„Scheitern aus sich selbst heraus.“

Ein Gespräch über Russland mit dem Historiker Dietmar Neutatz
aus OWEP 4/2014  •  von Ruth Renée Reif

Die Gesamtbilanz des sowjetkommunistischen Experiments sei so negativ, befindet der Historiker Dietmar Neutatz, dass er sich eine neuerliche Strahlkraft des Kommunismus nicht vorstellen könne. In seinem Buch „Träume und Alpträume. Eine Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert“ (Verlag C.H. Beck, München 2013) schildert er Russlands Weg in die Moderne und vermittelt Einblick in die dramatischsten Umbrüche der russischen Geschichte. Zugleich richtet Neutatz, Professor für Neuere und Osteuropäische Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau, den Blick auf die Lebenswelten der Menschen und setzt sich mit Fragen des Alltags, der Mentalitäten und der kulturgeschichtlichen Veränderungen auseinander. – Das Gespräch mit ihm führte die Journalistin Dr. Ruth Renée Reif.

Prof. Dr. Dietmar Neutatz (Foto von Dr. Ruth Renée Reif zur Verfügung gestellt)

Herr Professor Neutatz, die westliche Logik scheitere in der Anwendung auf Russland, erklärte der Schriftsteller Andrej Bitow in einem Interview. Und auch Sie beginnen Ihre Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert mit Fedor Tjutschews Ausspruch, dass Russland mit dem Verstand nicht zu begreifen sei. Sind das Versuche, sich von der Verantwortung für die Geschichte, die ja sehr blutig war, freizusprechen?

Der Versuch, die eigene Geschichte aus bestimmten Bewertungen herauszunehmen, spielt bei diesen Stellungnahmen, die auf die Nichtverstehbarkeit und die Notwendigkeit zu glauben abheben, zweifellos eine Rolle. Man kann solche Aussagen aber auch als Skepsis gegenüber einem voreiligen Urteil aus westeuropäischer Perspektive deuten. Es besteht in der Geschichtsschreibung über Russland die Tendenz, leichtfertig eine Rückständigkeit zu behaupten und mitteleuropäische Maßstäbe anzulegen. In den letzten zwanzig Jahren fand eine heftige Diskussion darüber statt, sich von dieser unreflektierten Normativität zu lösen und Russland in seiner Spezifik und Vielgestaltigkeit zu begreifen, statt es an dem zu messen, was es in ihm nicht gibt. Sonst kommt immer eine Defizitge-schichte heraus.

Lässt man die Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert Revue passieren, drängt sich dennoch der Eindruck auf, als hätte die wich-tigste Aufgabe darin bestanden, das Land zu modernisieren …

Das erscheint nicht nur in der Außenperspektive, sondern das wurde auch von den russischen Eliten durchgängig so empfunden. Es war über drei Jahrhunderte hinweg ein Leitmotiv, auch wenn immer Ge-genstimmen existierten, die einen anderen Weg propagierten und die Konzepte, die sich die Eliten ausdachten, mit dem kontrastierten, was in den Dörfern und Provinzstädten ankam und aufgenommen wurde. Im Grunde begann diese Herausforderung, aufzuholen gegenüber den anderen Großmächten, das Land zu verändern und an Westeuropa anzugleichen, bereits um 1700 mit Peter dem Großen.

Eine Bevölkerungsgruppe, die im Zusammenhang mit Russland und der Russischen Revolution häufig genannt wird, ist die Intelligenzija. Sie verwenden den Begriff bereits bei der Darstellung der Jahrhundertwende. Ist die Intelligenzija ein typisch russisches Phänomen oder ein Zeitphänomen?

Beides. Ich würde den Begriff Intelligenzija in dieser Spezifik nur bis 1917 gelten lassen. Er hat eine andere Semantik, als wenn wir von Bildungsbürgertum oder von Intellektuellen sprechen. Im Gegensatz zu Deutschland etwa, wo sich das Bildungsbürgertum immer mit dem Staat identifiziert hat, war die russische Intelligenzija im vorrevolutionären Russland oppositionell und kritisch gegenüber der Obrigkeit. Das gilt aber nur bis 1917. Nach der Machtergreifung der Bolschewiki bestand keine Möglichkeit mehr, als kritischer Intellektueller aufzutreten. Deswegen wende ich den Begriff nur auf die vorrevolutionäre Zeit an.

George F. Kennan nannte den Ersten Weltkrieg die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“. Gilt das auch für Russland?

