OWEP 1/2019

OWEP 1/2019

Schwerpunkt:
Meere im Osten und Südosten Europas

Editorial

„Das Meer“ – oder die Meere sind uns selbstverständlich geworden. Sie gehören einfach dazu. – Zu was? – Zu unserer Erde. Zu unseren Urbildern, die wir in uns tragen. Es gibt ja auch das „Meer in uns“.

Es ist aber gar nicht selbstverständlich, dass es „das Meer“ gibt. Wir wissen – trotz jahrhundertelanger naturwissenschaftlicher Forschungen – nicht wirklich, was das Meer „ist“, wie die Meere entstanden sind, wie ihre Zukunft sein wird. Das Meer ist kein Rätsel. Es ist und bleibt ein Geheimnis. Rätsel können wir – fast immer – lösen. Ein Geheimnis ist nicht lösbar.

Die Mythen der Menschheit konnten folglich auf das Meer nicht verzichten. Seit Menschengedenken, seit Urzeiten handeln sie davon. Dort ist das Meer vielfach besetzt: positiv wie negativ und dazwischen. Mal ist es dort das Bild für Sehnsucht „nach me(e)hr“, Für Weite und Ferne. Mal ist es die Verkörperung, die Verstofflichung der alles verschlingenden Abgründe in uns und des unberechenbaren Bösen, das plötzlich aus dem Herzen des Menschen aufsteigt. Alle heiligen Schriften aller Religionen berichten davon und beziehen sich auf das Meer.

Das Meer ist ein Symbol für Licht und Dunkel, für Leben und Tod, für Werden und Vergehen, Stille und Sturm, für Zeit und Ewigkeit. Das wird es auch bleiben. Weil es letztlich unfassbar ist.

Natürlich versucht sich der Mensch auch der unlösbaren Geheimnisse zu bemächtigen, sie in den Griff zu bekommen, sie sich, wörtlich verstanden, untertan zu machen. So wurde und wird das Meer zum Handelsplatz, zum Marktplatz, zum Kampfplatz, zum Kriegsschauplatz. Aber auch zum Ort menschlicher Träume und Alpträume. Kaum ein Roman in der Literaturgeschichte kommt ohne „des Meeres und der Liebe Wellen“ (Grillparzer) aus.

Der endliche Mensch steht fasziniert und erschrocken vor „dem Meer“. Faszination und Erschrecken sind die beiden Urkonstituanten der Religion. Ist es dann ein Wunder, dass das Meer zu den Urbildern unserer Existenz gehört? Es ist kein Wunder! Und doch ein Wunder!

Wenn man in die grundlegenden Texte aller Religionen einsteigt, eintaucht, aus ihnen wieder aufsteigt und auftaucht, wird einem klar, dass das Meer etwas „ohne Anfang und Ende“ ist.

In dieser Ausgabe von OST-WEST. Europäische Perspektiven nehmen wir europäische Meere in den Blick. Das ist schon Stoff genug. Würden wir weiter schauen, wir verlören uns in der Unendlichkeit der Weltmeere. Konkret heißt das: Nach einem einführenden Überblick geht es unter verschiedenen Hinsichten um einzelne Meere in der Perspektive auf ihre Geschichte und ihre Geschichten, auf die politischen, kulturellen, wirtschaftlichen Auseinandersetzungen, in denen sie eine wichtige, manchmal auch eine entscheidende Rolle spielten.

Vorgestellt werden – in alphabetischer Reihenfolge – die Adria, das Asowsche Meer, das jüngst wieder zum Brennpunkt einer Auseinandersetzung geworden ist, das Kaspische Meer, bedroht von den Folgen einer raubbaumäßigen Umweltpolitik, das Marmarameer, die Ostsee – Platz vieler Kriege –, das Schwarze Meer und das Weiße Meer.

Wie gesagt: Wir haben eine Auswahl getroffen. Das mussten wir. Sonst wären wir in der Fülle der Meere und ihrer Fakten untergegangen. Aber Appetit machen wollten wir unseren Leserinnen und Lesern schon, sich mit dem Thema selbst und intensiver zu beschäftigen, einzutauchen in ein endlich-unendliches Thema, das, bei Licht und bei Dunkelheit betrachtet, über alle politischen, kulturellen oder sonstigen Gesichtspunkte hinaus, uns vor grundlegende Fragen unseres Lebens, ja unserer menschlichen Existenz führen und uns Hunger nach Me(e)hr machen kann.

Oder, um es mit einem nüchternen Satz aus dem einführenden Artikel dieser Ausgabe zu sagen: „Aber die Rolle der Meere geht weit über die eines Transportmediums hinaus.“

Meere bleiben Fakten und Geheimnisse zugleich.

