Kiew (2005) einen Text mit dem Titel „Ein Volk Gottes auf dem Land der Hügel von Kiew“ veröffentlicht, worin er die endzeitliche Dimension dieses ekklesiologischen Modells dargelegt hat. Darin zitiert er bemerkenswerterweise die legendäre Ankunft des Apostels Andreas an den Ufern des Dnjepr in der „Nestorchronik“ (11./12. Jahrhundert). Der Apostel hat, so die Chronik, folgende Worte über die Entstehung der Stadt Kiew gesprochen: „Über diesen Hügeln wird der Glanz Gottes leuchten.“ Damit wird die Stadt Kiew gleichermaßen zu einem Abbild des himmlischen Jerusalem, woraus sich durchaus der Anspruch auf eine besondere kirchengeschichtliche Rolle der Ukraine ableiten lässt.

Dieser berühmte Text wird übrigens von allen Kirchen, die sich als Erbe der einen einzigen Kirche von Kiew verstehen, herangezogen und immer wieder zitiert. Erwähnt seien die Worte von Archimandrit Kyrill Hovorun, des Beauftragten der Ukrainischen Orthodoxen Kirche (Patriarchat von Moskau, UOKPM) für die internationalen Beziehungen: „In Kiew als einer heiligen Stadt … sollten sich die Anstrengungen aller Anhänger des christlichen Glaubens, egal ob sie sich auf Moskau, Konstantinopel oder Rom berufen, bündeln, um einen gemeinsamen konfessionellen Weg zu finden.“3

Die Wiederentdeckung der Gründe für die Teilung der Kirche von Kiew und ihre Wege zu einer Versöhnung

Ein Blick in die Geschichte lehrt, dass sich aus dem Sitz der Metropolie von Kiew im 14. und 15. Jahrhundert zwei legitime Kirchen herausgebildet haben. Es entstand eine Kirche von Kiew-Halyć (unter polnischer Vorherrschaft, nach den Bestimmungen des Konzils von Florenz in doppelter Kommuniongemeinschaft mit Konstantinopel und Rom; 1596 Union von Brest) und eine von Kiew-Moskau (mit dem Wunsch zur Bewahrung der apostolisch begründeten Verbindung mit Rom und Konstantinopel). Beide stehen am Beginn der russischen und der ukrainischen Nation. Quellen und Literatur darüber gibt es reichlich; die Quellen sind jedoch schwer zugänglich, oft nur fragmentarisch erhalten und zum Teil widersprüchlich.

Historisch gesehen hat die Kirche von Kiew-Halyć als die einzige orthodoxe Kirche das Konzil von Florenz (1439) nicht verworfen; auch in Kiew selbst hielt man noch lange an der Idee einer Einigung mit der römischen Kirche fest. So sandte die orthodoxe Metropolie Kiew im Jahre 1644 ein Memorandum nach Rom mit Bitte um eine Wiedervereinigung der Kirchen – die Bitte blieb jedoch unbeantwortet. Seither entwickelten sich die Kirchen immer weiter auseinander.

Seit sich die Ukraine von Russland getrennt hat und der Europäischen Union annähert, ist der Führungsanspruch des Moskauer Patriarchats über die orthodoxe Welt bei den ukrainischen orthodoxen Christen in die Kritik geraten. Allerdings ändert das nichts daran, dass Moskau weiterhin als „drittes Rom“ anerkannt wird. Die griechisch-katholisch ukrainische Kirche, die mehr als fünf Millionen Gläubige umfasst und lange Zeit als ein Stachel in den ökumenischen Beziehungen betrachtet wurde, hat inzwischen auch in orthodoxer Sicht eine interessante Entwicklung genommen. Über die Bedeutung der Union von Brest (1596) haben in den letzten Jahren zahlreiche Konferenzen stattgefunden. Besonders hingewiesen sei auf die Konferenz von Velehrad (2007), die auf eine hundertjährige Tradition zurückblicken kann, denn bereits 1907 trafen sich dort erstmals Vertreter der römisch-katholischen und der griechisch-katholischen Kirche wie auch orthodoxe Theologen zum Gespräch auf der Basis der gemeinsamen Wurzeln in der Tradition der heiligen Brüder Kyrill und Method. In den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts bildeten die Kongresse von Velehrad das größte ökumenische Forum in Mittel- und Osteuropa.