Der Erste Weltkrieg war entscheidend dafür, dass es zum Revolutionsjahr 1917 kam. Aber er war nicht die „Urkatastrophe“, nicht der Startpunkt der großen Veränderungen des 20. Jahrhunderts. Die Probleme waren schon vorher angelegt. Der Interpretationsansatz der Buchreihe „Europäische Geschichte im 20. Jahrhundert“, wie ihn mein Freiburger Kollege Ulrich Herbert formuliert hat und wie er meiner Geschichte Russlands zugrunde liegt, geht von einem „langen“ 20. Jahrhundert aus, das nicht erst 1914 begann, sondern bereits um 1890 einsetzte. Um diese Zeit kam eine neue Wandlungsdynamik in Richtung auf die industrielle Moderne zum Tragen. Soziale Konflikte nahmen ihren Anfang und es wurden politische Veränderungen in Gang gesetzt, die auf das 20. Jahrhundert ausstrahlten. Der Erste Weltkrieg war dann der Scharfmacher, der aus den Problemen das explosive Gemisch erzeugte, das in Russland zur Revolution führte, in Italien zum Faschismus und in Deutschland zum Nationalsozialismus.

In Ihrem Buch meiden Sie den Begriff Revolution und schreiben stattdessen von „Revolutionskrisen“ oder vom „Zivilisationsbruch“. War die Russische Revolution keine Revolution?

Es gab 1905 eine Revolution und im Februar 1917 und es gab eine bolschewistische Revolution. Das heißt, die Auseinandersetzungen im Februar 1917, als die Massen auf die Straße gingen und demonstrierten, waren eine Revolution. Die Machtergreifung der Bolschewiki im Oktober 1917 war keine Massenbewegung und nicht das, was man sich unter einer Revolution vorstellt. Sie wurde erst durch die Umgestaltung, die die Bolschewiki im Land vornahmen, zu einer Revolution. Was sich in den Folgemonaten nach der Machtergreifung der Bolschewiki ereignete, war zweifellos eine Revolution. Die Ereignisse vom Oktober 1917 selbst waren dagegen ein gut geplanter und zielstrebig ablaufender Putsch von Lenin und Trotzki. Sie wurden von der Bevölkerung auch nicht als Revolution wahrgenommen. Selbst in Moskau und St. Petersburg realisierten die Menschen nicht, was geschehen war. Sie glaubten an eine weitere Regierungsumbildung, wie im Laufe der vergangenen Monate schon viele stattgefunden hatten.

Lenin kommt bei Ihnen nicht gut weg. Er habe „unbeschränkte Staatsmacht, beruhend auf Gewalt im buchstäblichen Sinn des Wortes“, als sein Ziel betrachtet, schreiben Sie. Darüber hinaus gibt es sogar die These, dass die Lager, die man eigentlich Stalin zuschreibt, Lenins Idee waren. Bestehen dafür Belege?

Lenin kommt definitiv nicht gut weg. In den siebziger Jahren gab es Historiker, die eine gewisse Sympathie für das kommunistische Projekt hatten und zu differenzieren suchten zwischen der gewaltsamen Entartung unter Stalin und dem, was Lenin eigentlich gewollt hatte. Inzwischen aber hat man sich davon verabschiedet. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den beiden. Stalin überspitzte alles ins Groteske. Ein solches Ausmaß an Terror wie in den dreißiger Jahren gab es unter Lenin noch nicht. Das Prinzip der Gewaltausübung gegen Andersdenkende und jede Opposition, die Errichtung von Lagern und die Erschießung von Menschen, die als gefährlich erschienen, waren jedoch von Anfang an Elemente der Herrschaft. Die ersten Lager waren 1918 schon da, wenn auch noch nicht Millionen darin saßen, wie das dann unter Stalin der Fall war.

Wenn Sie die Aufarbeitung des stalinistischen Terrors in den Blick nehmen, bestehen da heute noch Tabus?

Nein. Schon unter Gorbatschow begann man, sich mit diesem Terror auseinanderzusetzen. Auch die wesentlichen Archivfunde passierten bereits relativ früh. In Russland gibt es maßgebliche Stalinismus-Forscher. Was man allerdings unter Putin in Russland verstärkt beobachten kann, ist die Tendenz zu einer harmonisierenden Betrachtung der sowjetischen Geschichte. Es gibt zwar keine Tabus. Aber es werden bestimmte Vorgänge mit einer harmonisierenden Sinnstiftung versehen. Ein beliebtes Narrativ noch aus sowjetischer Zeit, das man bis heute in russischen Schulbüchern findet, zielt auf den drohenden Krieg ab, der den Zwang mit sich gebracht hätte, das Land mit außerordentlichen Maßnahmen zu modernisieren, eine Schwerindustrie aufzubauen und dabei all die Opfer in Kauf zu nehmen. Damit werden die stalinistischen Verbrechen der dreißiger Jahre verbrämt.