Die Redaktion

Kurzinfo

Meere üben seit jeher eine Faszination auf die Menschen aus: Sie wecken Abenteuerlust und Sehnsucht nach der Ferne, flößen aber auch Unsicherheit, sogar Angst ein, wenn sich der Mensch der Größe und des Umfangs der Wasserfläche bewusst wird. Meere sind außerdem wichtige Handelswege, an ihren Ufern entstanden Kulturen, Staaten, Imperien. Schließlich sind Meere trotz der Tatsache, dass ihre Grundlage das Element „Wasser“ bildet, das den „blauen Planeten“ innerhalb des Sonnensystems einmalig macht, äußerst vielgestaltig: vom gewaltigen Ozean über das Randmeer bis hin zu einem Neben- oder Binnenmeer, dessen Fläche sich kaum von der eines Sees unterscheidet.

Meer ist also tatsächlich „mehr“, es bietet dem Geographen, Historiker und Kulturwissenschaftler eine Fülle von Anknüpfungspunkten. Die aktuelle Ausgabe von OWEP stellt daher im Rahmen der kleinen kulturhistorischen Reihe einige Meere im Osten und Südosten Europas vor. Die bereits angedeutete Breite des Begriffs „Meer“ wird im Editorial deutlich, das durch eine Skizze zur Lage der vorgestellten Meere ergänzt wird. Eine Hinführung zum Thema bietet im Anschluss daran Prof. Dr. Michael North, Lehrstuhlinhaber für Allgemeine Geschichte der Neuzeit an der Universität Greifswald; aus seinen Ausführungen wird erkennbar, dass die Geschichte Europas eher aus der Perspektive der Meere als aus der der Länder erklärt werden sollte.

Eröffnet wird die Reihe der vorgestellten Meere mit der Adria, einem Nebenmeer des Mittelmeers und, wie der Autor Prof. Dr. Aleksandar Jakir, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Split, hervorhebt, zugleich ein „europäischer Sehnsuchtsort“. Uralter Kulturraum seit der Antike, von Dichtern besungen, lange Zeit Herrschaftsraum der „Serenissima“ Venedig, leidet die Adria heute an den Folgen von Massentourismus und Umweltzerstörung. So verwundert es nicht, dass der Beitrag mit einem Appell zum Schutz der Adria endet, der ohne Weiteres auf die Situation anderer Meere übertragen werden kann.

Wesentlich kleiner, jedoch von vielleicht noch größerer geschichtlicher Bedeutung ist das Marmarameer zwischen Europa und Asien oder, geographisch präziser, zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer gelegen. Dr. Andreas Gerstacker, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Alte Geschichte der Universität der Bundeswehr in Hamburg, schildert detailreich die Geschichte der nur knapp 12.000 Quadratkilometer großen Wasserfläche mit den Übergängen „Dardanellen“ zum Mittelmeer und „Bosporus“ zum Schwarzen Meer. Wichtige Städte wie Byzanz und Nicäa entstanden an seinen Ufern, und seit Konstantin dem Großem bildete es mit der neuen Reichshauptstadt Konstantinopel den Mittelpunkt des Römischen Reiches. Der Autor führt die Entwicklung der Region bis in die Gegenwart fort und zeigt damit, dass das Marmarameer auch im 21. Jahrhundert für Handel und Politik am Übergang von Europa nach Asien eine wesentliche Rolle spielt.

Der Nordausgang des Bosporus führt in das Schwarze Meer, das Priv.-Doz. Dr. Stefan Albrecht, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz, vorstellt. Treffend unterteilt er seine Darlegung in die Abschnitte „Pontos Axeinos“, abweisendes oder unwirtliches Meer, und „Pontos Euxeinos“, gastfreundliches Meer – sie beschreiben das Meer zum einen als abweisende Größe, an dessen Ufern unbekannte Gefahren drohen, sogar als Ort der Verbannung (man denke an Ovid), und zum anderen als Drehscheibe des Handels am Übergang von Europa nach Asien, an dessen Küsten zahlreiche Städte und Staaten entstanden und wieder verschwunden sind. Griechische, russische und türkische Geschichte hat sich an den Ufern des Schwarzen Meers abgespielt und es zu einem immer noch zu wenig bekannten Schauplatz der Weltgeschichte gemacht.

Das Asowsche Meer, Schwerpunkt des folgenden Beitrags, ist ein kleines nördliches Nebenmeer des Schwarzen Meeres mit der ungefähren Größe der Schweiz, das im Gegensatz zu den vorher vorgestellten Meeren bisher in der Geschichte kaum eine Rolle gespielt hat. Dies hat sich mit der Annexion der Krim durch Russland 2014 geändert, denn nun wird der Zugang zum Asowschen Meer von Russland kontrolliert, womit die Ukraine als zweiter Anrainer politisch wie wirtschaftlich in die Defensive gedrängt worden ist. Seit November 2018 schwelt ein zusätzlicher Konflikt infolge der Festsetzung ukrainischer Seeleute durch Russland wegen angeblicher Grenzverletzung. Der in Berlin tätige Osteuropahistoriker Wilfried Jilge skizziert Vorgeschichte und Ablauf des Zwischenfalls am Übergang vom Schwarzen zum Asowschen Meer; eine Lösung zeichnet sich jedoch noch nicht ab.