Im Anschluss an die Konferenz von 2007 haben die anwesenden römisch-katholischen, griechisch-katholischen und orthodoxen Repräsentanten (die meisten von ihnen kamen aus der Ukraine) folgenden Text4 angenommen, der für den neuen Geist der Versöhnung aus der Praxis heraus spricht. Er sei in Auszügen zitiert:

„Im Geist der Gründer der Bewegung von Velehrad und angesichts der notwendigen Einheit der westlichen und östlichen Kirchen, die sich wesenhaft gründen auf dem untrennbaren Leib Christi, appellieren wir an die Christen Europas der verschiedenen Traditionen:

  • das wechselhafte Zeugnis mit Respekt und Solidarität anzuerkennen und nicht zu gestatten, dass es Äußerungen und Veröffentlichungen gibt, die zu gegenseitigen Verletzungen führen …,
  • den Geist in der Tradition der Heiligen Kyrill und Method im Sinne der Gemeinschaft der Katholiken und Orthodoxen anzuregen …,
  • verschiedene Projekte sozialer und karitativer Art zu organisieren, die sich der Unterstützung gesellschaftlich benachteiligter Menschen wie zum Beispiel der Immigranten und Kranken widmen; …
  • eine angemessene Haltung im Blick auf die besonderen pastoralen Bedürfnisse von Mischehen herzustellen, damit die betroffenen Christen voll am Leben der Kirche teilnehmen können;
  • Respekt im Blick auf die Würde der Person und den Wert des menschlichen Lebens in all seinen Stufen zu entwickeln, von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod;
  • im Blick auf die Neuevangelisation Europas an allen entsprechenden gemeinschaftlichen Aktionen teilzunehmen, wobei besonders auf eine Teilnahme der Jugend an geistlichen Konferenzen und Gebetsvereinigungen hingewirkt werden soll;
  • jede Art von wechselseitigem Proselytismus zu vermeiden, der die Gläubigen eher verwirrt, und statt dessen für vertiefte Kenntnis der gegenseitigen Traditionen zu sorgen …“

Bleibende Verletzungen

Die zeitgenössische Ekklesiologie, die sich auf das Zweite Vatikanische Konzil und die Siebte Vollversammlung des Ökumenischen Rates in Canberra 1991 beruft, ist durch den Begriff der Koinonia (Communio, Gemeinschaft) geprägt. Trotz der Verschiedenheiten der Kirchen soll der wesentliche Schritt in Richtung einer Einheit durch das Wirken des Heiligen Geistes erfolgen. So bewegt man sich in der christlichen Welt langsam weg von einer strikt institutionellen, soziologischen und politischen Vorstellung der Kirche in Richtung einer Gemeinschaft der Taufe, Eucharistie und Pastoral.

Allerdings sind die Folgen politischer Einwirkung auf die Kirche weiterhin schmerzhaft. Die damit verbundene Frage des „kanonischen Territoriums“, auf dem nur eine Kirche ein Existenzrecht hat, bleibt ambivalent. Stalin befahl 1944, die griechisch-katholische Kirche in der UdSSR aus diesem Grunde zu vernichten (Pseudo-Synode von Lwiw, März 1946). Die Wiedererrichtung dieser Kirche mit drei Diözesen zwischen 1990 und 1993 wurde nichtsdestotrotz von der UOKPM als Affront betrachtet, was bis heute die gegenseitigen Beziehungen belastet. Darüber hinaus bildet die Frage des „kanonischen Territoriums“ auch einen Streitpunkt innerhalb der orthodoxen Kirchen der Ukraine, wobei bei den Abgrenzungsversuchen historische Argumente mit herangezogen werden.

Ansätze gemeinsamen Handelns im säkularen Umfeld

Auch wenn es die Kirchenoberen oft nicht wahrhaben wollen: Ihre Vorstellung von Bedeutung und Einfluss der ukrainischen Kirchen entspricht nicht der Wirklichkeit. Die Religiosität in der Ukraine äußert sich de facto in einer extremen Schwäche christlicher Praxis. So haben nach einem Bericht der Presseagentur RISU nur ein Prozent der Einwohner von Kiew, ca. 33.000 Personen, 2006 die Weihnachtsgottesdienste besucht.5 Mit Geoffrey Wills, dem Vizerektor der Ukrainischen Katholischen Universität der Ukraine, muss man festhalten, dass die Ukraine eher ein Land christlicher Tradition als ein Land christlicher Lebenspraxis darstellt.