Wie bewerten Sie die Haltung der orthodoxen Kirche? Muss man nicht feststellen, dass sie sich häufig mit den jeweiligen Machthabern arrangiert hat, ohne diese Verstrickungen jemals aufgearbeitet zu haben?

In den zwanziger und dreißiger Jahren war die orthodoxe Kirche zunächst eine verfolgte Kirche. Da wurden massenhaft Priester inhaftiert und erschossen. Kirchen wurden geschlossen oder in Getreidespeicher umgewandelt. Die interessante Wende passierte während des Zweiten Weltkrieges. Stalin nahm in dieser Situation der existenziellen Bedrohung des Landes durch den deutschen Überfall und der Notwendigkeit, alle Ressourcen zu mobilisieren und zu verhindern, dass das Land auseinanderbricht, Kontakt mit der Kirchenführung auf und es kam zu einem merkwürdigen Arrangement: Die Kirche reihte sich ein in die gemeinsame Abwehrfront und unterstützte das Regime, während Stalin als Gegenleistung Zugeständnisse einräumte. Das stand in einer gewissen Tradition, weil sich die orthodoxe Kirche seit jeher nicht als einen Gegenpol zum Staat verstand, sondern seit dem Mittelalter in einer Symbiose mit dem Staat sah. Es gibt diese Metapher von der „sinfonia“ zwischen der orthodoxen Kirche und dem russischen Staat. Unter Chruschtschow veränderte sich dieses Verhältnis wieder zum Negativen. Chruschtschow ging zwar als der Politiker in die Geschichte ein, der die Entstalinisierung vornahm und den Terror abschaffte. Aber gegenüber der Kirche zog er mit einer repressiven Politik die Zügel wieder an.

1989/90 feierte man zunächst den Sieg des Kapitalismus. Zwanzig Jahre und einige Wirtschaftskrisen später trübt sich diese Euphorie. Könnte es von daher noch einmal zu einer Neubewertung des Kommunismus und der „Diktatur des Proletariats“ kommen?

Grundsätzlich schreibt jede Generation die Geschichte neu. Das ist ein Prinzip der Geschichtswissenschaft, die nicht nur darin besteht, festzustellen, was war, sondern zu interpretieren und eine Sinnstiftung zu betreiben hat im Hinblick auf die Vergangenheit. Es ist ein bekanntes Phänomen, dass eine neue Generation von Historikern gegen das anschreibt, was die Generation vor ihr vertreten hat. Daher schließe ich nicht aus, dass spätere Generationen die Zeit des Sowjetkommunismus anders bewerten, als wir das heute tun. Sie können allerdings nicht ignorieren, was an Befunden vorliegt. Und da ist die Gesamtbilanz dieses sowjetkommunistischen Experiments eindeutig so negativ und ein so klares Scheitern aus sich selbst heraus, dass eine fundamental andere Interpretation schwer vorstellbar ist. Einen grundsätzlichen Glauben an die Ausstrahlungskraft des Kommunismus, der in den siebziger und Anfang der achtziger Jahre bis in die Dritte Welt wirksam war, kann ich mir nach dem eindeutigen Scheitern dieses Systems nicht vorstellen.

Auch in Russland nicht?

Es gibt natürlich nach wie vor Kommunisten in Russland. Und es gibt Menschen, die der Sowjetunion als Staat nachtrauern. Immerhin war sie eine Supermacht, ein Vielvölkerreich. Dass so ein Staat nicht mehr existiert, international deklassiert ist und wie es in den neunziger Jahren der Fall war, nicht als gleichberechtigt behandelt wird von den USA, muss man erst einmal verkraften. Aber dabei geht es nicht um den Kommunismus, sondern die Sowjetunion als Bezugspunkt. Etwas anders gelagert ist die Nostalgie, die viele Angehörige der älteren Generation für die frühe Breschnew-Ära empfinden, also die sechziger und frühen siebziger Jahre, die als die „goldenen Jahre“ der Sowjetunion gelten, bevor die Wirtschaft kollabierte. Diese Nostalgie ist vor dem Hintergrund der schweren sozialen Verwerfungen der neunziger Jahre entstanden und heute noch lebendig. Ich denke aber, dass sie an die Erlebnisgeneration gebunden ist.