Yefim Shmidow und Elena Kirsnouskaya: Das Schicksal zweier Tschernobyl-Liquidatoren (Porträts)

aus OWEP 3/2010  •  von OWEP-Redaktion

Die folgenden Berichte sind leicht überarbeitete und gekürzte Fassungen von Interviews, die Mitarbeiter der Internationalen Bildungs- und Begegnungsstätte „Johannes Rau“ in Minsk“ 2009/2010 mit Personen geführt haben, die 1986 bei den Aufräumarbeiten nach der Katastrophe von Tschernobyl beteiligt waren. Diese werden als „Liquidatoren“ bezeichnet; vgl. dazu auch oben S. 185. Auf ihr Schicksal soll in den nächsten Jahren in Ausstellungen und Veröffentlichungen hingewiesen werden. Die OWEP-Redaktion dankt Dr. Astrid Sahm für die Möglichkeit, die Texte vorab abzudrucken, deren Veröffentlichung in einer größeren Publikation 2011 vorgesehen ist. Die älteren Fotografien aus den achtziger Jahren stammen aus dem Besitz der vorgestellten Personen und werden durch Fotos ergänzt, die Rüdiger Lubricht im Frühjahr 2010 angefertigt hat.

Yefim Shmidow1

Ende April 1986 war ich mit meiner Brigade auf Dienstreise in der Stadt Kalinkowitschi. Wir haben die Kühlausstattung in einer neuen Mehrzwecklagerhalle montiert. Am Freitag, am Wochenende, wollten wir nach Hause, nach Gomel fahren. Unser Objekt befand sich nicht weit vom Bahnhof, deshalb brauchten wir uns nicht zu beeilen. Plötzlich kam der „Wolga“ unseres staatlichen Unternehmens herangefahren. Aus dem Wagen stieg der Bauleiter und teilte uns mit, dass sich im AKW Tschernobyl ein Störfall ereignet hatte. Der Direktor schickte ihn, um uns auszurichten, dass wir uns in Gruppen teilen und nach Bragin und Narowlja fahren sollten, um Kühlanlagen mit Ammoniak der Verbrauchergenossenschaft in Ordnung zu halten, denn es wurde geplant, alle Bewohner dieser betroffenen Landkreise auszusiedeln.

So kam ich mit meinem Schweißer nach Narowlja. Wir wurden im Hotel in einem Doppelzimmer untergebracht, obwohl es voll belegt war. Es wurde neue Kühlausstattung geliefert, und wir haben zu zweit 10-12 Stunden täglich an ihrer Montage gearbeitet. Die Stadt Narowlja liegt am Ufer des Pripjat, die Landschaft dort ist wunderschön, aber wegen der Radioaktivität durften wir nicht ins Wasser, obwohl das Wetter heiß war. Wir haben dort ein paar Monate gearbeitet, Kühlanlagen auf Vordermann gebracht. Unsere Chefs in Gomel waren mit der Arbeit zufrieden.

Nach der Arbeit in Narowlja wurde ich mit meinem Kollegen nach Bragin geschickt. Die Kühlanlage in Bragin war verwahrlost, deshalb arbeiteten dort noch einige Kollegen mit. Es gab keine Probleme mit Unterbringung und Ernährung, denn wir arbeiteten bei der Verbrauchergenossenschaft – wie man so sagt, eine Hand wäscht die andere. In Bragin ging es uns gesundheitlich schlechter, wir hatten ständig Kopfschmerzen. Es wurde uns empfohlen, Wodka mit Jod zu trinken. Davon wurde uns nicht besser. Ich habe auf das Trinken verzichtet, aber die anderen Kumpel nahmen täglich diesen Drink ein. Wir hatten einen Dienstwagen zur Verfügung, am Wochenende fuhren wir nach Hause nach Gomel. In den Dekontaminationspunkten wurden wir kontrolliert, ich hatte immer die größte Belastung im Vergleich zu den Trinkenden, aber weigerte mich, mitzutrinken.

Dann wurde ich mit meinem Kumpel nach Tschetschersk geschickt. Das Hotel war von Dienstreisenden belegt, wir wurden im Arbeiterwohnheim untergebracht. In einem der Räume wurde das Messlabor eingerichtet. Ich habe mich mit dem Laboranten angefreundet und mich mit ihm über Strahlenwerte unterhalten. Er erzählte mir ausführlich über Normstrahlenwerte von Lebensmitteln und darüber, wie sie von „oben“ verändert werden. Wir bekamen alle Strahlenmessgeräte. Ich konnte mir drei davon besorgen. Einmal habe ich alle drei nach einem Regenschauer in den Abfluss gelegt – alle zeigten verschiedene Strahlenwerte.

Danach wurde ich nach Wetka geschickt: Routinearbeit, Totalüberholung der Ammoniakkühlanlage. Damals reparierten wir ganz intensiv verschiedene Kühlanlagen, denn aus Moskau kam die Information darüber, dass in stark gefrorenen Lebensmitteln die Radioaktivität angeblich abnimmt und dann endgültig verschwindet.

Das war meine Tätigkeit als Liquidator. Ich holte mir die Zuckerkrankheit, drei Kumpel aus meiner Brigade erkrankten an Krebs.


Elena Kirsnouskaya2

1986 war ich 26 und arbeitete als OP-Schwester in der 4. Klinik in Minsk. In der Nacht vom 3. auf den 4. Mai wurde ich durch den Boten des Kriegskommissariats geweckt. Im Einberufungsbefehl stand geschrieben, dass ich am 4. Mai 1986 um 9.00 Uhr ins Kriegskommissariat des Moskauer Stadtbezirkes der Stadt Minsk kommen sollte. Ich hatte keinen Wunsch, hinzugehen, aber als Wehrpflichtige nach dem Abschluss der medizinischen Fachschule durfte ich diese Verordnung nicht ignorieren.