Eine Chiffre dafür, wie weit und in welchem Ausmaß die Traumatisierung in der ukrainischen Gesellschaft reicht, ist die Zahl der Abtreibungen: Jedes Jahr finden nach statistischen Angaben des ukrainischen Gesundheitsministeriums ca. 260.000 Abtreibungen statt, und das bei einer Bevölkerung von etwa 47 Millionen Menschen. Da die Dunkelziffer vermutlich doppelt so hoch liegt, kann man von einer schweren demografischen Krise sprechen. Verschärft wird die Situation durch die Emigration vieler junger, gut ausgebildeter Menschen, sodass das Land regelrecht ausblutet.6 Gleichzeitig entstehen große Diasporagemeinden in Westeuropa, womit sich die religiöse Landkarte Europas verändert und man immer weniger von einer klaren Trennung von orthodoxen und katholischen Einheiten sprechen kann. Schließlich verändern sich die religiösen Strukturen auch in der Ukraine selbst. Die Politik der Russifizierung in Wolhynien, die vor einem Jahrhundert begann, hat diese in der Westukraine gelegene Landschaft zu einer Bastion der Orthodoxie gemacht. Umgekehrt hat die Deportation von unierten Christen in die Region von Donezk unter Stalin dazu geführt, dass in dieser östlichen Region der Ukraine über 600.000 Gläubige der griechisch-katholischen Kirche leben.

Die Ukraine zeigt sich als religiös vielfältig, jedoch auch gespaltenes Land. Dennoch besteht kein Grund zur Resignation. Die „orangene Revolution“ hat gezeigt, dass die Mehrheit der Ukrainer den Wunsch haben, sich in der einen „Kiewer Kirche“ wieder zu vereinigen, die ihrerseits mit den „drei Rom“ in Gemeinschaft sein sollte. Selbst in den Gegenden, in denen die UOKPM dominiert, stimmten bis zu 85 Prozent der Bevölkerung für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten. Gemeinsam erinnerte man 2005 an die Opfer des Holodomor, der durch das sowjetische Regime in den dreißiger Jahren ausgelösten Hungerkatastrophe in der Ukraine.

Natürlich gibt es Rückschläge, sowohl im Kleinen als auch im Großen. Dennoch ist die Annäherung zwischen den katholischen und orthodoxen Christen inzwischen etwas ganz Alltägliches. Ebenso nehmen die Fälle einer Konzelebration zwischen Geistlichen der orthodoxen autokephalen Kirchen und des Patriarchats von Kiew zu; einige Bischöfe der UOKPM haben sogar den Wunsch nach Autokephalie, also Selbstständigkeit von Moskau, geäußert.

Schließlich führen die Arbeiten der verschiedenen ökumenischen Institutionen (etwa der Katholischen Universität der Ukraine mit dem im Juni 2005 gegründeten Institut für Ökumenische Studien) dazu, die Kenntnis über die verschiedenen theologischen Traditionen zu vertiefen und damit eine Annäherung zwischen den Fachleuten zu verstärken. 2005 wurde außerdem eine Ukrainische Christliche Universitätsgesellschaft vom Institut für Ökumenische Studien in Lwiw und vom St. Clemens-Zentrum in Kiew gegründet. Diese Gesellschaft steht weltweit allen offen, die sich für die ukrainische ekklesiologische Frage und damit für das Thema „Kiewer Kirche“ interessieren.

Aus dem Französischen übersetzt von Christof Dahm.


Fußnoten:


  1. www.risu.org.ua 

  2. Vgl. auch Nikolaus Wyrwoll: Drei orthodoxe Kirchen in der Ukraine. In: OST-WEST. Europäische Perspektiven 2 (2001), H. 2, S. 107-118 (der gedruckten Ausgabe). 

  3. Kyrill Hovorun: Pomisna Tserkva ta Kiivska ideja. In: Materialien des Kolloquiums über die Geschichte der Kiewer Kirche, September 2008 (unveröffentlicht). 

  4. Französischer Text unter www.ucu.edu.ua/fr 

  5. In der überwiegend griechisch-katholischen Westukraine waren die Zahlen allerdings wesentlich höher, in manchen Orten über 30 Prozent. 

  6. Vgl. dazu Andrij Waskowycz: Armut in der Ukraine. In: OST-WEST. Europäische Perspektiven 7 (2006), H. 2, S. 102-107 (der gedruckten Ausgabe).