Mit dem Kaspischen Meer folgt in der Reihe der Darstellungen ein echtes Binnenmeer, sodass es zugleich als größter See unseres Planeten (von der Fläche ungefähr so groß wie Schweden) bezeichnet werden kann. Auch hier trifft, wie Prof. Dr. Rudolf Mark, Professor für Geschichte Mittel- und Osteuropas an der Universität der Bundeswehr in Hamburg, schreibt, die Lage „am Schnittpunkt von Europa und Asien“ zu. Anders als das Schwarze Meer ist der Kaspisee erst seit der frühen Neuzeit von Europa aus genauer erforscht worden; lange Zeit waren Umfang und Lage nur vage bekannt. Heute bemühen sich die Anrainer – neben Iran und Russland drei weitere Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion – um gemeinsame Regelungen zur wirtschaftlichen Nutzung und Eindämmung der zunehmenden Umweltverschmutzung.

Weit in den Norden Russlands führt Prof. Dr. Roy Robson, Professor für Geschichte an der Penn State University in Abington/USA, die Leserinnen und Leser mit seinem Beitrag über das Weiße Meer. Obwohl abgelegen von den russischen Metropolen, wurden die Küsten dieses Randmeeres und die in ihm gelegenen Solowki-Inseln schon im Mittelalter besiedelt. Das Inselkloster spielte in der russischen Geschichte mehrfach eine wichtige Rolle, zuletzt als Teil des Gulag-Systems. Seit dem Ende der Sowjetunion nimmt die Bedeutung des Tourismus für die Region zu, was allerdings auch Risiken für das empfindliche Ökosystem mit sich bringt.

Abgeschlossen wird die Reihe der Texte durch Prof. Dr. Michael North, Autor des Einführungsbeitrags, mit einem geschichtlichen Überblick über die Ostsee als „Schauplatz nordeuropäischer Geschichte“. Ausgehend von den verschiedenen Bezeichnungen für dieses Randmeer (je nach Sicht der Anwohner „Ostsee“, „Östliche See“ oder „Westsee“) gibt er einen Überblick über die historische Entwicklung von der Spätantike über die Rolle der Wikinger/Waräger, den Aufstieg und Niedergang der Hanse bis zur Entstehung der Nationalstaaten in der frühen Neuzeit. Abgerundet wird dieser Streifzug durch einen Blick auf die Ostsee als Landschaftserlebnis seit der Romantik im frühen 19. Jahrhundert, der eng verbunden ist mit der Entstehung der Seebäder an ihren Küsten.

Als zusätzliche Information enthält jeder Beitrag einen Textkasten mit Basisdaten zum jeweiligen Meer. Außerdem bietet das Heft eine Reihe von Bildern und Kartenausschnitten.

Ein Ausblick auf Heft 2/2019, das im kommenden Mai erscheinen wird: Es ist dem Thema „Bildung in Mittel- und Osteuropa – Stand und Perspektiven“ gewidmet und enthält neben zwei grundlegenden Beiträgen zum Begriff „Bildung“ und zur Entwicklung von Bildungssystemen in Mittel- und Osteuropa in den letzten Jahrzehnten (Schwerpunkt: Polen und Ukraine) Beispiele für verschiedene Schulformen von der Vorschule bis zur Universität u. a. aus Rumänien und der Republik Moldau. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Gestaltung des Religionsunterrichtes mit Beispielen aus Bulgarien, Estland und Polen.

Dr. Christof Dahm

Inhaltsverzeichnis

4
Verschlungene Meere. Eine Einführung.
Michael North
11
Die Adria: Teil des Mittelmeeres und europäischer Sehnsuchtsort
Aleksandar Jakir
21
Mehr als ein türkisches „mare nostrum“ – das Marmarameer in der Antike und heute
Andreas Gerstacker
31
„Pontos Axeinos“ und „Pontos Euxeinos“: Das Schwarze Meer
Stefan Albrecht
42
Wer kontrolliert das Asowsche Meer? Hintergründe zum Russland-Ukraine-Konflikt
Wilfried Jilge
52
Am Schnittpunkt von Europa und Asien: Das Kaspische Meer
Rudolf A. Mark
60
Das Weiße Meer: Idylle und Schrecken
Roy Robson
69
Schauplatz nordeuropäischer Geschichte: Die Ostsee
Michael North