Als ich dorthin kam, sah ich viele junge Frauen. Wir wurden alle in einen Raum gebeten, und hier teilte man uns mit, dass wir als Reservistinnen an einer Militärübung teilnehmen sollten. Wir wurden darüber nicht informiert, wo die Übung stattfinden und wie lange sie dauern würde. Im Kriegskommissariat wurde gefragt , ob unter uns schwangere Frauen und stillende Mütter waren. Die durften nach Hause. Ich war damals noch ledig, hatte keine Kinder. Aber ich und mein Freund hatten vor, bald zu heiraten. Ich war sehr sportlich und vorher nie ernsthaft krank.

Militärautos und Militärbusse warteten schon auf uns. Wir wurden in die Garnison Uretschje gebracht. Dort musste ich mich wie andere ausziehen und bekam Militärkleidung: eine Feldbluse mit Rock, Stiefel Größe 41. Meine Schuhgröße war 34. Keine Strumpfhose, nichts, nur Fußlappen. Dann fuhren wir weiter nach Choiniki. Diese Stadt steht noch jetzt vor meinen Augen.

Alle Straßen waren leer, wie ausgestorben, keine Menschen, keine Kinder. Läden, Post – alles war zu, wie im Krieg. Es hat geregnet, und wir sahen Pfützen mit gelben Rändern. Aber wir haben uns damals nichts dabei gedacht.

Unser Feldlazarett wurde im großen Lehrgebäude einer Fachschule eingerichtet. Wir sollten die nicht evakuierten Bewohner aus Choiniki und den umliegenden Dörfern medizinisch versorgen.

Jeden Morgen sollten wir zum Appell. Wir mussten auf dem Platz marschieren, der Staub stand in der Luft. Die Feldküche, wo wir verköstigt wurden, war auch draußen. Nach einer Woche wurden endlich Zelte aufgeschlagen, dort konnten wir unsere Mahlzeiten nehmen. Meistens gab es nur Brei. An Fleisch, Fisch oder anderes Essen kann ich mich nicht erinnern. Die Ärzte und wir Krankenschwestern aßen zusammen.

Die Strahlenwerte unserer Messgeräte bewegten sich um die Norm. Damals wussten wir so gut wie nichts über die Folgen der radioaktiven Verstrahlung. Man hat uns ständig eingeredet, dass alles in Ordnung ist. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie viele wir waren, etwa 50, alles junge Frauen, im Alter von 18 Jahren und mehr.

Wir hatten täglich Dienst, fuhren in die Dörfer der 30-Kilometer-Zone, maßen die Radioaktivität, behandelten Kranke. Ich vergesse die Menschen mit unheilbaren Wunden niemals. Wir wussten nicht, woher sie kamen. Auch die Ärzte hatten wenig Ahnung darüber. Jetzt verstehe ich, warum wir diese Wunden nicht heilen konnten.

Die Bevölkerung von Choiniki wurde evakuiert, nur ältere Leute blieben dort.

Es war kalt morgens, und wir mussten Marschschritt üben, ohne Strumpfhose. Ich wurde nach zwei Wochen krank (Entzündung der Harnblase mit Bluterguss) und konnte kein Wasser ohne Schmerzen lassen. Ich bat um Erlaubnis, zur Behandlung nach Minsk zu fahren, aber zuerst hat man es mir untersagt. Ich war für sie unentbehrlich, d. h. mich sollte jemand vertreten. Erst danach bekam ich die Genehmigung, in die Klinik nach Minsk zu fahren. Mit einem Militärauto gelangte ich dann nach Uretschje, dort bekam ich wieder meine Zivilkleidung und privaten Sachen zurück, übernachtete und fuhr nach Minsk.

Ich war lange Zeit krank, meine Krankheit wurde aber in keinen Zusammenhang mit meinem Einsatz in der Region Tschernobyl gebracht. Meine Kolleginnen, die dort länger als drei Monate blieben, hatten große Veränderungen im Blutbild.

Dann heiratete ich meinen Freund, ein halbes Jahr später wurde ich schwanger, aber nach 12 Wochen hatte ich eine Fehlgeburt mit starker Blutung. Die Ärzte sagten, dass es für mich besser so war, weil ich nach der Explosion in einer sehr verstrahlten Gegend gewesen bin. Mein Sohn Aljoscha wurde erst Ende 1989 geboren, er ist jetzt schon 20. Er darf nicht zum Militär einberufen werden, denn er hat Herzprobleme. Die Ärzte haben mir abgeraten, noch mehr Kinder zur Welt zu bringen.

1996 bekam ich große Knoten in der Schilddrüse; die Ärzte haben mir angeboten, sie herauszunehmen. Damals wurde dieser Schilddrüsentumor mit Tschernobyl verbunden. Seit jener Zeit gelte ich als behindert.

Ich kann nicht begreifen, warum so junge Frauen nach Tschernobyl geschickt wurden. Sie wurden doch alle kontaminiert, was nicht nur für ihre Gesundheit, sondern auch für die ihrer Kinder negative Folgen hat und haben wird.


Fußnoten:


  1. Yefim Shmidow wurde am 10. Juli 1947 in Wetka, Gebiet Gomel, geboren. Ausbildung: neun Jahre Schule, drei Jahre als Rundfunk- und Fernsehtechniker. Seit 1972 als Experte für Kühltruhen in der Konsumgenossenschaft des Gebiets Gomel tätig. 

  2. Elena Kirsnouskaya wurde am 16. Dezember 1959 in Minsk geboren. Ausbildung zur Krankenschwester, dann Weiterbildung zur Krankengymnastin an der Sportakademie.